Freitag, 10. Oktober 2014

Utopische Kontrafaktur


Kaum zu fassen, aber auch Historiker träumen manchmal, und zwar nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Zukunft. Manchmal träumt man von Büchern, die irgendwann einmal geschrieben werden, so uns alle bis dahin nicht Gevatter Ebola, der Böse RusseTM oder, schlimmer noch, der finstere Islamist hinweggerafft haben sollten, versteht sich. Oder so uns bis dahin unsere 365-Tage/24-Stunden-Vollvernetztheit nicht die letzten Reste des Denkens in komplexen Zusammenhängen abgewöhnt haben sollte. Alles nicht völlig unrealistische Szenarien. Am wenigsten unrealistisch erscheint mir davon das letztgenannte, aber das nur nebenbei.

Nehmen wir zum Ausgangspunkt als ein Beispiel von vielen Professor Hans-Werner Sinn. Der fällt ökonomischen Laien vor allem durch drei Dinge auf: Erstens hat Deutschlands meistgelesene Zeitung ihn einmal als Deutschlands klügsten Professor bezeichnet, wofür sie aber jeglichen empirischen Beweis schuldig blieb. Zweitens dadurch, dass das von ihm geleitete, von Steuergeldern finanzierte ifo-Institut, ein paar mal im Jahr bei soundsovielen Unternehmen anfragt, wie denn die werte Stimmung so sei. Drittens und letztens fällt fällt der unkündbare Üppigbesoldete dadurch auf, dass er mehr oder minder regelmäßig verlauten lässt, die Löhne seien immer noch zu hoch und müssten dringend weiter sinken, so schmerzlich das im Einzelfall auch immer sei.

Oder nehmen wir die aus nicht nachvollziehbaren Gründen als 'Weise' titulierten Wirtschaftsexperten, die alle Jahre wieder ein Gutachten vorlegen, in dem, abgesehen von ein paar Zahlen, im Kern immer dasselbe zu stehen scheint und die, einer unbestätigten Legende zufolge, mit ihren Prognosen noch nie richtig gelegen haben. So sehen sie auch 2014 teure Steuergeschenke wie das Rentenpaket als fatal für Die Deutsche WirtschaftTM an, fordern aber weitere Steuererleichterungen für Unternehmen (dabei handelt es sich freilich nicht um Steuergeschenke).

Zurück zum Buch der Zukunft, das mir in den Sinn kam, als ich das las (meinetwegen soll's halt ein e-book sein). Eine große Monographie über Deutschland und Europa 1991-2040 stelle ich mir vor, erschienen einige Jahre nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus. Es könnte darin unter anderem in etwa folgendes geschrieben stehen:

"Angesichts des eigentlich überwunden geglaubten, blutigen 20. Jahrhunderts mutet es dem heutigen Beobachter geradezu unbegreiflich an, wie die Deutschen jene Fehler, die sie schon einmal in den Abgrund gerissen hatten, zu Beginn des 21. Jahrhunderts wiederholen konnten. Den Anfang markierte die unsägliche 'Agenda 2010' des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Schröder und die nicht nur für die Europäische Union fatale Austeritäts- und Nullschuldenpolitik seiner christdemokratischen Nachfolgerin Merkel. Es ist nur mit ideologischer Verbohrtheit zu erklären, dass man Krisensymptome immer wieder mit Mitteln zu bekämpfen versuchte, die sich zuvor schon mehrmals als untauglich erwiesen hatten.

Die Erfahrung der Endphase der Weimarer Republik hätte Warnung und Lehre sein müssen, dass ein rigider Sparkurs eine kriselnde Volkswirtschaft erst recht abwürgen kann und Extremisten das Feld bereitet. Die Erfahrung der 'friedlichen Revolution' 1989 in der DDR und das mahnende Vorbild der zunehmend sklerotischen DDR-Führung, die sich Privilegien gönnte, während sie das Volk unterdrückte und möglichst lückenlos zu bespitzeln trachtete, hätte den Regierenden eine Lehre sein müssen, dass eine herrschende Kaste sich niemals zu weit von den Sorgen und Nöten der Mehrheit entfernen darf, will sie nicht irgendwann weggschwemmt werden.

Was für Deutschland gilt, lässt sich für die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts auf die Welt ausdehnen. Die Erfahrung der Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs hätte der politischen Klasse in den kapitalistischen Ländern sowie ihren Beratern vor Augen führen müssen, dass eine auf sozialen Ausgleich, soziale Mobilität und möglichst breite Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands bedachte Gesellschaftsordnung die beste Voraussetzung für Stabilität und sozialen Frieden ist und dass ein kontroverser, pluralistischer, möglichst offen geführter öffentlicher Diskurs in unabhängigen Medien und freier Wissenschaft einer Gesellschaft langfristig mehr nützt als schadet.

Statt dessen entwickelten die Medien sich immer stärker zu Sprachrohren der besitzenden Klassen und der Universitätsbetrieb verkam zur reinen Ausbildungseinrichtung, die Forschung zum bloßen, auf ökonomischen Erfolg ausgerichteten Wirtschaftsfaktor. [...] Als lernresistent erwies die westliche Welt sich auch, indem sie sich als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 in New York unter dem Rubrum 'Krieg gegen den Terror' ohne Not in eine Jahrzehnte währende Serie schmutziger Bürgerkriege hineinziehen ließ, weil sie um ihre wirtschaftliche Dominanz fürchtete.

Insgesamt erscheint die neoliberale Phase, in die Europa und die Welt ab ca. 1979 eintraten, in diesem Zusammenhang angesichts der katastrophalen Massenverelendung in vielen Gegenden der Welt, darunter auch Deutschland und Europa, als einer der größten historischen Irrwege aller Zeiten."

So in etwa stelle ich mir das vor. Hinterher ist man immer schlauer. Man wird ja wohl noch träumen dürfen


1 Kommentar :

  1. "Es ist nur mit ideologischer Verbohrtheit zu erklären, dass man Krisensymptome immer wieder mit Mitteln zu bekämpfen versuchte, die sich zuvor schon mehrmals als untauglich erwiesen hatten."

    Das kann gar nicht anders sein , das Vorhandensein der Krise bedeutet bereits automatisch , quasi "implizit" , daß versucht wird , sie mit einer "Dosissteigerung" des Bisherigen zu heilen.
    Weil das vorherrschende Denken der eigentliche Grund für die Krise ist und dieses Denken gleichzeitig deutlich älter ist als der offene Ausbruch der Krise.
    Würde dieses Denken heute überwiegend kritisch gesehen , wäre das schon längere Zeit so und die Krise wäre gar nicht erst entstanden.
    Mitten in der Krise ist es dann unwahrscheinlich , daß dieses Denken in kurzer Zeit und in ausreichendem Umfang geändert wird , dafür braucht es erst einen stärkeren Leidensdruck , und der ist in Deutschland nicht gegeben.
    Da , wo er vorhanden ist , gibt es dann ja auch Rabatz , Griechenland , Spanien...

    Wie im 30-jährigen Krieg , die Krise ernährt die Krise.

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