Sonntag, 17. August 2014

Reiseimpressionen (2)


Dachau

Wer nach Dachau kommt, will meist zur KZ-Gedenkstätte. Damit haben die Bewohner der Stadt sich inzwischen arrangiert. Sie ist weiträumig ausgeschildert, wie es im Verkehrsfunk immer heißt. Vor knapp 25 Jahren war ich schon einmal dort. Ein ehemaliger Schulfreund studierte damals in München und als ich ihn dort besuchte, sind wir mit der S-Bahn da hin gefahren. Es war ein trüber Wintertag, der Wind pfiff über das verlassene, weitläufige, verschneite Areal, auf dem wir fast die einzigen Besucher waren und die Krähen krächzten dazu. Die erhaltenen Gebäude waren so grau wie der Himmel und die Farbe blätterte ab. Die Ausstellung im Haupthaus war bescheiden und sah aus, als sei sie seit den Sechzigern nicht mehr überarbeitet worden. Trotzdem, die stille, ein wenig unheimliche Atmosphäre hat sich mir nachhaltig eingeprägt.

Heute ist das anders. Dass es letzte Woche rappelvoll war, lag wohl unter anderem am Wetter und an der Urlaubssaison. Die Gebäude sind frisch renoviert und es gibt ein nagelneues Besucherzentrum mit Cafeteria. Die Ausstellung wurde neu gestaltet und beträchtlich erweitert. Gegen eine kleine Gebühr bekommt man Audioguides in allen denkbaren Sprachen, auf denen zahlreiche Texte abgespeichert sind. Nicht nur Erläuterungen, sondern auch jede Menge Aussagen von Überlebenden.


Alle Welt scheint hier vertreten zu sein. Viel Jugend, viele Familien, viel Fernost. Es wird geknipst, was das Zeug hält und ein paar ganz Schmerzfreie können sich auch hier ein Selfie nicht verkneifen. Einige der anwesenden Senioren machen den Eindruck, dass sie die ausgestellten Schrecken noch selbst auf irgendeine Weise mitbekommen haben. Die ganze Gegend ist eh sehr international geworden in letzter Zeit. Auf der A 8 zwischen München und Salzburg ist, den Kennzeichen nach zu schließen, halb Europa unterwegs. Nicht mehr nur niederländische Wohnwagengespanne und italienische Wochenendtouristen, auch Autos aus Bulgarien, Rumänien, Großbritannien und Skandinavien überholen jetzt rechts oder blockieren mit 101 km/h die mittlere Fahrspur.

An der Gedenkstätte selbst und am Museum gibt es fachlich nichts auszusetzen. Es wird ordentlich und ohne Rührseligkeit oder Betroffenheitsgehuber dokumentiert, es wird nicht schamvoll verschwiegen oder sonstwie herumgemuckert. Der Eintritt ist frei und obwohl es vor Touristen wimmelt, hütet man sich vor jeder Disneyisierung. In der evangelischen Gedenkkapelle am anderen Ende des Platzes steht immer ein Seelsorger für Gespräche bereit. Sicher, man kann kritisieren, wenn man denn will. Etwa, dass es zwar viel zu lernen gibt über vergangene Verbrechen, aber nichts über damit zusammenhängende Fragen, die keineswegs vergangen sind. Zum Beispiel, wie simpel es sein kann, Menschen dazu zu kriegen, Menschen so etwas anzutun.

Was bleibt, sind Fragen und Zwiespalt. Vielleicht wirkt meine Erfahrung von vor 25 Jahren noch nach, aber wenn etwas befremdet, dann ist es die Aura des Gelackten und Routinierten, den das ganze Gelände heute verströmt. Es ist wohl eine Generationenfrage, dass hier eine Atmosphäre kühler Professionalität herrscht. Nicht geschäftsmäßig zwar, aber nüchtern. Hier bricht niemand mehr zusammen unter der Last des Ortes. Die meisten haken ihn, scheint's, betretenen Gesichtes ab und fahren fort mit ihrem touristischen Programm. Falsches Gedenken? Will man es ihnen verübeln? Was soll man sonst machen mit diesem Erbe? Verfallen lassen? Alles Museale verbannen und nur die Ruinen wirken lassen? Würde das den Opfern eher gerecht?

In der Dachauer Altstadt jedenfalls ist die Gedenkstätte ganz weit weg und man ist weitgehend unter seinesgleichen. Im Zieglerbräu gegenüber der Kirche gibt es herrlichen Mittagstisch zu unschlagbaren Preisen und die herzlichste Bedienung, die sich denken lässt.


Bad Reichenhall

Auf Schritt und Tritt ist diesem Ort anzusehen, dass hier einmal richtig Geld war. Ursprünglich hat Salz die Gegend reich gemacht, zumindest die Landesherren. Die Fürstbischöfe von Salzburg verdienten jahrhundertelang prächtig daran, dass sie ihre Untertanen das weiße Gold, das heute für ein paar Cent im Discounter zu haben ist, aus den Bergen schlagen und Sole sieden ließen. Auch der Transport des wertvollen Gutes per Boot auf der Salzach warf etwas ab. Noch 50 Kilometer weiter, im beschaulichen Laufen, lebte man gut davon, dass ortskundige Lotsen die Transportkähne gegen Maut durch die Stromschnellen der dortigen Salzachkehre steuerten.

