Freitag, 24. Oktober 2014

Schande, Schande!


Wenn ein in christlicher Hinsicht vorbildlich lebender Mensch (so das überhaupt möglich ist) mir etwas erzählen will über christliche Werte und alle, die das nicht hinbekämen, in Bausch und Bogen verdammt, dann mag das vielleicht ungeheuer nerven, ist aber legitim. Immerhin lebt dieser Mensch das, was er predigt und ist somit in der Position, so was zu tun, ohne sich in Bezug aus Glaubwürdigkeit komplett lächerlich zu machen. Hält mir aber jemand Vorträge über Moral, Sitte und eheliche Treue, von dem im Prinzip alle wissen, dass er nebenher ein notorischer Puffgänger und Seitenspringer ist, dann wird es lustig.

Liegt das nur an meiner, freilich durch Gehirnwäsche und Indoktrination während der Adoleszenz komplett verstrubbelten Wahrnehmung, dass ich so ein Verhaltensmuster überdurchschnittlich oft bei der Christlich-demokratischen bzw. -sozialen Union zu sehen glaube?

Jetzt meinte der Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner, es sei nichts weniger als eine "Schande für Deutschland", wenn es in Thüringen zu einer rot-rot-grünen Regierung unter einem Ministerpräsidenten der Linken kommen sollte. Begründung: Es sei "...eine Schande, wenn 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution die Partei der Stasispitzeleien und Mauermorde in die Erfurter Staatskanzlei einzieht." Schön, die heutige Linke, eine Nachfolgeorganisation von WASG und PDS, zur direkten Nachfolgerin der SED zu machen, ist an sich schon eine steile These.

Natürlich haben da eine Zeit lang ein paar Altkader aus Honeckers altem Laden überwintert. Und? Was hat das mit heute zu tun? Es ist die alte Leier: Konservative lieben es seit jeher, mit Angstmache zu arbeiten. Am allerliebsten mit apokalyptischen Warnungen vor der roten Gefahr. Wenn ihr uns nicht wählt, dann kommen die roten Socken, Deutschlands Untergang ist nahe! Wehe! Fürchtet euch! Buh! Vielleicht sollte man sogar ein wenig Mitleid haben. Es könnte nämlich eines der letzten Male sein, dass der Popanz vom drohenden Kommunismus bei ein paar sehr Gestrigen noch Eindruck schinden könnte. Die Konfliktlinien verlaufen längst woanders.

Natürlich hat diese Komödie nichts mit Moral zu tun, sondern mit Parteitaktik: Bleibt die CDU bei ihrem Ausschlusskurs gegenüber der anderen "Schande für Deutschland" (W. Schäuble) und sollte sich tatsächlich so etwas wie ein rot-rot-grünes Lager bilden, dann könnte es irgendwann sehr einsam werden um die Union. Vor allem, wenn man bedenkt, dass momentan nichts auf ein glanzvolles Comeback der alten Mehrheitsbeschafferin FDP hindeutet. Doch kann man dergestalt in Puncto politische Vergangenheit Moral predigende Unionisten nicht häufig genug daran erinnern, dass wer solch hohe Standards an andere anlegt, diese auch für sich gelten lassen sollte.

Um wie viel kleiner wäre deren Partei, sagen wir, 1960 gewesen, also 25 Jahre nach 1945, wenn man damals mit alten Nazis in den eigenen Reihen ähnlich unnachsichtig umgegangen wäre? Darauf angesprochen, wird gern darauf verwiesen, das könne man überhaupt nicht vergleichen, das seien ganz andere Zeiten gewesen damals und überhaupt sei das eine Frechheit. Aha. Dann drehen wir die Uhr eben etwas weniger weit zurück, nämlich auf 1990. Kann man bei der CDU wirklich ausschließen, wirklich niemanden aus der damals übernommenen Ost-CDU mit ungeklärter Stasi-Vergangenheit mit übernommen zu haben?

Politik ist kein Streichelzoo, keine Heiligenversammlung und kein übermäßig moralisches Geschäft. War sie nie und wird sie wohl auch nie sein. In demokratischen Systemen geht es immer auch um Kungelei und Feilschen und man wird es daher nie ausschließlich mit den Integersten zu tun haben. Daher gilt jene schöne alte Weisheit aus einem alten Bestseller, in dem es heißt, wer ohne Sünde sei, möge den ersten Stein werfen und sich ansonsten bedeckt halten.



Kommentare :

  1. Also, dass man mit der Linken als Rechtsnachfolger der SED Probleme haben kann, finde ich soweit noch ok. Dein Einwand, dass das SED-Personal weitgehend weg ist, stimmt natürlich. Die Parallele zur CDU (und zur ehemals recht bräunlich besetzten FDP) 25 Jahre nach Kriegsende (das wäre übrigens 1970 gewesen) ist auch aufschlussreich. Da deutet sich an, dass konservativerseits mit zweierlei Maß gemessen wird.

    Was mich an den C-Parteien aber wirklich aufregt ist, wie sie Wasser predigen und selbst Wein saufen. C-Politiker und C-Wähler sind nicht gesetzestreuer als andere. Zu viele hinterziehen genauso dreist Steuern, lügen, gehen fremd, und machen auch sonst fleißig das, wogegen sie offiziell wettern.

    Das C reduziert sich heute im wesentlichen darauf, gegen Abtreibung zu sein und die gottlosen Linken zu verabscheuen. Eine positive (also mit Werten gefüllte) Haltung ist das nicht. Man könnte das C durch ein K für Konservativ ersetzen, dann würde es passen.

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  2. Hmmm, dieses Wegnerische Klischeedenken, welches sich an einem längst verflossenen speziellen Zeitgeist fest beißt, und jedes Gefühl fürs aktuelle Zeitgeschehen verloren hat, geschweige denn wahr nimmt, finde ich hoch interessant, - und eigentlich ständig. Wie wäre z.B. diese momentane "kalte-Krieg"-Polemik anders möglich, ohne ausreichend Leute, die sich daran fest beißen? Übrigens, auch wenns mir schwer fällt das zu schreiben, - sehe ich das links wie rechts. Wie wären z.B. anders diese Diskussionen über endlos altes Systemdenken möglich, welches sich schon längst einer neuen Debatte über humane Ethik stellen müsste? Wie ist es möglich, dass 40 Jahre nach Adornos Tod immer noch Diplomarbeiten über ihn auftauchen, die alles von ihm behandeln, - bloß nicht das, was alles schon längst eingetreten ist, was der Kerl vorrausgesagt hat? (Bei Adorno, meine ich spezielle Begebenheiten in der Kunst, - betrifft aber in anderen Zusammenhängen auch Marx und Fromm) Ich meine, - da gibt es überall etwas, - was ständig am aktuellen Geschehen vorbeischleift und es unter schon längst abgelutschten Klischees betrachtet, - was so, überhaupt nicht hilfreich ist. Ich entschuldige mich, wenn dies vielleicht nicht so ganz zum klasse Artikel passt, - aber wie gesagt, - ich betrachte diesen Wegner eigentlich nur als Prototyp für etwas, - was mir ständig begegnet.

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  3. Richtig, Schubladendenken gibt es überall. Geschenkt. Sicher ist es auch richtig, dass solche Wagenburgrhetorik immer noch bei vielen zu verfangen scheint. Aber ich finde schon, dass die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und Realität bei den Schwatten, wie gnaddrig schon richtig sagte, noch einmal größer zu sein scheint als woanders.

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