Montag, 8. September 2014

Scharia, Polizei!


Es mag vielleicht nerven, aber selbstverständlich ist es im Rahmen von Religions- und Meinungsfreiheit bis zu einem gewissen Maße erlaubt, im öffentlichen Raum anderen Leuten zu erzählen, wie sie zu leben haben, wenn sie nicht in der Hölle schmoren wollen. Machen die Zeugen Jehovas so, auch wenn sie in der Öffentlichkeit normalerweise eher den Mund halten und Druckwerk sprechen lassen. Haben auch schon diese äußerst verkrampft auf locker machenden 'Jesus Freaks' bei uns auf dem Marktplatz gemacht. Alle, die es nicht wissen wollten, wurden mit per Lautsprecher brülllaut vorgetragenen Anekdoten belästigt über ihre persönlichen Begegnungen mit dem voll coolen Jesus, die ihr Leben verändert haben.

Und das haben, nebenbei, noch zu Jugendzeiten meines Vaters auch Angehörige katholischer Kirchengemeinden so gemacht. Die schoben Anfang der Sechziger vor Kinos Wache, in denen Ingmar Bergmans Film 'Das Schweigen' lief und versuchten, ihnen vom sonntäglichen Kirchgang persönlich bekannte Schäfchen vom Betrachten des sündigen Werkes abzuhalten, auf dass ihnen nicht die Augen herausfielen oder sie nicht zu dauermasturbierenden Zombies mit Tennisarm und Rückenmarkserweichung wurden.

Oder Robert Pferdmenges. Der strenggläubige Bankier, Bundestagsabgeordnete und Adenauer-Vertraute war 1954 dermaßen empört darüber, dass Sportreporter Herbert Zimmermann es wagte, den damaligen Nationaltorhüter Toni Turek in der Hitze des Finales von Bern als "Fußballgott" zu bezeichnen, dass er nicht nur eine öffentliche Entschuldigung forderte für diese Blasphemie, sondern dem Frevler auch gleich ganz untersagen wollte, jemals wieder ein Fußballspiel zu kommentieren.

Wenn eine Handvoll rauschebärtige junge Männer in Wuppertal sich aber orangene Warnwesten überzieht und als 'Scharia-Polizei' Passanten zur Einhaltung göttlicher Gebote mahnt, dann ist Schluss mit Religionsfreiheit. Wehret den Anfängen!, orakeln jetzt profilierungsbedürftige Politiker verschiedener Couleur. Wenn da nicht sofort Härte gezeigt wird, dann sprengen sie bald schon die Türme des Kölner Doms in die Luft und ersetzen sie durch Minarette.

Innen- und Justizminister scheinen zu wissen, dass man den Religionspolizisten nicht allzuviel anhängen kann außer der missbräuchlichen Verwendung des Wortes Polizei. Innenminister De Maizière sah gar den guten Namen der deutschen Polizei missbraucht. Nun waren die jungen Leute dummerweise so klug, ihre Westen mit 'Sharia Police' zu bedrucken. Ich bin kein Jurist und lasse mich gegebenenfalls auch gern aufklären, aber so weit ich weiß, ist es in Deutschland nicht verboten, das Wort 'Police' öffentlich zu führen, weil es bei uns keine Behörde dieses Namens gibt. Wäre das so, dann wären Plakate für Konzerte einer einmal sehr populären englischen Rockband zumindest genehmigungspflichtig gewesen.

Überhaupt nötigt einem die Aktion der Scharia-Sherriffs durchaus einen gewissen Respekt ab. Denn mit so minimalem Aufwand solch maximalen Effekt zu erzielen, funktioniert in der Regel nur, wenn man die Lebenslügen und Widersprüche der Gesellschaft, die einen umgibt, einigermaßen genau durchschaut hat. Studieren lassen sich diese Lebenslügen und Widersprüche, wenn man sich anschaut, wie Journalisten, die für sich in Anspruch nehmen, Meinungsbildner zu sein, en passant ihr Bild von Jugendlichen offenbaren. Lauschen wir zum Beispiel dem entsetzt die Hände ringenden Roland Nelles:

"Da kommt der Verdacht auf: Mit manchen jungen Männern hierzulande stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht. Warum sind gerade sie empfänglich für Parolen von Rattenfängern? Woher kommt diese Lust an Provokation und Gewalt? Man möchte ihnen zurufen: Ja, habt ihr sie noch alle?"

Schön, exakt diese Frage könnte man auch jenen stellen, die, im Gegensatz zu den Salafisten-Polizisten, allein seit 1990 zirka 150 Menschenleben auf dem Gewissen und Teile der neuen Bundesländer in National befreite Zonen verwandelt haben. Aber abgesehen davon scheint da wirklich jemand zu glauben, in diesem Land stünde, außer ein paar kleinen Schönheitsfehlern, alles so zum Besten, dass die Jugend doch eigentlich gar keinen Grund haben dürfte für solche und andere Flausen. Ein paar Vorschläge hätte ich für den verzweifelt nach Antworten suchenden Nelles schon:

Wie wäre es fürs Erste unter anderem mit Perspektivlosigkeit, Diskriminierung Alltagsrassismus, kaum Chancen auf anständige, ordentlich bezahlte Jobs, Vertiefung der gesellschaftlichen Spaltung in Arm und Reich, Abbau des Sozialstaates und Schließung von Jugendeinrichtungen? Wenn der westlich-kapitalistische, gesittete Standardlebensentwurf nicht mehr unter allen Jugendlichen die unangefochtene Nummer eins sein sollte, dann hat das sehr wohl seine Gründe.

Und wenn Nelles weiter meint, dass "gegen ein bisschen Wut [von Jugendlichen] über die herrschenden Verhältnisse eigentlich nicht viel zu sagen" sei, dann wird sonnenklar, was alles falsch läuft in diesem Land. Mit anderen Worten heißt das nämlich: Ein bissel Rebellion geht schon in Ordnung, liebe Jugend, aber bitte so wie wir uns das vorstellen. Also schön den Rasen nicht betreten und um elf seid ihr wieder zu Hause, ja?

Unter uns, Nelles: Diese Jugend hat allen Grund, unbändig wütend zu sein auf jene von der Elterngeneration herbeireformierten herrschenden Verhältnisse, die ihnen Chancen nehmen und ihnen Freiräume beschneiden. In denen mehr und mehr nur noch die Alternative haben, Arbeitslosigkeit und Prekariat anheim zu fallen oder sich mit so genannter Förderung und verschlankten, PISA-optimierten Bildungsangeboten zu stumpfen Konsumenten oder stromlinienförmigen Leistungbringern trimmen zu lassen.

Ist es wirklich so verwunderlich, dass einige da anfällig werden für Rattenfänger aller Art?



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