In Reichenhall kam zur Salzgewinnung im 19. Jahrhundert noch der Kurbetrieb hinzu und aus Reichenhall wurde 1890 Bad Reichenhall. Seit 1955 gibt es auch, Monte Carlo lässt grüßen, eine Spielbank. Wer es sich leisten konnte, unterhielt hier früher eine Sommerresidenz. Wer sich das nicht leisten konnte, stieg in feudalen Herbergen wie dem Luisenbad oder dem Axelmannstein ab. Täglich lustwandeln im Park, eine halbe Stunde salzige Luft inhalieren, weil's der Doktor gesagt hat, auf der Promenade die Garderobe der Saison Gassi führen und zur Matinee oder nach dem Diner Konzert.

Ganz in der Nähe verläuft übrigens eine viel befahrene Bundesstraße

Die Seilbahn auf den Predigtstuhl, den knapp 1.700 Meter hohen Hausberg der Stadt, wurde 1928 eröffnet und war die erste Großkabinenbahn in Deutschland, so ist am Rande des Kurparks zu lernen. Früher war das einmal eine technische Sensation und ein echter Besuchermagnet, heute bittet man um Spenden für die Instandhaltung. Die Leute sind längst Spektakuläreres gewohnt.

Weil diverse Gesundheitsreformen nur ein paar Reste übrig gelassen haben vom einst blühenden deutschen Bäderbetrieb, kommen heute nur noch wenige Kurgäste, die genug Zeit und Langeweile mitbringen für eine Fahrt mit der Seilbahn. Trotzdem ist Bad Reichenhall keiner dieser verranzten Traditionskurorte mit bröckelnden Fassaden, die nur vom morbiden Charme des Vergangenen leben. Im Gegenteil, nichts ist hier vergammelt. Alles piccobello herausgeputzt. Die Gründerzeit- und Jugendstilvillen der einstigen Haute Volée sind top gepflegt und werden an Urlauber vermietet. In der Fußgängerzone kann man vom blanken Pflaster essen und der Kurgarten sieht aus, als bekäme er täglich mit der Nagelschere die Spitzen nachgeschnitten.


Auch die Konzertmuschel, vielerorts nur traurig vor sich hin moderndes Sinnbild alter Herrlichkeit, ist gut in Schuss und wird regelmäßig bespielt. Es fiedelt übrigens keine aus prekär beschäftigten osteuropäischen Orchesterleuten und Musikstudenten zusammengewürfelte Truppe vor drei bis fünf dösenden Omas und Opas herum, sondern eine richtige Philharmonie des Landes Bayern. Auf dem Spielplan steht neben den unvermeidlichen Walzer- und Operettenschmankerln auch durchaus Ambitioniertes. In der ganzen Stadt stößt man immer wieder auf etwas, bei dem die noble Kulisse nicht so recht zum Rest passen will. Es sieht alles ein wenig nach Baden-Baden aus, doch das Publikum ist anders.

Überall, wo es mondän zugeht, findet man sie sonst, die nappagesichtigen Silberköpfe mit Navy-Blazer, blitzweißem überkrontem Geissengrinsen, Siegelring und fettem Chronometer. Hier nicht. Auch deren weibliche Pendants, ältliche, knitterlippige Pelzmantelschnatzen mit Betonfrisur, Klunkerbrille und Schoßhündchen, diese hauptberuflichen reichen ersten Ehefrauen, die gern von früher schwadronieren und sich ereifern, dass die Deutschen das Dienen verlernt hätten, man sucht sie vergebens.

Ferner sind, abgesehen von ein paar Porsche Cayennes mit örtlichem Kennzeichen, die vermutlich hiesigen Geschäftsleuten gehören, nirgends dicke schwarze Benze, Bentleys oder Jaguars zu sehen, die lautlos durch die Straßen gleiten, um ihre exklusive Fracht beim nächsten Event abzuladen. Das Café Spieldiener liegt gegenüber dem Grand Hotel und verströmt den bieder-plüschigen Schick der Fünfziger. Der Laden wäre eigentlich das ideale Biotop für diese Klientel, ist aber nur von ein paar Rentnern in beige, bleu und grau bevölkert. Wen wundert's? Im italienischen Eiscafé nebenan ist es deutlich günstiger.

Was man nämlich vor allem sieht, sind Normalofamilien mit quengelnden, gelangweilten Kindern, die andauernd ein Eis wollen und massenweise Paare im patenten Jack-Wolfskin-Partnerlook. Die Händler in der Fuzo haben sich der neuen Kundschaft angepasst. Haben sie in Touristenorten schon immer so gemacht, da haben sie Übung drin. Sie erzählen den Leuten ja auch schon lange, hier aus Reichenhall kämen die echten Mozartkugeln. Mit gewissem Erfolg übrigens. Auch bei der örtlichen Saline war man clever. Das Sortiment wurde um verschiedenfarbige Gourmet-Salze erweitert. Für die Kochshowgucker, die schon brav Fleur de Sel und Himalayasalz gekauft haben.

Eines Tages, so denkt man sich hier vielleicht, werden die reichen Russen und die Touristen aus muslimischen Ländern, die massenhaft in Salzburg einfallen, schon noch merken, dass sich auch knappe zwanzig Kilometer entfernt trefflich flanieren und Geld loswerden lässt und dann geht's wieder aufwärts. Teure Privatkliniken mit Concièrge und Tiefgarage sind bereits vor Ort.

(Fortsetzung folgt.)



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