Samstag, 9. August 2014

Wenn alles Hochkultur wird


Heute: Bier und Fritten

Wein hin oder her, ein gutes Bier ist was Schönes. Leider haben viele deutsche Brauer unter dem Deckmäntelchen des Reinheitsgebotes viel zu lange alles dem Massengeschmack geopfert und die Märkte mit traurigen 08/15-Gesöffen überflutet. Von denen kann man nicht wenige nur mehr als leicht alkoholische Erfrischungsgetränke mit dezentem Bieraroma bezeichnen, will man Sensorik und Semantik nicht allzu viel Gewalt antun. Was meinen häuslichen Konsum angeht, unterstütze ich schon seit langem keine dieser Monsterbrauereien mehr, sondern habe Regionales aus einem Familienbetrieb da. Nichts Großartiges, aber ein ehrliches Helles, das nur 30 Kilometer entfernt gebraut wird und zudem deutlich günstiger ist als fast alles, das 'Premium' sich schimpft

Erfreulich, dass mein örtlicher Getränkemarkt vieles aus Bayern, Tschechien und sogar aus Belgien vorrätig hat. So wird jeder Einkauf zu einer kleinen Entdeckungsreise. So begrüße ich es auch sehr, dass die Craft Beer-Szene zu uns herüberschwappt. Handwerklich in kleinen Mengen gebraute Biere, Experimente mit unterschiedlichen Malz- und Hopfensorten. Klasse statt Masse, Aroma statt bloßer Dröhnung. Nett, wenn der bräsige deutsche Biermarkt mal ein wenig in Wallung kommt und Braumeister endlich Gelegenheit bekommen, ihr ganzes Können zu zeigen und nicht mehr nur gezwungen sind, langweilige Plörre in Riesenchargen anzusetzen. Eigentlich ist mir so was sympathisch. Eigentlich.

Die Kehrseite des Ganzen ist aber, dass damit auch Bier zum Statussymbol und zum Mittel der sozialen Abgrenzung werden wird, und das wäre schade. Denn im Gegensatz zum Wein war Bier außerhalb großer Weinbaugebiete immer auch ein egalitärer Genuss für jedermann. In München sind schon Revolten ausgebrochen, wenn der Bierpreis zu sehr stieg und das weltberühmte Hofbräuhaus diente ursprünglich dazu, die Bevölkerung mit ordentlichem Bier zu bezahlbaren Preisen zu versorgen. Zwar bekommt der jeweilige bayerische Regent beim Starkbieranstich immer die erste Maß überreicht, doch war es immer schon dasselbe Bier, das auch das Volk bekommt und kein sauteures Superspezialbier mit uralten Hefestämmen, das zehn Mal so viel kostet.

Craft-Biere dagegen sind teilweise extrem teuer. So werden für eine 0,7-Liter-Flasche leicht mal 15 Euro oder mehr fällig. Ich will nicht behaupten, dass das überteuert ist, kann ich nicht beurteilen. Es steckt schließlich viel Arbeit darin, wie man so hört. Aber es gibt durchaus gute bis sehr gute Weine, die günstiger zu haben sind. Sicher, wer sich das antun will, bitte. Nichts gegen zu sagen und ein wenig neugierig bin ich selbst, um ehrlich zu sein. Man sollte eben nur den sozialen Aspekt dahinter nicht außer Acht lassen. Gut möglich, dass wir einen Kulturwandel erleben und Bier schon bald nicht mehr das quasi klassenlose Getränk von einst sein wird.

Das Dumme ist nämlich, dass so ein Zinnober zuverlässig Wichtigmacher anzieht wie die Motten das Licht. Geschmäcklerisch schnüffeln sie an ihrem vom Sommelier eingeschenkten India Pale Ale herum, fachsimpeln über komplexe Aromen und schauen auf alle herab, die einfach nur fröhlich die eine oder andere Halbe zechen wollen. Die Botschaft dahinter ist klar: Unsereins lässt sich nicht einfach voll laufen, sondern genießt bewusst und in kleinen Mengen, denn wir als Leistungsträger müssen morgen früh schließlich wieder schaffen. Hey, du proletarischer Habenichts mit der Pilsdose, geh uns aus der Sonne, hier wird gerade uraltes Kulturgut zelebriert!

Überhaupt, Hochkultur. Jetzt wollen die Belgier ihre Pommes Frites auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes setzen lassen. Dass niemand mich falsch verstehe: Belgische Fritten sind ohne Frage eine ganz feine Sache. Aus frischen Bintje-Kartoffeln geschnitten, doppelt frittiert, dazu eine Riesenauswahl meist hausgemachter Saucen, drunter machen die braven Flamen und Wallonen es ja nicht. Köstlich und kein Vergleich mit dem traurigen Fertigkram, der sonst fast überall in die Fritte wandert. Durchaus verständlich, dass man in Belgien ein wenig stolz darauf ist. Aber im weltweiten Maßstab sind belgische Pommes Frites eben auch nicht mehr und nicht weniger als eine regionale Spezialität unter unzähligen anderen.

Die Franzosen haben ja schon ihre Haute Cuisine, diverse Anrainerstaaten des Mittelmeers die Mittelmeerküche zum Weltkulturerbe erklären lassen. Wo endet das mal? Bei Oma Kowalskis Erbsensuppe mit Pfötchen? Bei Jupps Currywurst? Bei den unübertroffenen Spaghetti Bolognese meiner Tante? Immer wieder nett, wenn Dinge aus dem Ruder laufen.


Mit diesen Worten, liebe Gemeinde, verabschiede ich mich in eine einwöchige Sommerpause und bin dann mal weg. Wünsche gute Erholung von mir.


Kommentare :

  1. Naja - genaugenommen sind es nicht DIE Belgier, welche aus diesem Quatsch ein Anliegen von globaler Bedeutungshoheit machen möchten, sondern lediglich EINER, nämlich der Verbandschef der belgischen Pommeshersteller. Freilich ist auch kein Schmarrn zu läppisch, als dass ihn die Vuvuzela-Journaille nicht zu einer riesen Nummer aufblasen würde. Wie Kollege M. Krassnig trefflich beobachtet:
    »Es ist wahrhaft kein Schas zu blöd,
    dass er nicht in der Zeitung steht.«

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  2. JEtzt hab ich Durst und kann mich nicht entscheiden. Wein oder Bier? Ich weiß et einfach nich

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    1. Wenn der Durst noch aktuell ist, empfehle ich einen guten Single Malt Whisky...

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    2. Hm, der Malt Whisky und ich sind bis jetzt noch keine Freunde geworden. Mir ist zwar immer mal einer untergekommen, den ich ganz okay fand, aber ich bevorzuge andere Brändchen. Etwa Brandy, Armagnac oder die liebevollst destillierten Obstbrände meines bayerischen Großonkels.

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  3. Ist natürlich Geschmackssache. Eigentlich hatte ich den Whisky auch nur empfohlen, um die Wahl Bier oder Wein zu umgehen. Aber Whisky oder Weinbrand ist letztlich nur eine andere Form desselben Problems. Whisky auf Malzbasis wie Bier, Weinbrand aus Wein. Dann also Obstbrand.

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