Dienstag, 7. Oktober 2014

Uberfahren


Man kann weiß Gott nicht behaupten, dass im Taxigewerbe alles eitel Sonnenschein sei. Meine Erfahrungen waren durchaus gemischt: Meistens saßen unaufdringliche, souverän agierende Fachkräfte am Steuer am Steuer gepflegter Autos. Ich bin ich unter den Droschkenkutschern aber auch an komplett Ortsunkundige geraten, die mich andauernd nach dem Weg fragten, an welche, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, an nach dem letzten Döner bzw. der letzten Portion Pommes mit Majo Müffelnde oder, schlimmer noch, an Körperpflegeallergiker, die ein strenges Aroma von Schweiß und anderen Körpersäften verströmten. An von chronischem Sprechdurchfall Befallene oder an spätpubertäre Stuntfahrer, die auch nachts Sonnenbrille trugen, innerstädtische Hauptstraßen schon mal mit 120 Sachen nahmen und sich an meinem entsetzten Gesichtsausdruck weideten.

Weiterhin bin ich in verbeulten, heillos verranzten Eierfeilen auf durchgesessenen Polstern durch die Gegend gejuckelt worden. In Vehikeln, die beim Fahren hoppelten oder komische Geräusche machten und die mich fragen ließen, ob der Prüfer bei der letzten HU entweder taub und blind war oder korrupt. Das muss nicht unbedingt an Faulheit oder Nachlässigkeit der Fahrer bzw. der Taxiunternehmen liegen. Viele haben schlicht nichts mehr übrig, um immer gleich alle nötigen Reparaturen vornehmen zu lassen oder sich gar alle paar Jahre einen neuen Wagen auf den Hof zu stellen.

Vor ein paar Jahren traf ich eine Schulfreundin wieder. Nach einem abgebrochenen Studium war sie als zweite Fahrerin ins elterliche Taxiunternehmen eingestiegen. Klassischer Familienbetrieb: Vater und Tochter fuhren zwölf Stunden im Wechsel, Muttern kümmerte sich um den Bürokram. Kurz bevor wir uns begegneten, war sie arbeitslos geworden. Der Laden hatte dem schon damals grassierenden Preiskampf nicht mehr standhalten können, weil ein Fuhrunternehmer damals den Taximarkt mit Billigpreisen aufgerollt hatte: Dessen Wagen sind als Mietwagen gemeldet und dürfen daher zwar keine Taxischilder führen, also keine Fahrgäste vom Straßenrand auflesen, man kann sie aber zu einer Adresse oder einem Treffpunkt bestellen. Daher gilt die Gebührenordnung für das Taxigewerbe für seine Firma nicht und er kann günstigere Preise machen. Viele solcher Kleinbetriebe mit nur einem Wagen mussten wegen der Billiganbieter schon aufgeben.

Das dürfte sich in Zukunft weiter beschleunigen. Das Taxigewerbe dürfte eines der nächsten sein, das durch die digitale Revolution so unter die Räder kommen wird, dass es in spätestens zehn Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. Den Startschuss macht 'uber', eine App, mit der sich per Mobiltelefon ein Fahrer organisieren lässt. Das kann ein professioneller Taxifahrer nebst entsprechendem Gefährt sein, aber auch ein Privatfahrer. 20 Prozent des Umsatzes streicht 'uber' sich ein. Das dürfte den Preiskampf weiter verschärfen und es ist zu befürchten, dass ihn mehrheitlich nicht die überleben werden, die in Bezug auf ihr Arbeitsgerät und die Qualität des fahrenden Personals Wert auf gewisse Standards legen.

Führt die Politik noch ein paar Rückzugsgefechte, hat das Kartellamt schon mal geäußert, es sei doch toll, dass durch die Online-Konkurrenz der Markt in Bewegung kommt. Die Argumente sind sattsam bekannt: Regulierte Märkte sind igitt, nur freier Markt und Vielfalt der Angebote sind gut, Gebührenordnungen verhindern Wettbewerb. Auch das übliche Gejammer, Taxifahren sei in Deutschland doch viel zu teuer, dürfte bald zu hören sein.

