Montag, 13. Oktober 2014

Carnivor, hardcore


Zu den schönsten Arbeiten des völlig zu Unrecht verstorbenen Loriot zählen seine Kochrezepte. Eine gelungene, nach wie vor aktuelle Parodie auf das Gehabe eines zu Wohlstand gekommenen, eitlen Spießbürgertums, dem es nicht um gutes Essen geht, sondern darum, sich mit immer extravaganteren und immer exotischeren Kreationen gegenseitig zu übertrumpfen. Zum Beispiel Nilpferd in Burgunder ("Nilpferd waschen und trocknen, in passendem [!] Schmortopf mit 2000 Litern Burgunder, 6 bis 8 Zwiebeln, 2 kleinen Mohrrüben und einigen Nelken 8 bis 14 Tage kochen, herausnehmen, abtropfen lassen und mit Petersilie servieren.").

Beobachtet man, mit welch gläubigen Augen gelangweilte Unkreative immer noch irgendwelchen Küchentrends hinterherdackeln (Mediterran! Crossover! Molekular! BBQ!), dann wird deutlich, wie wenig das bis heute an Gültigkeit verloren hat. Nilpferd in Burgunder ginge heute natürlich gar nicht mehr wegen absolut nicht vegan.

Apropos vegan. Obwohl Veganer mit einigem nicht unrecht haben, können die missionarischen und militanten unter ihnen schon gewaltig nerven mit ihrem ostentativen Bessermenschsein. Nicht minder peinlich aber sind auch jene Gestalten, die bei jeder noch so zurückhaltenden Verlautbarung einer/s Verganers/in sofort die Hasskappe aufsetzen und in den Empör-Modus schalten. Mit ihrem Sichbedrohtfühlen und trotzigen Fußaufstampfen erinnern sie an jene verbiesterten Gestalten, die mit großer Geste darauf bestehen, auf keinen Fall gendergerechte Sprache zu verwenden - wozu sie, nebenbei bemerkt, auch niemand zwingen kann, so lange sie nicht mit dem Abfassen offizieller Dokumente befasst sind, die entsprechenden Regularien unterliegen - oder die unter großem Tamtam fordern, weiterhin gefälligst Wörter wie 'Neger' oder 'Zigeuner' verwenden zu dürfen.

Ich kann mir nicht helfen, aber so einem demonstrativ auftrumpfenden Fleischfresser-Gehabe haftet etwas unangenehm Pubertäres an. Ha, dem Veganertrottel habe ich's mal wieder gegeben! Echtes Selbstbewusstsein jedenfalls sieht anders aus. Gern rekrutieren sich solche huchwiemännlichen Fleischpflanzen ja aus Kreisen jener Trendhinterherhechler, die andauernd mit ihrem fashionablen Gequassel über Dry Aged Beef und mindestens sechs Tage gesmoktes Pulled Pork langweilen. Dabei erkennen sie nicht, was für blutige Anfänger sie sind mit ihren Brutzeleien. Wahres, konsequentes Carnivorentum nämlich sieht ganz anders aus.

Dank des 'Standard'-Kolumnisten Tobias Müller glaube ich zu ahnen, woher Loriot damals seine Inspiration hatte. Müller hat antiquarisch ein Kochbuch aus dem Jahr 1971 namens 'Köstlichkeiten internationaler Küche' aufgetrieben. Verfasst hat es ein gewisser Werner Fischer, damals Chefkoch im West-Berliner 'Ritz'-Hotel. Der hatte sich in der damaligen High Society schon vor Erscheinen seines Buches mit abgefahrener Küche wie Suppe vom Leguan oder Klapperschlange in Lehm einen Namen gemacht. Seine Zutaten bezog er unter anderem aus Zoos. Brat mir einer einen Storch!

Das Buch versammelt Rezepte, die in ihrem verzweifelten Hecheln nach maximaler Exotik das Wirken des berüchtigten Clemens Wilmenrod locker in den Schatten stellen. Zum Beispiel Schildkröten-Parfait, Bärenfleischtorte, Robbenfilet im Teig gebacken, Zebuhöcker mit Bittermelone, Möwenrührei nach Großmutterart (!), Gazelle mit Gänseleber, gebratenes Gürteltier oder Kamelkeule 'El Achmed'. Fischers Küche folgte offenbar dem Grundsatz, dass alles was kreucht und fleucht und für Normalbürger nicht ohne weiteres erhältlich ist, in den Topf wandert, um dann einer staunenden, solventen Kundschaft als internationale Spezialität vorgesetzt zu werden. Obwohl man Klassiker wie Otternasen und Lerchenzungen vergeblich sucht, ein schönes Anschauungsobjekt für alle, die glauben, wir lebten in kulinarisch dekadenten Zeiten.

