Mittwoch, 6. August 2014

Wenn Schützen sich schützen


Angenommen, direkt vor den Toren einer Kleinstadt, sagen wir im Sauerland, soll ein großes Einkaufszentrum gebaut werden. Um Kaufkraft in die Region zu locken, wie es bei so was immer heißt. Nehmen wir weiter an, in der Innenstadt gäbe es noch zehn Einzelhändler. Bäcker, Metzger, Buchhandlung, Schreibwaren, Blumenladen und was es noch so gibt. Die sind mit den Plänen verständlicherweise nicht einverstanden und gründen einen Verein. Um auf ihre Bedenken aufmerksam zu machen, um gemeinsame Aktionen zu planen, nach außen mit einer Stimme zu sprechen und so weiter. Klar, dass das der Firma, die den Shoppingtempel bauen will, nicht passt. Kann schon unangenehm werden, so ein Verein. Besteht aus alt eingesessenen Bürgern und kann die Stimmung negativ beeinflussen.

Also beschließt der Bauträger, dreißig Mann zu mobilisieren, die alle dem Verein beitreten, um ihn gleichsam zu kapern. Mit Dreiviertelmehrheit die Satzung abzulehnen und auch sonst gegen alles zu stimmen, was irgendwie stören könnte. Der Verein wäre erledigt, bevor er überhaupt mit der Arbeit begonnen hätte. Weil Vereine dazu dienen, ein gemeinsames Interesse zu verfolgen, ist es also prinzipiell eine gute, sinnvolle Sache und muss nichts mit Diskriminierung zu tun haben, dass Vereine sich auch im Einzelnen aussuchen dürfen, wer ihnen beitreten darf und wer nicht.

Problematisch wird es nur dann, wenn Vereinsstatuten, die bestimmte Leute von der Mitgliedschaft ausschließen, so sehr aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheinen, dass sie nicht mehr mit den Realitäten der modernen Welt in Übereinstimmung zu bringen sind. Zum Fremdschämen peinlich wird es, wenn Leute nicht merken, wie sehr sie gerade dabei sind, aus der Zeit zu fallen.

Der türkischstämmige Sauerländer Mithart Gedik ist 33 Jahre alt, hatte katholische Religion als Abiturfach und ist mit einer Katholikin verheiratet, mit der er vier Kinder hat, die alle katholisch getauft sind. Ansonsten ist er in der örtlichen freiwilligen Feuerwehr aktiv und im Vorstand der Schützenbruderschaft Sönnern-Pröbsting. Jetzt wurde er Schützenkönig. Mehr Integration geht eigentlich nicht, sollte man meinen. Gut möglich, dass er sogar Schweinefleisch isst und Bier trinkt (im Sauerland nicht völlig ausgeschlossen). Allein, er durfte nicht Schützenkönig sein, weil er Muslim ist. In Paragraf 2 der Satzung des Bundes der historischen deutschen Schützenbruderschaften (BHDS), dem Dachverband, heißt es nämlich sinngemäß, die Bruderschaft sei eine christliche Vereinigung. Hm hm. Soso.

Wie gesagt, kann man und darf man selbstverständlich so halten als Verein. Nur sollte, wer solche Statuten führt, eben auch definieren können, was ein christlicher Mensch in etwa ist. Muss man Mitglied einer der großen Konfessionen sein oder darf man auch Zeuge Jehovas oder Mormone sein, was beides bekanntlich christliche Veranstaltungen sind? (Laut Statut sollte das gehen.) Darf man aus der Kirche ausgetreten sein? Muss man jeden Sonntag in die Kirche, beten vor dem Essen und beim Zubettgehen? Muss man auch sonst einen streng christlichen Lebenswandel führen, also keine Seitensprünge, keine Verhütungsmittel, Sex nur in der Ehe und ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung? Oder reicht es, sich ganz allgemein zu christlichen Werten zu bekennen?

Jede Wette, anno 2014 hätten die Grünröcke bald auch auf dem Lande gravierende Nachwuchssorgen, wenn der BHDS auch nur ein paar der oben genannten Punkte zu echten Ausschlusskriterien machen würde. Zudem kann man mit gutem Grund vermuten, dass Gedik als Reli-Abiturient vielleicht mehr vom Christentum versteht als einige der Verbandsfunktionäre. Man könnte auch sonst so einiges sagen zu dieser Politik. Gern wird von meinen Landsleuten ja gefordert, dass wer bei uns lebe, sich gefälligst unseren Gepflogenheiten anzupassen habe. Tut es aber mal einer, und sei es noch so gründlich, dann ist auch das wieder nicht recht.

Seltsam, man könnte fast auf die Idee kommen, dass die so gern von Integration reden wenn sie eigentlich Assimilation meinen, würden doch lieber gern unter sich sein. Kann man auch machen, natürlich. Nur sollte man dann auch nicht mehr über Parallelgesellschaften herumjammern, in denen die anderen dann lieber unter sich sind. Man bekommt eben meist das, was man will.

Immerhin, es gibt ein Happy End. weil auch Supertanker wenden können, hat man seitens des Dachverbandes nunmehr verlauten lassen, Gedik dürfe seine Königswürde doch behalten. "Ausnahmsweise", wie man hinzufügte. Die Ausübung eines Amtes ab Bezirksebene werde hingegen nicht möglich sein. Puh - Abendland gerettet!



1 Kommentar :

  1. Naja, die Satzungen der Bruderschaften von Schützenvereinen, hat schon was rudimentär archaisches zwischen Satire, Traditionalismus und Bürokratie an sich. Ich weiß auch nicht so recht, ob ich nun lachen oder auch nur ansatzweise was davon ernst nehmen soll. Die werden schon wissen was sie tun. Auch Herr Gedik selber wahrscheinlich,- der sich bei allem guten Willen wahrscheinlich jetzt erst die Frage stellen wird, welchen Finger er benutzen wird, um sich damit an die Stirn zu tippen. Zurück bleiben nur Fragen, - immerhin, - dass hat was für sich. Und gute Realsatire war schon immer der spannendste Momente, wo sich im Nebel dann die Kriegsschiffe trafen.

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