Letzteres ist natürlich Quatsch. Man rechne einmal aus, wie viel einen ein Kilometer im eigenen Auto kostet, wenn man wirklich alles in die Gleichung mit einbezieht, also Anschaffung, Betriebsstoffe, Steuern, Versicherungen, Verschleißteile wie Reifen, Wartung/Reparaturen und so weiter. Bedenkt man dann noch, dass in den Fahrpreisen von Taxen die Mehrwertsteuer enthalten ist, teils lange Wartezeiten mit einkalkuliert werden müssen und dass der Fahrer und sein Chef, so er einen hat, auch etwas verdienen wollen, dann ist Taxifahren überhaupt nicht teuer. Außerdem hat ein Taxi den unschlagbaren Vorteil, dass man sich auch zu mehreren eines teilen kann. Ich habe so für nicht wenige Rückwege von Partys deutlich weniger bezahlt als für öffentliche Verkehrsmittel.

Nimmt man die Erfahrungen in anderen Branchen als Maßstab, dann darf man erwarten, dass der Markt sich aufteilen und diversifizieren wird. Oder sich gentrifizieren. Es wird in Zukunft ein paar exklusive Premium-Taxler geben, die mit entsprechenden Autos, entsprechendem Personal und entsprechendem Service eine entsprechend zahlungskräftige Kundschaft bedienen werden. Am unteren Ende wird eine mehr oder minder legale Szene aus nicht zertifizierten privaten Nebenberuflern oder prekären Billigheimern entstehen, die jede Beförderung aufs Neue zum Abenteuer werden lässt.

Das wird nicht aufzuhalten sein. Auf billig und Geiz ist geil, da fahren die Leute eben ab - so lange ihr Job und ihr Einkommen dadurch nicht in Gefahr sind, versteht sich. Und das ist nun mal die Mehrheit. Taxi zu fahren as we know it wird damit wird mit dem zu einer ähnlichen Geste werden wie Fair Trade-Kaffee kaufen, Filme aus der Videothek leihen, gedruckte Zeitungen lesen, Bücher im Buchladen kaufen und einiges andere.



1 Kommentar :

  1. Was in zehn oder zwanzig Jahren sein wird, weiß keiner. Auch keine "Experten". Deswegen ist es auch müssig irgendwelche dunklen Zukunftsphantasien zu malen. Nur weil irgendjemand eine App entworfen hat, heißt das noch lange nicht, dass gleich eine ganze Branche in Gefahr ist. Die Frage ist doch: Was macht der Endverbraucher mit der neuen Konkurrenz auf dem Markt und wie reagieren die Taxiunternehmer darauf? Als Kunde hat man die freie Wahl das neue Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Als ein konkurrierender Unternehmer muss man darauf irgendwie reagieren. Das Problem mit den sterbenden Zeitungen liegt doch auch daran, dass sie die Konkurrenz aus dem Internet einfach jahrelang ignoriert haben. Bis es zu spät war. Da war (und ist immer noch) bei den Verlagen doch viel Geld im Hintergrund, um gezielt auf die neue Situation reagieren zu können. Die Möglichkeiten waren vorhanden, das Problem wurde aber ignoriert. Jetzt jammern natürlich alle, dass das Internet alles kaputt macht und nur billig zählt. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Die Deutschen haben die Angewohnheit immer nach dem Staat zu schreien, wenn ihnen etwas nicht passt. Der Staat soll dann regulieren. Ich glaube nicht an den "freien Markt", der sich selber regelt, jedoch ist der Staat auch nicht in der Lage jede "angestaubte" Branche mit Schutzregulierungen zu versehen. Eine Zeitung braucht Endverbraucher, genauso ein Taxiunternehmen. Wenn diese fehlen, braucht der Kunde die Dienste anscheinend nicht. So funktioniert die Wirtschaft.

    Das Problem ist in meinen Augen weniger die technischen Möglichkeiten des Internets, als vielmehr die viel zu große Auswahl auf dem Markt. Es gibt fast in jeder Branche ein Überangebot. Es können schon alleine aus dem Grund nicht alle Unternehmen bestehen bleiben. Dass die Löhne inzwischen so niedrig sind, ergibt sich auch aus diesem Überangebot, da man sich zum großen Teil nur noch über den Preis absetzen kann. Die Möglichkeiten des Internets sind die einer gesellschaftlichen Revolution und die bringt immer Gewinner und Verlierer mit sich. Das ganze Ausmass ist deswegen noch gar nicht zu erfassen. Es macht also wenig Sinn rumzujammern und auf das böse Internet zu schimpfen. Es gilt doch viel mehr seinen Vorteil aus dieser Situation zu ziehen. Und vor allem auch versuchen zu verstehen, wie die neue Technik funktioniert und was sie für Potentiale und Gefahren mit sich bringt. Da fehlt es nämlich den Menschen noch am meisten - am Wissen um diese Technik. Sie verstehen gar nicht, wie ihnen geschieht und wie sie diese Technik für sich steuern können.

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