Samstag, 4. Oktober 2014

Ein Hoch auf die Sinnlosigkeit


Wenn eines an den Engländern mir schon immer sympathisch war, dann ihr Hang und ihre Liebe zu seltsamen Freizeitaktivitäten. Zum Beispiel Trainspotting. Trainspotter sind eisenbahnbegeisterte Menschen, die quasi Zugsichtungen sammeln. Indem sie jede erdenkliche Lokomotiv-Zug-Kombination entweder fotografieren oder sonstwie dokumentieren und so mit der Zeit beträchtliche Sammlungen anlegen. Zwar gibt es so eine Szene auch bei uns, doch auf der Insel wurde das immer schon weit professioneller aufgezogen. Früher gab es angeblich sogar eigene Hefte zu kaufen, in denen das gesamte Rollmaterial von British Rail verzeichnet war, in die man seine Sichtungen bequem mit Datum, Ort und Uhrzeit eintragen konnte.

Ich habe eine schwache Seite für solche Leute. Ich mag es, wenn Menschen mit Leidenschaft und Engagement Beschäftigungen nachgehen, die augenscheinlich komplett sinn- und nutzlos sind. Erst recht in Zeiten, in denen auch Hobbys und andere Beschäftigungen gefälligst irgendwie nützlich zu sein oder der Selbstoptimierung zu dienen haben, auf dass man ein immer effizienteres Arbeitstier wird. Mach doch mal was Sinnvolles mit deiner Freizeit, ist oft zu hören. Oder: Oh Mann, guck dir mal den an, der sammelt tatsächlich noch Briefmarken. Haha, wie uncool, geht ja gar nicht!

Schön, zwar kann ich es immer noch nicht verstehen und es wird mir wohl ein ewiges Rätsel bleiben, was zum Beispiel der längst verstorbene Vater eines Freundes so spannend daran fand, Streichholzschachteln aus aller Welt zu sammeln (ein anderer sammelte Pfeffermühlen), aber ich muss es ja nicht verstehen. Außerdem beeindruckte mich das irgendwie. Diese Ausdauer und Zähigkeit, mir der sie sich etwas widmeten, für das sie nicht selten belächelt wurden, und je mehr sie belächelt wurden, desto interessanter fand ich's.

Es ist viel zu einfach, sich über Menschen, die so etwas tun (meist sind es Männer) lustig zu machen. Gerade Sammler gelten ja oft als etwas seltsame Typen, dabei sind sie für ihre Mitmenschen in der Regel liebenswerte, harmlose Zeitgenossen, die ihrer Leidenschaft meist still nachgehen und niemandem schaden. Große Aufmerksamkeit wollen sie auch nur selten, sie wollen nur in Ruhe gelassen werden und sich gelegentlich mit Gleichgesinnten treffen. Gäbe es mehr von solchen Leuten, diese Welt wäre sicher ein besserer Ort. Außerdem haben diese Menschen etwas, um das man sie beneiden muss: Eine Sammlung von Telefonkarten (Was das ist, liebe Kinder? Hier klicken!) oder Kronkorken ist immer da und enttäuscht einen nie.

Und so begrüße ich es sehr, dass es in England jetzt den Dull Men's Club gibt (Motto: 'It's o.k. to be dull'), einen eigenen Verein für Leute mit stumpfsinnigen Hobbys. Einer sammelt Verkehrshütchen (ohne sie zu klauen, versteht sich), ein anderer reist durchs ganze Land, um Kreisverkehre zu fotografieren, wieder ein anderer fotografiert Hecken und so weiter. Apropos Kreisverkehre: Der Dull Men's Club scheint mehr eine Art Dachverband zu sein, denn es gibt zahlreiche Vereine, die sich schon länger der Pflege einzelner sinnloser Hobbys verschrieben haben. So gibt es unter anderem die UK Roundabout Appreciation Society und eine Vereinigung, deren Mitglieder Kraftfahrzeugsteuerplaketten sammeln und katalogisieren - kann man so was noch erfinden?




Kommentare :

  1. Ja… Wie sehr manche, aus der naiven Ferne betrachtet faszinierend wirkenden Themen doch ihren Zauber verlieren, wenn man sich erst einmal intensiv mit ihnen zu befassen beginnt. Und als wie faszinierend sich manche anderen, aus der naiven Ferne betrachtet öde wirkenden Themen herausstellen können, wenn man sich erst einmal intensiv mit ihnen zu befassen beginnt! :)
    Kreisverkehre?? Ich geh' mir mal einen suchen…

    AntwortenLöschen
  2. Liebenswert geschrieben. Besonders der zweite Abschnitt, schreibt mir richtig-gehend aus der Seele. Ich hab da ein spezielles Faible für die sinnvoll sinnlos begeisterten Anhänger und Sammler naturkundlicher Spezialitäten entwickelt. Flechten- und Schleimpilzzüchter, sind z.B. in D-Land eine nicht selten geradezu beleidigend behandelte Spezies von Hobbyisten, während der gute alte Schmetterlingssammer, äquivalent zum Briefmarkensammler zu sehen wäre. Sammler von Tierlosungen, sind natürlich ein wenig arg Geschmacksache, und frönen ihrer Leidenschaft deshalb generell im Geheimen. (Man erkennt sie aber am Kühlschrankbedarf) Doch so mancher Klassiker, kann es durchaus auch bis in die höchsten Weihen der Vermittlung von Begeisterung auch außerhalb der täglich Ökonomie und Arbeitseffizienz schaffen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein ehemaliger Schulfreund von mir etwa sammelt ausrangierte Linien-Omnibusse*). Wieso er das macht und was er mit den Bussen anfangen will, weiß er selber nicht zu erklären. “Es ist halt wie Briefmarkensammeln,“ sagt er, “man braucht nur mehr Platz.“

      Löschen
    2. Neulich ist mir das hier über den Weg gelaufen. Der muss ähnlich ticken, nur eine Nummer kleiner...

      Löschen