Sonntag, 26. Oktober 2014

Out of touch


Was im Deutschen 'realitätsfern' heißt, nennt der Englischsprachige, wie so oft platischer und cooler, out of touch. Nehmen wir den deutschen Sparkassen- und Giroverband und seinen Präsidenten Rudolf Fahrenschon. Der stellte letzten Donnerstag das alljährliche Vermögensbarometer seines Verbandes vor. Das offenbart Beunruhigendes - vor allem, wenn man ein Sparkassenverband ist: Immer weniger Deutsche sparen. Inzwischen geben 30 Prozent der Befragten an, finanziell nicht für die Zukunft vorzusorgen. Bei jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sieht es ganz finster aus: Von denen gibt jeder Zweite an, nichts zu sparen. Auch bei Menschen mit einem verfügbaren Einkommen unter 1.000 Euro pro Monat spart mehr als die Hälfte der Befragten nichts.

Fahrenschons dazu: "Die Zahlen signalisieren ein beunruhigend großes Desinteresse der jungen Generation an den Themen Altersvorsorge und langfristiges Sparen." Da haben wir's! Die Jugend von heute mal wieder. Lebt sorglos in den Tag hinein und haut einfach so alles auf den Kopp. Zu den Ursachen für diese Entwicklung ließe sich natürlich einiges sagen. Spintisieren wir also aufs Geratewohl ein wenig herum.

Man könnte zum Beispiel sagen, die abnehmende Sparneigung junger und einkommensschwacher Deutscher könnte eventuell damit zu tun haben, dass von einem Nettoeinkommen unter 1.000 Euro monatlich nach Abzug aller Lebenshaltungskosten (Miete, Strom, Heizung, allernötigste Versicherungen, von einem Auto reden wir nicht, also Netzkarte für den ÖPNV) nach dem ebenfalls nötigen Einkauf von Lebensmitteln, exakt nichts mehr übrig bleibt, das man noch einem Geldinstitut überantworten könnte. In diesem Zusammenhang könnte man auch darüber reden, dass vor allem Mieten, Strom- und Gaspreise in den letzten Jahren dramatisch gestiegen sind, viele Einkommen außerhalb des öffentlichen Dienstes, einzelner, überdurchschnittlich profitabler Branchen und unterhalb von Vorstandsetagen hingegen nicht.

Weiterhin könnte es vielleicht irgendwie eine Rolle spielen, dass die Sparzinsen zur Zeit so lachhaft niedrig sind, dass es schlichtweg nicht lohnt, sein Geld zur Bank oder Sparkasse zu tragen. Eine Rolle spielen könnte auch, dass private Lebensversicherungen jedes Jahr mehr für ihre Dienste verlangen, viele Kunden aber jedes Jahr weniger Kaufkraft haben, sodass sie sich irgendwann gezwungen sehen, ihren Vertrag zu kündigen.

Dann könnte man noch erwähnen, dass beispielsweise eine Riester-Rente für Kleinverdiener komplett sinnlos ist, weil die im Alter eh mit der Grundsicherung verrechnet wird und man dadurch jahrzehntelang für nichts und wieder nichts riestert. Schließlich könnte man noch die gewagte These aufstellen, dass die, die angeben, es sich finanziell nicht leisten zu können, nennenswerte Beträge anzusparen, das vielleicht deswegen tun, weil es so ist.

Kurz: Es könnte durchaus sein, dass sparresiststente Twens und geringverdienende Habenichtse nicht etwa ignorant sind, sondern das System ganz gut durchschaut haben, vielleicht sogar besser als es Fahrenschon et al. lieb sein kann. Nebenbei bemerkt, wage ich eh zu behaupten, dass junge Generationen unter 30 mehrheitlich schon immer wenig vom Vorsorgen und Sparen hielten. Wer nicht zu jenen Frühgealterten gehörte, die bereits mit 20 ihre Zukunft mit Eigenheim und Rente durchgeplant hatten, wollte in seinen Zwanzigern vor allem mal was erleben und auf die Sahne hauen.

Das alles könnte man sagen und wenn das alles auch nur zum Teil stimmt, dann kann es daraus nur eine Schlussfolgerung geben: Das Vermögensbarometer ist ein weiterer Beleg dafür, dass mit der Einkommens- und Vermögensverteilung in diesem Land gewaltig etwas schief läuft. Wenn der Spaßkassenverband will, dass wieder mehr Leute mehr Flocken abdrücken, dann müssten zum einen attraktive Angebote her und und zum zweiten müsste man dafür plädieren, dass mehr Leute am Ende des Monats auch die entsprechenden Flocken übrig haben.

Nun bin ich natürlich nur ein Laie in Finanzdingen, der im Zweifel von nichts eine Ahnung hat. Daher kann es nicht verwundern, dass ein Finanzprofi wie El Presidente Fahrenschon zu anderen Schlüssen kommt. Sein Vorschlag: "Gerade im Blick auf mittlere und einkommensschwache Haushalte muss die Bedeutung des Sparens zum Vermögensaufbau wieder besonders betont werden." Mit anderen Worten: Die Einkommensentwicklung im Lande ist uns ziemlich wumpe, solange die Leute uns nur wieder ihre Kohle überweisen. Es steht zu befürchten, dass der Mann das ernst meint.


Kommentare :

  1. Klar, da gehen urdeutsche Tugenden wie Selbstdisziplin verloren bei den jungen Hallodris. Die müssen von klein auf an eine solide Grundhaltung herangeführt werden. Deshalb lassen Banken auch Flyer in ersten Klassen verteilen, wo sie für Kindersparbücher werben, mit Geldkarte, Bonuspunkten für Einzahlungen, für die man dann ein super Geschenk kriegt. Ein Kinogutschein und bei Kontoeröffnung 5 Euro Gutschrift inbegriffen.

    Wer da mit 6 einsteigt, hat bis zum Abi den ersten gebrauchten Golf zusammengespart oder bis zum Examen die Anzahlung für die erste Wohnung. So geht das.

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  2. Wenn sie nicht sparen können , sollen sie halt Aktien kaufen.

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  3. Gut auf den Punkt gebracht.
    Und nachdem diese sogenannten Geldinstitute sich ja durch ach so "seriöse Geschäftspraktiken" dermaßen zur Verwaltung des eigenen Geldes empfehlen, sofern man denn überhaupt welches hat, ist es schon bemerkenswert mit welcher Chuzpe die Schuld wieder einmal den Betroffenen zugeschustert wird.
    Ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil der Menschen in diesem Land mittlerweile schlicht nichts übrig hat am Monatsende, sprich die kommen gerade so über die Runden.
    Vorsorgen für's Alter mit unter 1000,-- € netto, wie verbohrt muss man eigentlich sein ... *fassungslos*

    Beste Grüße
    onlyme

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