Dienstag, 26. August 2014

Promis on the rocks


Grundsätzlich ist es ja schön, wenn die Initiatoren einer Spendenkampagne neue und originelle Wege beschreiten, um an möglichst viel Geld zu kommen. Ein Beispiel ist die ALS Ice Bucket Challenge, die seit einiger Zeit durchs Netz geistert. Es sollen Spenden gesammelt werden für Erforschung und Bekämpfung der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer irreversiblen Nervenerkrankung, die so gut wie nicht zu behandeln ist und in der Regel tödlich verläuft (prominentestes Todesopfer in Deutschland ist der 2007 verstorbene Maler Jörg Immendorff). Ein seriöser und guter Zweck, gar keine Frage.

Die Challenge besteht bekanntlich darin, ein Video ins Netz zu stellen, in dem man sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf kippt und drei weitere Personen benennt, die das binnen 24 Stunden nachzumachen haben. Wer ablehnt, kann sich mit einer Spende in Höhe von 100 Dollar gewissermaßen freikaufen. Man nenne mich moralinsauer oder meinethalben auch eine Spaßbremse, aber trotz des zweifellos ehrenwerten Ziels, hinterlässt der ganze Zauber bei mir aus mehreren Gründen einen schalen Nachgeschmack.

Da wäre einmal, dass die Aktion inzwischen weitgehend zur reinen Show geworden ist. Es mag vielleicht amüsant sein, Promis dabei zuzuschauen, wie sie sich einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf schütten bzw. schütten lassen. Problematisch wird es aber, wenn der ernste Hintergrund der Aktion völlig in den Hintergrund zu treten scheint und viele das nur noch als Chance nehmen, in erster Linie sich selbst in Szene zu setzen. Man fühlt sich an jene Zeiten erinnert, in denen jeder, der etwas auf sich hielt, öffentlich mit knopfäugigen Robbenbabys herumschmuste und man nicht mehr recht wusste, um was es dabei eigentlich ging.

So nutzte das wandelnde Aufmerksamkeitsdefizit Oliver Pocher die Challenge in erster Linie dazu, sich in gewohnter Weise allen aufzudrängen und die Netzgemeinde unter anderem mit einer so ungelenken wie unlustigen Angela-Merkel-Parodie zu behelligen, weil die Kanzlerin seine Nominierung zur Überraschung aller ignoriert hatte. Man fragt sich, wem noch eine tödliche Krankheit in den Sinn kommt, wenn Schlagerbabe und Everybody's Darling Helene Fischer sich, professionell ausgeleuchtet, des T-Shirts entledigt und ihren trainierten, nur mit einem BH bedeckten Oberkörper präsentiert? Ist es bloß meine überbordende Phantasie, die eine Horde enthemmter Spaßbacken vor meinem geistigen Auge erscheinen lässt, die "Ausziehen! Ausziehen!" fordert?

Ärgerlich ist nämlich der inzwischen quasi erpresserische Charakter des Ganzen. Klar, im Falle der nassgemachten Adabeis trifft es keine Armen und sie profitieren auch durch die Publicity, die sie bekommen. Aber hat noch irgendein halbwegs bekannter Kopf aus dem Showgeschäft die Chance, die Nominierung abzulehnen, ohne deswegen unten durch zu sein? Spenden sammeln für eine sinnvolle Sache geht, wie gesagt, völlig in Ordnung, solange das Spenden letztlich freiwillig geschieht. Jeder muss grundsätzlich die Möglichkeit haben, nein zu sagen und das Recht haben, dass das auch respektiert wird, weil jedem zuzubilligen ist, seine Gründe zu haben, die andere zunächst einmal nichts angehen.

Daher ist mir das Prinzip des Mitmachenmüssens auch so zuwider. Mir waren schon immer diese Bettelkampagnen suspekt, bei denen mir engagierte junge Menschen gar erschröckliche Bilder massakrierter Kälbchen oder von Flüchtlingskindern unter die Nase halten und mir mehr oder weniger unterschieben: Wenn du im Angesicht dieser Bilder nicht augenblicklich die Börse zückst, Fremder, dann bist du nicht nur ein herzloser Ignorant, nein, du machst dich auch mitschuldig am Tode Tausender Menschen und/oder wehrloser Tiere. Willst du das etwa? Wer so vorgeht, handelt im Grunde nicht viel anders als eine Drückerkolonne. Ich entscheide immer noch mit meinem Großhirn, ob ich was gebe oder nicht. Wer moralischen Druck aufbaut, macht sich verdächtig und beißt im Zweifel auf Granit bei mir, hehres Ansinnen hin oder her.

Und schließlich mache ich mir noch so meine Gedanken über die fast sicher eintretende nächste Eskalationsstufe des Zinnobers. Noch schütten sie sich nur Eiswasser über die Murmel, aber wie wird die nächste Challenge aussehen, die mit der Sicherheit eines Amens in der Kirche über uns kommen wird? Womit wird man als nächstes versuchen, die augenlidschlagkurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Likebutton für einen Augenblick zu erhaschen?

Dive Challenge (wer nichts gibt, muss von Zehner springen, und wer das nicht tut, ist nicht nur ein Geizhals, sondern auch ein Feigling)? Tar And Feather Challenge (wer nicht spendet, wird von einem fröhlichen Mob geteert und gefedert und unter allgemeinem Hallo aus der Stadt gebracht)? Blue Nail Challenge (wer kein Geld abdrücken will, kann sich alternativ mit einem Hammer den rechten Zeigefinger blau schlagen)? Nicht, dass ich noch jemanden auf Ideen gebracht habe.



Kommentare :

  1. Mein Lieblingskommentar unter dem schlechten und unlustigen Oliver-Pocher-Video:

    "Ich finds einfach nur lächerlich das jetzt jeder diese ISS Challange da macht, das hilft den Krebskranken Kindern doch eh nicht wenn die sich da Eis über den Kop schütten !"

    Ha Ha. Ohne Worte! :-DD

    Übrigens: Hat schon jemand Jenny Elvers nominiert? Die fehlt doch noch in der Liste, oder? ;-))

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  2. Wie man stilvoll mit der Sache umgehen kann, hat Patrick Stewart demonstriert - Scheck schreiben, und das Eis in den Drink schaufeln.

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  3. Dieser Mitläufer-Charakter der gesamten Aktion missfiel mir schon von Anfang an. Die Argumentation war ja, dass man auf diese Weise auf diese Krankheit aufmerksam machen und aufklären will.
    Ich hingegen bekomme mehr und mehr den Eindruck, dass es nur noch um den Spaßfaktor, die Wette und damit verbundene Nominierung geht.
    Sehr schön, dass man mit dieser Meinung nicht alleine dasteht.
    Viele Grüße!

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