Mittwoch, 29. Oktober 2014

Mündige Mehrheit


„Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.“ (Gottfried Benn)

Das Tarifeinheitsgesetz (Zumutungen verstecken sich gern hinter solchen bürokratischen Wortmonstern), dessen Verabschiedung durch das Kabinett Andrea Nahles gestern für den 3. Dezember verkündete - faszinierend, wie schnell sich was bewegt, wenn die richtigen Leute im Hintergrund Druck machen – läuft im Prinzip auf eine Einschränkung unseres eingeschränkten Streikrechts und auf eine Marginalisierung kleiner Spartengewerkschaften hinaus. In einem Land mit einem wachen Sinn für Gerechtigkeit und Sensibilität für soziale Schieflagen sowie einer Presse, die ihre Rolle als vierte Gewalt ernst nimmt, käme spätestens jetzt eine ernsthafte Debatte in Gang und die Leute würden auf die Straße gehen.

Wenn es so ein Land auf deutschem Boden je gegeben hat, es gibt es das spätestens seit 1990 nicht mehr. Zwar gibt es ein diffuses Unbehagen, doch scheint etwa die Hälfte der Deutschen längst zu einer glücklich Party machenden Masse prekärer Existenzen mutiert, die vor allem sich selbst feiern, anderen nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gönnen und immer einen brauchen, den sie unter sich wissen und den sie schurigeln können. Diese Mehrheit findet Demokratie anstrengend, fühlt sich aber prima regiert und repräsentiert von einem verkniffenen protestantischen Predigtnussknacker und einem sich dem ödipalen Mehrheitsdödel als 'Mutti' andienenden Pokerface, das eiskalt die Interessen des Kapitals vollstreckt.

Sicher, es ist wohlfeil, andauernd auf dem verschlafenen Michel herumzuhacken, der ein Talent hat, immer erst dann aufzuwachen, wenn es zu spät ist. Die wenigsten sind dumm oder träge. Sie werden einfach nur brav das tun, was man ihnen beigebracht hat: Mündige Bürger sein und sich in den Medien informieren. Deutschland geht es gut. Der Arbeitsmarkt ist in guter Verfassung. Das ist ein Grund zur Freude. Gehirnwäsche und Druck haben ihre Wirkung getan.

Großer Widerstand aus der Bevölkerung ist daher nicht zu erwarten, denn in Deutschland gibt es in der Tat Sozialneid und Hass auf Privilegierte. Leider geht gerade letzterer in die falsche Richtung. Zu viele finden nämlich, Piloten, Lokführer und andere durch Spartengewerkschaften vertretene Berufsgruppen verdienten eh schon zu viel, man selbst gebe sich schließlich auch mit wenig zufrieden, also sollten diese Leute sich mal nicht so anstellen und froh sein, dass sie überhaupt Arbeit hätten. Mit so Konditionierten lässt sich alles machen. Das Arbeitgeberlager weiß das.

"Nein, Ihnen den Mindestlohn zu zahlen, können wir uns beim besten Willen nicht leisten. Klar, wir müssen das, weil’s der räuberische Ausbeuterstaat und die Scheißgewerkschaften so wollen. Aber Papier ist geduldig, wir regeln das dann über Überstunden, ist normal heutzutage. Urlaub, ja, vielleicht, wenn’s unbedingt sein muss. Weihnachtsgeld? Machen Sie Witze? Haben Sie sich mal die Auftragslage angesehen? Das Geld, das Sie kassieren wollen, muss erst einmal verdient werden! Tarifvertrag? Wollen Sie etwa die DDR zurück? Man darf eben nicht immer so anspruchsvoll sein. Schauen Sie sich doch mal in anderen Ländern um, da ist alles noch viel schlimmer."

Einen Fehler immerhin hat Frau Nahles gemacht, den sie noch bereuen könnte: Sollte das Gesetz in dieser Form tatsächlich in Kraft treten, dann droht auch dem einflussreichen Marburger Bund, der Spartengewerkschaft der Ärzte, ein rapider Bedeutungsverlust. Das werden die Weißkittel sich vermutlich nicht bieten lassen. Es ist doch interessant, dass Forderungen der Ärztegewerkschaft in der Vergangenheit zwar hier und da kritisiert, aber nicht annähernd so bekämpft wurden wie die von GDL und Cockpit.


Kommentare :

  1. @ Stefan: Das ist ein wunderbarer Text, der die Dinge klar benennt und auf den Punkt bringt, danke dafür. Bei der Ursachenforschung stoße ich persönlich aber immer wieder an schier unüberwindliche Grenzen, so auch hier:

    Glaubst Du wirklich, dass allein "Gehirnwäsche" (durch ständige Wiederholung in den Medien) und "Druck" (der ja tatsächlich von den allermeisten sehr bewusst wahrgenommen und erlitten werden dürfte) als ausreichende Gründe dafür angesehen werden können, dass so viele Menschen - und eben nicht nur "Idioten", sondern quer durch alle Intelligenzstufen, bis hin zu überdurchschnittlich intelligenten Personen - das so simple und äußerst primitive Blendwerk der neoliberalen Propaganda akzeptieren und die Hintergründe nicht verstehen?

