Donnerstag, 16. Oktober 2014

Auf dünnem Eis


Über Sex-, Rass-, Fasch- und andere Ismen

Mit dem Sexismus ist das so eine Sache. Vor langer Zeit, es waren die Neunziger, jobbte ich als jungspundiger Student eine Zeit lang an einer Tankstelle. Eines Tages, es war Sommer, stand eine junge blonde Kundin vor mir, die mich auf der Stelle stockkatholisch werden ließ. Das wahrhaft gottlose Nichts von einem Oberteil, das sie anhatte, ließ nämlich nur einen Schluss zu: Dieser Oberkörper musste vom Leibhaftigen selbst erschaffen worden sein! Und zwar einzig und allein zu dem Zweck, mich in Versuchung zu führen.

Sie zahlte ihre Tankrechnung und nahm noch eine Schachtel Zigaretten. Während des gesamten Kaufvorgangs brachte ich es nicht zustande, ihr auch mal in die Augen zu schauen. Gehört sich nicht, das war mir bewusst. Doch ich konnte nicht anders, ich war jung und unreif, die Hormone stärker. Ob es eine besonders gute Idee war, ihr noch verlegen ein kurzes "Sorry" mit auf den Weg zu geben, frage ich mich bis heute. Cool war das definitiv nicht. Sie lächelte mich trotzdem kurz an, bevor sie wieder verschwand. Sie hatte meine Blicke wohl nicht als übergriffig empfunden, sondern vielleicht gar als Kompliment. Sollte das so gewesen sein: Schwein gehabt. Man sollte aber bedenken, das das in Zeiten geschah, in denen noch niemand je etwas von Facebook und Twitter ahnte. Erst recht wäre man ziemlich doof angesehen worden, hätte man gefragt, was ein Shitstorm ist oder ein #Aufschrei.

Auch mit Fasch- und Rassismus ist das so eine Sache. Geht beides nicht in Ordnung, so viel ist klar. Das Problem ist, dass die Wahrnehmung dessen, was man so nennen will, im Einzelfall durchaus unterschiedlich sein kann. Trotzdem, gar so schwierig ist es auch wieder nicht.

Hartmut brachte letztens einen Post, den er inzwischen wieder zurück gezogen hat. Ich finde, mit recht, denn das war dünnes Eis. Er hatte Bezug genommen auf einen Beitrag von Don Alphonso. Es ging, kurz gesagt, um einen Kioskbesitzer, der einen Schwarzen bat, nicht alle Folienverpackungen von Glückwunschkarten aufzureißen, woraufhin er sich dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt sah. Das Problem ist nicht, dass so was nicht vorkommen kann, sondern dass bei so was immer so vieles unter den Tisch fällt. Und dass solche Geschichten aus dem Leben oft aus einem ganz bestimmten Grund erzählt werden.

Wenn der Kioskbesitzer etwas gesagt hätte wie: "Entschuldigung, würden Sie bitte nicht die ganzen Verpackungen aufreißen. Ich kann die Karten dann nämlich nicht mehr verkaufen.", dann wäre das kein Rassismus gewesen, sondern ziemlich normal. Klar, der Krämer hatte nachvollziehbarerweise keine Lust darauf, den halben Bestand als Verlust abschreiben zu müssen und handelte in berechtigtem Eigeninteresse. Spielt es irgendeine Rolle, dass die angesprochene Person zufällig von dunkler Hautfarbe war? Nein, tut es zunächst mal überhaupt nicht. Hätte der Angesprochene den Besitzer tatsächlich wegen einer freundlichen Aufforderung als Rassisten beschimpft, er müsste sich die Frage gefallen lassen, ob er noch auf allen Platten kocht.

Sacha Baron Cohen fällt einem da ein. Der ist bekanntlich alles andere als schwarz, außer auf dem Kopf, und trat zu Beginn seiner Karriere als gefühlt schwarzer Rapper 'Ali G.' auf. Wenn jemand ihm widersprach oder ihm etwas untersagen wollte, konterte er das gern mit: "Is it because I is black?"

Hätte der Besitzer hingegen etwas gesagt wie: "Hey, du Scheißn*g*r! Du hier nicht Karten aufreißen, verstehen? Es ist doch immer dasselbe mit euch!", dann wäre das sehr wohl rassistisch gewesen, weil es neben einer Beleidigung noch den Generalverdacht enthält, Schwarze neigten qua ethnischer Zugehörigkeit zu regelwidrigem Verhalten und seien grundsätzlich der deutschen Sprache nicht mächtig. Außerdem respektlos wegen ungefragten Duzens (wobei Rassismus und Respektlosigkeit eh oft Hand in Hand daherkommen). In dem Fall wäre der Rassismusvorwurf vollauf berechtigt gewesen.

