Mittwoch, 20. August 2014

Zu Risiken und Nebenwirkungen


Gut, das ist schon eine Weile her, aber ich war ja auch ein paar Tage raus aus dem Geschäft. Manchmal, da fragt man sich mit Max Uthoff tatsächlich, welche Medikamente eigentlich in gewissen Kreisen so gereicht werden. Oder bei bestimmten Parteien. Wenn ich mir zum Beispiel die Wirkung der Präparate anschaue, die man sich offenbar in der SPD-Zentrale einwirft, dann will ich unbedingt auch was davon. Einen solchen Katapultstart aus dem irdischen Jammertal und seinen unbequemen Realitäten in eine andere Umlaufbahn bekommt man normalerweise nämlich auch mit den hochprozentigsten Spirituosen nicht zustande.

Blicken wir kurz zurück. Die Sozialdemokratie ist seit 1998 in beschleunigtem Tempo auf dem absteigenden Ast. Unter anderem, weil sie damals auf die Sirenengesänge der Wirtschaftslobby gehört, endgültig auf die neoliberale Linie umgeschwenkt ist und damit ihre Kernkompetenz aufgegeben hat, nämlich Anwältin der kleinen Leute und Arbeitnehmer zu sein. Vorläufiges Ergebnis: Im Jahr 2012 gut 35 Prozent weniger Mitglieder als 1998 und Wahlergebnisse auf Bundesebene um die 20, 25 Prozent.

Spätestens im Bundestagswahlkampf 2013 schien es dann doch einigen in der Partei zu dämmern, dass das vielleicht nicht ganz so klug war. Dass man eventuell wieder ein wenig zurück rudern sollte, indem man sich wieder klassisch sozialdemokratischen Themen zuwendet, wie etwa dem gesetzlichen Mindestlohn. Ergebnis: Zwar konnte der Abwärtstrend bei der Mitgliederzahl nicht gestoppt werden, bei der Wahl jedoch immerhin über zwei Prozent mehr als 2009. Man feierte ein wenig. Jetzt ließ der Ex-Popbeauftragte und jetzige große Vorsitzende Gabriel verlauten: Kommando zurück! Die SPD muss sich wieder stärker um Wirtschaft und Wachstum kümmern, die Partei wieder wirtschaftsnäher werden.

Angenommen, jemand versucht, eine stabile Wand einzureißen, indem er zehn mal mit Anlauf seinen ungeschützten Kopf davor donnert in der Hoffnung, sie würde einstürzen. Jedes Mal landet er aber nur mit einem Schädelbruch in der Notaufnahme. Wie nennt man das noch gleich, wenn er auch beim elften Mal noch ein anderes Ergebnis erwartet? Ich mache mir wirklich langsam Sorgen. Lagen am Ende im verlassenen Fraktionssitzungssaal der FDP vielleicht noch ein paar von deren Pillen herum, die dann jemand ins Willy-Brandt-Haus geschmuggelt und den Genossen untergejubelt hat? Die verheerende Wirkung der Dinger sollte inzwischen ja allgemein bekannt sein.



Kommentare :

  1. *Grins*, gefällt mir, der Vergleich.

    Nix soll bekanntlich schwieriger sein, als den eigenen Tellerrand (Mauer/Wand/Bretter, die nicht fliegen ... wie auch immer) zu überwinden. Dazu wäre es erforderlich, aus seinen eigenen Fehlern zu lernen. Dazu gibt es keine Veranlassung, zumindest seitens der Opportunisten der SPD nicht.

    Soweit mir bekannt, ist die SPD davon ausgegangen, keine Fehler, selbst alles richtig gemacht zu haben (auch die Agenda 2010 etc. pp.). Ggf. hatte der Wähler in der Vergangenheit etwas falsch verstanden, den Sinn und Zweck mal wieder nicht kapiert, sich von anderen Parteien einlullen lassen, andere waren schuld (was auch immer. So oder so ähnlich der Sinn von Erklärungen, in kurzen, übersetzten Worten zusammengefasst).

    Ohne die Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen kann man u.U. vll. temporär so tun, als hätte man seinen Tellerrand überwunden. Doch hab ich nichts festgestellt. Einst dachte ich noch, dieser Partei sei nicht mehr zu helfen, doch mittlerweile sehe ich das anders.

    Bin zu dem Schluss gekommen, den Wählern ist nicht mehr zu helfen. Es sind doch die Wähler, die jedes mal richtig Anlauf nehmen und ständig aufs Neue vor die Wand donnern. Es sind auch jene, die sich die Blessuren dabei holen und noch lange etwas davon haben. Die SPD selbst läuft doch nicht gegen ihre Wand (und mit welcher Kopf denn?). Sie haben die Mauer doch gebaut und so nehmen sie alle vier Jahre einen Stein heraus, stecken ein Megafon durch und so schallt es von der anderen Seite: "Ihr Wählerlein kommet, die Wand ist jetzt für Euch geöffnet".

    Da die SPD-Wähler alle vier Jahre mit schöner Regelmäßigkeit dem Rufe folgen und feste gegen das Mauerwerk prallen, bleibt zu vermuten, sie denken folgendes: "Diesmal, ja dieses Mal hat die SPD ganz bestimmt ihre Wand eingerissen".

    Nein, hat sie nicht. Wieso sollte sie auch? Denn was an der Wand abrutscht reicht für die jeweilige Wahlperiode völlig aus; der Rest wird sich finden. Klassischer Opportunismus halt ..

    Mittlerweile frage ich mich, ob das fester Bestandteil der Kultur geworden ist .. ;)

    Gruss
    Rosi

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    1. Ich habe ja schon seit Längerem den Verdacht, der Deutsche mag zwar keinen Streit in der Politik, dafür schätzt er es umso mehr, von Politikern regiert zu werden, über die er meckern und sich das Maul zerreißen kann und wählt entsprechend. Von einzelnen Betriebsunfällen einmal abgesehen, ist dem Michel das bislang ganz gut gelungen.

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    2. Jupp, der Verdacht ist m.E. nicht unbegründet, es gibt viele Indikatoren dafür, dass dem so ist. Vergleiche das gerne mit dem niemals wirklich erwachsen werden, auf immer Sohn/Tochter bleiben (wollen).

      Die Alten sind somit die Alten; wer auch immer diese Rolle einnimmt. Unter ihresgleichen meckern die Halbstarken um die Wette. Doch alle kehren am Abend wieder ins Heim zurück, als wäre nichts passiert und nichts gesagt. Die einzige Variationsmöglichkeit scheint mir zu sein, für Allianzen zwischen der Bevorzugung von Vater und Mutter zu wechseln (eine Form von strafendem Liebesentzug).

      Wenn man sich den historisch jüngeren (ca. 200 Jahre) Entwicklungsweg Deutschlands vor Augen hält, bekommt den Eindruck, sobald sich die Chancen auf mehr Erwachsensein, auf mehr Demokratie ergeben könnte, rudert man schnell wieder zurück ins Heim.

      Zurzeit symbolisiert das sog. Kosewort »Mutti« dieses Rollenspiel und dabei ist es nicht von Belang, dass man nicht wirklich Sohn/Tochter ist. Der Status Untertan reicht, das Verhalten ist sich sehr ähnlich. Vor allen Dingen dann wenn ich berücksichtige, was die meisten unter Erziehung zu verstehen scheinen.

      So wie ich das einschätze, kann am Ende kaum etwas anderes herauskommen, eben der Untertan. Ein Untertan, dem kein anderes Arrangement einfällt, als sich zwischen »Vati« oder »Mutti« zu entscheiden.

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