Zu den Höhepunkten aus Fischers Schaffen gehört zweifellos diese stilecht angerichtete Elefantensuppe...

(Foto: Tobias Müller - via derstandard.at)
… und Igel auf bosnische Art. Da können sogar Asterix und Obelix einpacken ("Hunger? Aber du hast doch grad erst zwei Gurugurus gegessen, einen sogar mit Bär gefüllt.").

(Foto: Tobias Müller - via derstandard.at)
Interessant im Übrigen, wie damit nebenbei das Stereotyp strapaziert wird, nach dem im seinerzeit hinter dem Eisernen Vorhang liegenden Osteuropa halbwilde Waldmenschen hausten, die alles abmurksen und auf den Rost legen, was sich bewegt und auch nur entfernt essbar sein könnte. Übrigens fehlt auch die Anleitung zur fachgerechten Zubereitung von Bärentatzen nicht (Warenkunde, zu welcher Zeit im Jahr die zartesten zu bekommen sind und wie man sie richtig präpäriert, gibt es selbstverständlich auch). Wer also noch auf der Suche nach einer Geschenkidee ist, sollte sich beizeiten bei diversen Antiquariaten umsehen.

In diesem Zusammenhang kam mir noch dieses wunderbare Gedicht Wiglaf Drostes in den Sinn, das ich schon seit gefühlten Ewigkeiten einmal zum Besten geben wollte: "Uhus, Störche, Wiedehöpfe / kommen mir nicht in die Töpfe / Spinnen, Kakerlaken, Zecken / sollen niemandem mehr schmecken / Tintenfisch und Mantarochen / sollst Du ehren und nicht kochen! / Orang-Utans und Primaten / darfst Du streicheln, niemals braten! / Siehst Du eine Taube trudeln: / Laß sie leben. Komm! Iß Nudeln!"



Kommentare :

  1. Das mit der Hasskappe ist die andere Seite , die oft übersehen wird , heute triffts die Veganer , früher vor allem die "Ökos".
    Wenn du -auf Anfrage!- geäußert hast , daß du gelegentlich an einer Öko-Theke vorbeigehst , ohne gleich die Polizei zu rufen , dann trat sofort der gut beschriebene Stammtisch auf den Plan , leider gibts den auch in einer linken Variante.
    Der Dogmatismus der Mehrheit , der nicht als Dogmatismus auftreten muß , weil er sich auf die strukturelle , faktische Gewalt der Mehrheit berufen kann.
    Ein Lob an die Grünen ,es war leider nur ungewollt , aber mit ihrer Forderung nach einem "Veggie-Day" haben sie genau diese "Fleischfresser"-Fraktion aufs Glatteis geführt , es war köstlich , zu beobachten , wie wenig da Viele gemerkt haben , daß sie sich so richtig schön zum grunzenden Vollidioten gemacht haben , bei ihrer "Verteidigung" des deutschen Kulturguts.

    AntwortenLöschen
  2. Es ist eigenartig - ich habe in den letzten 25 Jahren verdammt viele vegan oder vegetarisch lebende Menschen kennengelernt und kann mich an niemanden erinnern die/der (wirklich*) missionarisch oder gar militant gewesen wäre. Ein paar Mode-Veggies waren dabei, einer lebte den Verzicht einer verlorenen Wette wegen, ein volles Jahr. Für die meisten war es aber eine ethische Entscheidung, eine die niemanden sonst etwas anging und in der sie nicht moralisierten. Und genau so sollte es sein, meiner Meinung nach.

    Falls mir doch mal eine solche Nervensäge unterkommen sollte, würde ich der dann auch Entsprechendes sagen. Weil das gar nicht geht.

    Was geht, ist Hatern ihren Hass vor Augen zu führen, höflich, vielleicht mit ein wenig Ironie.

    ...

    *Ich will nicht in Frage stellen, daß es solche gibt, ich kenne nur keine/n.

    Was ich nachvollziehen kann, wenn auch nicht gutheißen, ist, daß gerade Neulinge in dem Bereich sich angegriffen fühlen, wenn sie Hohn und Spott ausgesetzt sind. Eine solche Entscheidung mag auf sehr festen Füßen stehen, aber die Erfahrungen die man mit Menschen macht die sich irgendwie bedroht fühlen sind neu, und müssen erstmal verarbeitet werden, in innere Strukturen gebettet. Selbstbewußt ist man vllt. schon vorher, Gelassenheit muß sich meist erst ausbilden. Schafft man das nicht, flieht man vor Auseinandersetzungen, oder fängt an zurückzuschlagen und radikalisiert sich u.U., denke ich.

    Nun ja, danke jedenfalls für einen gelungenen Beitrag, auch wenn die Bilder mich leicht verstörten! :-)

    AntwortenLöschen