Montag, 4. August 2014

Nur Bares ist Wahres


Ich liebe dieses visionäre Nerd-Gerede. Diese Typen, die irgendeine neue Technik im Gepäck haben und deshalb herumtönen, dieses oder jenes werde ob dieser genialen Erfindung definitiv demnächst aussterben. Gern erinnert man sich da zum Beispiel an die Prophezeihung, die Vernetzung von Computern würde unsere Büros ganz bald schon völlig papierlos machen. Selten so gelacht! Jetzt meint James Barrese, seines Zeichens Technologievorstand bei PayPal, in einem Interview, das Bargeld sei am Arsch und völlig zu recht auf dem Rückzug. Es sei unpraktisch und vor allem unhygienisch, bargeldlos sei viel bequemer. Sein Fazit: Nur Freaks halten noch am Bargeld fest.

So siehst du aus, Freundchen! Natürlich finden Leute wie Barrese Bargeld voll doof, aber nicht der Hygiene, sondern der Anonymität wegen. Denn immer dann, wenn Bares über den Tisch geht, entgehen ihnen wichtige Daten über ihre Kunden. Wer einmal den Überblick über alle Käufe aller Menschen hat, der macht das, was NSA und GCHQ begonnen haben, komplett. Nein, ein für allemal, den Teufel werde ich tun, auf Bargeld zu verzichten! Man wird mir die letzten Münzen und Scheine aus meinen kalten, toten Händen reißen müssen. Nur Bares ist Wahres. Und wenn ein hauptberuflicher Datenstaubsauger mich deswegen einen anachronistischen Schwachkopf nennen will, dann kann ich hervorragend damit leben.

Bargeld mag sicher seine Nachteile haben, ja, auch in hygienischer Hinsicht. Doch hat es zwei Vorteile, die ich unter keinen Umständen missen will: Anonymität und Haptik. Niemand kann meine Käufe registrieren und nachverfolgen, weil Barzahlung normalerweise nicht mit meinem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Finde ich gut. Und ich kann es anfassen und zählen. Wer jemals in der Situation war, knapp bei Kasse zu sein und mit seinem Geld haushalten zu müssen, kennt vermutlich den Trick, all seine zur Verfügung stehenden Penunzen zu Anfang des Monats oder der Woche in bar abzuheben und sie sich einzuteilen.

Bargeldloses Zahlen dagegen ist abstrakt und verführt zu hemmungslosem Kaufen. Kein Zufall, dass die Kreditkarte zum wichtigsten Requisit für Shopping geworden ist, die Lieblingsbeschäftigung aller, die das Zusammenraffen von weitgehend sinnlosem Plunder ernsthaft für ein Hobby halten und sich über Preis und Menge des zusammengerafften Plunders definieren. Selbst wenn ich nur meinen wöchentlichen Lebensmitteleinkauf per Karte zahle, gebe ich meist mehr aus als wenn ich bar zahle. Es ist ja so praktisch. Nur der Dispo ist die Grenze.

Man könnte den Spieß auch umdrehen und sagen, nur schmerzfreie Freaks, die kein Problem damit haben, sich bis in den letzten Winkel ihres Daseins ausspionieren zu lassen, würden das Bargeld aufgeben wollen.

Übrigens kann man Bäckereifachverkäuferinnen auch anweisen, Brot nicht mehr mit bloßen Händen anzufassen, wie das bereits vielerorts geschieht. Oder man kann sich weniger anstellen. Denn selbst wenn die Verkäuferin mein Brot nicht anfasst, dann kann ich immer noch nicht sicher sein, ob der Bäcker in der Backstube sich nicht am Arsch gekratzt oder in der Nase gepopelt hat, bevor er den Laib in die Kiste gepackt hat. Da nützt auch die Abschaffung allen Bargeldes nichts. Möglich auch, dass noch vor dem Bargeld die Bäckereien aussterben, weil alle ihre Semmeln nur noch bei diesen SB-Aufbackstationen kaufen.

Kommentare :

  1. Ein ganz wichtiger Aspekt ist auch die Kontrolle der Banken! Seit Jahren werkelt man daran, den Menschen das Bargeld abzutrainieren. Denn im Falle eines nächsten Banken-Finanzcasino-Crash´s hat man eine noch größere Kontrolle über das Geld der Bevölkerung. Denn wovor die Banken natürlich große Angst haben, ist, dass mehr und mehr Menschen ihre Kohle von der Bank abheben - dann haben die Banken-Gangster weniger Geld zum verzocken.

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  2. Ein wichtiger und guter Text, danke dafür. Die Pläne der Bande, das Bargeld komplett abzuschaffen, sind in der Tat nicht neu - beispielsweise in Springers "Welt" war schon 2012 ein erhellender Bericht über die Situation in Schweden zu lesen, in dem die Kritik an diesem Vorhaben vornehmlich den "rückwärtsgewandten" und "unmodernen" Alten in die Schuhe geschoben wurde. Die wichtigsten Punkte, nämlich die komplette Überwachung der Menschen, die externe Kontrollmöglichkeit über den Zugriff aufs Geld sowie der auf diese Weise generierte zusätzliche Profit für Banken kommt in diesem Text natürlich gar nicht vor.

    Ich jedenfalls habe schon vor vielen Jahren damit aufgehört, meine EC-Karte für etwas anderes als zum Geldabheben zu benutzen.

    Liebe Grüße!

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  3. Geldabheben, um es in bar besser einteilen zu können? Fortschrittsfeindlicher Unsinn! Es gibt sicher eine App (oder es könnte sie geben), mit der man die vorhandenen Finanzmittel genauso portionieren und einteilen kann, wie man das mit Bargeld in Briefumschlägen könnte. Dann könnte man ohne Bargeld auskommen und alles bequem online haben, ohne - bei entsprechender Selbstdisziplin - deswegen mehr oder zuviel auszugeben. Gleichzeitig trägt man durch Nutzung von Services wie mobiles Internet, Online-Banking, App-Kauf, bargeldlose Abwicklung von Zahlungen usw. zum Bruttoinlandsprodukt (oder wie das jetzt heißt) bei. Win-win!
    *hüstel*

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  4. Ich benutze meine EC Karte auch nur zum Geldabheben.Die einzige Karte mit persönlichen Daten ist meine Krankenkarte.Bei der habe ich mich vergeblich dagegen gewehrt(witzig ist,dass es dazu geführt hat,dass ich meinen Hausarzt wechseln musste,der hat wegen des vermehrten Papierkrams keinen Bock mehr gehabt/mit 58 Jahren!!!)Vergeblich versuchen mich einige von Payback,Kundenkarten usw zu überzeugen.Ich habe keinen Bock drauf,dass etliche Firmen erfahren,was ich kaufe und wieviel Geld ich wohl zur Verfügung habe.Wozu diese Kreditkartensucht führt,sieht man ja in den USA.

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  5. .....und da gibt es noch was ganz besonders Wichtiges....ohne Bargeld gibt es kein Schwarzgeld mehr......also die totale Kontrolle.....

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