Nur weiß man halt so vieles nicht. Man kennt die näheren Umstände nicht und auch nicht die Erfahrungen, die die Beteiligten so mit sich herumschleppten. Man weiß nicht, ob der Kioskbetreiber nicht schon öfter etwas in der Art erlebt hat oder ob der Kartenaufreißer nicht ein wenig zu oft echtem Rassismus ausgesetzt war. Welche Rolle spielten eventuelle Sprachprobleme? Hatte der Inhaber ihn gar mir rassistischen Sprüchen zu so einem Handeln erst provoziert? Alles nicht auszuschließen, und vieles kann auch bei an sich gutwilligen Menschen Überreaktionen auslösen.

So lange das alles und vieles andere nicht klar ist, ist es ziemlich müßig, wenn nicht gar unmöglich, sich anhand einer kurzen Anekdote, die das meiste ausspart, ein vernünftiges Urteil zu bilden. Und das genau ist das Problem an diesen schnell dahinerzählten Dönekes: Allzuoft dienen sie denen, die sie zum Besten geben, dazu, rassistische Stereotype zu untermauern. Wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass Ausländer kriminell sind, ohne deswegen gleich ein Nazi zu sein! Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Natürlich hatte Funny van Dannen recht, wenn er dichtete, auch eine lesbische schwarze Behinderte könne ätzend sein. Es gibt Idioten. Es gibt diese Typen, die das Ticket des Rassismus- oder Faschismusvorwurfs aus der Tasche ziehen, sobald ihnen irgendwas nicht in den Kram passt.

Eine Verflossene zum Beispiel hatte sehr entfernte Verwandtschaft in den Niederlanden. Einer der Verwandten war ein späthippiesker Dropout, der sich wohl - vorschnelles Urteil jetzt! - bereits in jungen Jahren die Birne matschig geraucht und auch sonst einiges an Substanzen eingeworfen hatte. Einmal besuchte sie im Rahmen eines Familientreffens unter anderem mit ihm die Alte Pinakothek in München. Es gefiel ihm ausnehmend gut dort und er fläzte sich ausgiebig auf den Besucherbänken, um die alten Schinken gebührend auf sich wirken zu lassen.

Als es gegen Toreschluss ging, bat ein Angestellter ihn, sich langsam zum Ausgang zu begeben, man wolle in zehn Minuten schließen. Seine Reaktion war, den Aufseher lauthals als typisch deutschen Nazi zu bekrakeelen, der wohl nichts gelernt habe aus der Geschichte und eine Riesenszene zu veranstalten, sodass er schließlich von mehreren Security-Leuten aus dem Musentempel verbracht werden musste. In der Tat, sich an Öffnungszeiten halten müssen, das ist der reinste Gulag für ein hauptberufliches Opfer, das sich zudem bewusstseinsmäßig in einem höheren Orbit wähnte. Der Aufseher, der nur seinen Job machte, konnte höchstwahrscheinlich nichts dafür, dass Opa damals Fahrräder beschlagnahmt oder Schlimmeres angestellt hatte.

Und? Ein solches Verhalten schlicht unreif und dämlich zu nennen, ist kein Problem, weil es stimmt. Das als typisch niederländisch denunzieren zu wollen, sehr wohl. Die bloße Tatsache, von woanders zu kommen, macht einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Genau so wenig wie der Zufall, aus Deutschland zu stammen, einen zu einem Faschisten macht und umgekehrt. Neben Angst lebt Rassismus von Klischees, von Generalisierung und Vorurteilen. Gerechtigkeit dagegen bedarf des Respekts, des Differenzierens, der Würdigung des Individuums und der genauen Betrachtung des Einzelfalls. Auch wenn die Welt dadurch weniger heimelig wird.



Kommentare :

  1. Vertreter von Minderheiten sind Menschen wie du und ich.

    So banal der Satz ist , so seltsam ist , daß er nicht nur - wenig überraschend - von Rassismus und Co. bezweifelt wird , sondern auch von der (scheinbar) anderen Seite.
    Faktisch wird so getan , als ob Leute aus Minderheiten automatisch bessere Menschen seien ,die Aussage , daß es da auch Idioten gebe , ist an dieser Stelle sehr glaubwürdig , an anderer Stelle aber oft nur ein Lippenbekenntnis , weil sich halt keiner hinstellen und so tun kann , als ob es irgendeine Menschengruppe ohne jedwede bedenkliche Mitmenschen gibt.
    Ein krasses Beispiel war "Unter den Linden" , vor einigen Wochen , der von mir sehr geschätzte Lüders (Nahostexperte) , sagte plötzlich den Satz , daß die IS eben zu den ganz wenigen Extremisten gehöre , und daß 99,9 % der Moslems einfach Leute seien wie du und ich.
    So differenziert der Mann sonst ist , an dieser Stelle redet er blanken Unfug.
    Egal , welche , es gibt keine einzige menschliche Gruppierung , in der 99,9 % irgendwie in Ordnung sind.
    Niemand würde einen solchen Unfug über die deutsche Mehrheitsgesellschaft von sich geben , die Idiotenquote ist immer dramatisch höher anzusetzen , wie hoch , ist dann eben eine Frage der eigenen Einschätzung und kann diskutiert werden.