    Ich kann und will das nicht glauben, weil es eben eine so niederschmetternde, finale Bankrotterklärung des menschlichen Intellektes und all seiner Potenziale wäre; allerdings habe ich auch keine andere Erklärung parat, die hier greifen könnte.

    Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie ich beim ersten Lesen von "1984" und vergleichbaren Romanen oft gedacht habe: Wie kann es denn überhaupt sein, dass all die Menschen in diesen Geschichten die stumpfe, offensichtliche, verblödende Propaganda, die dort verbreitet wird, kritiklos hinnehmen und ihr tatsächlich "glauben"? - Und heute erlebe ich exakt dasselbe in meiner Realität.

    Die Frage ist nach wie vor dieselbe, und sie ist unbeantwortet: Wie kann das sein? Ich habe seitdem viel gelesen und nachgeforscht, von der "Psychologie der Massen" bis zu Erich Fromm, aber eine befriedigende, wirklich erklärende Antwort für dieses Paradoxon habe ich noch nicht gefunden.

    Liebe Grüße und vielen Dank für diese erneute intellektuelle Anregung, die Suche nicht aufzugeben.

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  2. DIE Antwort wird es nicht geben. Aber in der SZ gab es letztens einen Artikel, warum heute eine Revolution (gg. die neoliberale Hegemonie) nicht mehr möglich ist. Darin wurden einige schlüssige Erklärungsansätze geliefert. Meines Erachtens ist der vergiftete Stolz, der über die Lohnarbeit verabreicht wird, das wesentliche Problem. Dazu wird man von Kindesbeinen darauf konditioniert, irgendwann einen Beruf zu erlernen und diesen bis zur Rente auszuüben. Am besten hält man überall die Klappe, um nicht negativ aufzufallen, lässt sich bei der Arbeit alles gefallen, stellt keine Authoritäten in Frage. Unterdrückung des eigenen kritischen Geistes. Viele selbstentfremdete Menschen zeigen dann auch nach Außen sehr gerne die Härte gegen sich selbst; sie lernen in der Schule Dinge, die sie nicht interessieren, ergreifen Berufe, die sie nicht ausfüllen, sondern ankotzen. Sie sind unzufrieden - aber als "Schmerzensgeld" erhalten sie eben den Stolz (das Gefühl, anderen überlegen zu sein) und ein Almosen, mit dem sie sich etwas Konsum (den Tellerrand) leisten können. Wichtiger ist, sich einzureden, dass man sich alles "selbst erarbeitet" hat, "uns geht's gut". Man hat innerhalb dieses Systems funktioniert - wurde "belohnt" (wie bei der Dressur eines Hundes); also kann es so falsch nicht sein. Die Widersprüche (kognitive Dissonanzen) werden zwar erkannt - aber mit aller Macht (Selbstentfremdung) unterdrückt. Alles, was auch nur ein wenig an der scheinbar "heilen Welt" kratzen würde, wird gnadenlos ignoriert. Was in der Welt um einen rum vor sich geht, ist komplett irrelevant, so lange es einen selbst nicht unmittelbar persönlich betrifft. Es ist überwiegend reine Denkfaulheit (siehe "Aufklärung" nach Kant) - die aber auch systematisch gefördert wird; wer liest bspw. schon nach nem 10h-Arbeitstag noch sowas wie Karl Marx - oder auch nur irgendwelche Blogs...?! Die egoistische Ignoranz ist meiner Meinung nach das wesentliche Problem - dass einer großen, opportunistischen Mehrheit im Grunde alles vollkommen egal ist, so lange man sich selbst einreden kann, man habe als "Leistungsträger" seinen "Wohlstand" selbst erarbeitet. Gejammert wird erst dann, wenn die eigene Hütte irgendwann in Flammen aufgeht...

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  3. Genauso, wie ich immer noch an "Das Gute" im Menschen glaube, wenn die Voraussetzungen stimmen, so glaube ich auch daran, daß wenn das Umfeld aus dem Lot ist, der Mensch zur Niedertracht und zum Brudermord neigt.

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    1. @Charlie: Danke, ich glaube eher, den Einfluss der Medien bzw. auch des öffentlichen Diskurses kann man gar nicht überschätzen. Ich glaube, dass Huxleys 'Brave New World' den viel geeigneteren Schlüssel zum Verständnis dieser Phänomene liefert als, bei allem Respekt, Orwell. Bei Huxley lieben die Menschen ihre Unterdrücker. Ich finde auch Dennis82s Ergänzung mit dem Belohnungssystem sehr bedenkenswert. Im 19. Jahrhundert hatten die Arbeiter trotz weit schlimmerer Arbeitsbedingungen und längerer Arbeitszeiten nach Feierabend noch die Energie, sich weiterzubilden und politisch aktiv zu sein, heute, scheint's nicht mehr. Viele Konsumgüter bzw. Must-Haves, wie das auf neudeutsch heißt, sind so designt, dass sie genau an diese Regionen in unsere Hirnen andocken. Das betäubt und lullt ein. So denken Menschen dann: Ich habe einen Scheißjob, der mich krank und unglücklich macht, aber ich kann mir das neueste iPhone o.ä. leisten und gehöre dazu. Andere können das nicht, also geht es mir gut.
      (@piet: Den Zwiespalt kenne ich in der Tat auch sehr gut).

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