    Da auch intelligente Menschen so etwas von sich geben - und nicht gerade selten - kann es dafür eigentlich nur den Grund geben , daß sie an dieser Stelle von der politischen Korrektheit gelähmt sind , eine Denkrichtung , die zwar immer vorgibt , im Namen der Anti-Diskreminierung zu sprechen , die in Wahrheit aber selber eine kleine Schwester des Rassismus ist , und wie so manche kleine Schwester ist sie viel bissiger und bösartiger als ihr zwar lautstarker , aber eben auch tumber und leicht durchschaubarer Bruder.
    Allerdings gibt es auch nicht wenige Leute , die es ehrlich meinen mit ihrer Stellungnahme gegen Diskreminierungen und keineswegs bösartig sind , und die sich selber ebenfalls als "politisch korrekt " bezeichnen , diese Leute sind natürlich nicht gemeint , der Begriff ist leider sehr schwammig und bestens geeignet für jede Menge Mißverständnisse.

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    1. Es gibt 1.6 Milliarden Muslime, und die höchste Schätzung für ISIS-Kämpfer die ich gefunden habe sind 100.000 Mann. Selbst wenn man da jetzt noch großzügig Unterstützer zurechnet, wird man nicht auf 0.1% der weltweiten Muslime kommen. Ich denke daher, die Aussage ist faktisch nicht falsch.

      "Leute wie du und ich" würde ich nicht so verstehen, dass diese 99.9% allesamt Heilige sind. Mal Hand aufs Herz, weder du noch ich sind Heilige. Die überwiegende Mehrheit der Muslime lebt ganz prosaische Leben, quält sich mit den gleichen oder ähnlichen Alltagsproblemen wie der durchschnittliche Europäer, pflegt vergleichbare Ressentiments und Vorurteile gegenüber Andersdenkenden, und lässt den lieben Gott die meiste Zeit einen guten Mann sein. Nur die wenigsten verbringen ihre Zeit damit, andere im Namen der Religion abzumurksen.

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    2. @Tantal

      Terror findet nie in einem abgeschlossenen Milieu von 0,1 % statt , dahinter steht immer ein sehr viel weitergehendes Milieu von Sympathisanten , Leute , die Methode und Inhalt richtig finden ,ohne selber aktiv zu werden , Leute , die die Methoden falsch finden , aber dafür Verständnis haben , bis hin zu solchen , die nur noch die Inhalte richtig finden.
      Das war bei der RAF so , das ist beim NSU so und es ist beim Islamismus so.
      Wie hoch dieses Potential ist , schwer zu sagen , bis hin zu 15 , 20 % halte ich für realistisch.
      Auch der rechts orientierte Anteil insgesamt im Bereich des islamischen Kulturkreises wird meist unterschätzt , seltsamerweise , denn im Bereich der europäischen Mehrheitsgesellschaften wird er anerkannt , gerade von links , und so groß sind die kulturellen und politischen Unterschiede jetzt auch nicht.
      Ansonsten stimme ich Dir zu.

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    3. Ich zitier mich da einfach mal selbst:

      Selbst wenn man da jetzt noch großzügig Unterstützer zurechnet, wird man nicht auf 0.1% der weltweiten Muslime kommen.

      Gerad bei der ISIS-Geschichte finde ich es bemerkenswert, in welcher Deutlichkeit sich muslimische Religionsgelehrte, Funktionäre, Staatschefs muslimischer Staaten etc. von ISIS distanziert haben. Durch massive Gräueltaten auch gegen Muslime und die Takfiri-Praxis hat ISIS selbst muslimische Hardliner verprellt. Über Prozentzahlen kann man jetzt wahrscheinlich endlos diskutieren, je nachdem wo man die Grenze zieht, was noch als Unterstützung oder Sympathie durchgeht.

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    4. Da hast Du Recht , wir haben da wohl große Unterschiede in der Einschätzung der Sympathisanten - Szene , wie es seinerzeit so schön hieß.
      Warum sollte es bemerkenswert sein , daß sich Gelehrte distanzieren?

      Alles Andere wäre höchst bedenklich und schlicht ein Skandal.
      Daß es viele unpolitische und politisch respektable Leute im muslimischen Kulturkreis gibt , wird nicht bestritten.
      Ich sehe aber auch nicht , warum ein Minimum an politischer Respektabilität immer selbstverständlich sein soll , wenn es um den Westen geht , man den Muslimen aber gleich zu Füßen liegt , wenn sie sich zur gleichen Selbstverständlichkeit durchringen können.

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