Sonntag, 19. Oktober 2014

Wer ist hier schamlos?


Manchmal, da komme ich einfach nicht mehr mit bei den ganzen Veränderungen um mich herum. Klar, man wird älter, die diesbezügliche Flexibilität mag ein wenig nachlassen, ist wohl so. So war mir zum Beispiel überhaupt nicht bewusst, was ein Amoklauf eigentlich ist. Ich hatte ja immer gedacht, ein Amoklauf sei eine furchtbare und tragische Sache, bei der ein armer Durchgeknallter (manchmal auch mehrere) sich bewaffnet und wahllos alle massakriert, die ihm zufällig über den Weg laufen. Dank der Chefetage der Deutschen Bahn, weiß ich jetzt, wie falsch ich gelegen habe all die Jahre. Ich musste lernen, dass ein Amoklauf ist, wenn Angestellte für mehr Lohn streiken. Und das nicht nur für sich, sondern solidarischerweise auch für andere Berufsgruppen im gleichen Unternehmen.

Nun ist so ein Lokführerstreik alles andere als angenehm. Vielleicht habe ich leicht reden, weil ich das Privileg habe, meine Arbeitsstelle bequem mit dem Fahrrad erreichen zu können. Wäre ich Pendler und davon betroffen gewesen, vielleicht wäre ich auch genervt. Hätte mich aber ein Reporter gefragt, was ich davon hielte, ich hätte schön meine Klappe gehalten und Verständnis geäußert, auch wenn ich selbst in keiner Weise von dem Arbeitskampf profitiere. Man nennt das Solidarität. Oder sich und sein unmaßgebliches Dasein weniger wichtig nehmen. Shit happens!

Vielleicht habe ich aber auch etwas falsch verstanden und die Bahn-Supremos haben mit ihrem Bonmot vom Amoklauf gar nicht die Lokführer gemeint, sondern die Medien. Was die sich nämlich in den letzten Tagen so zusammenscharteken, wird dem Tatbestand des Amoklaufes wie ich ihn kenne schon eher gerecht, zumindest in verbaler Hinsicht.

Von Schamlosigkeit ist da die Rede, vom Ausnutzen des Streikrechts (was denn bitte sonst?), von "Nötigung" (Münchner Merkur) oder davon, wie die GDL ein ganzes Volk in "Geiselhaft" nehme (Rhein-Neckar-Zeitung). Oder es wird auf die Tränendrüse gedrückt und gejallert, wie Millionen "drangsalierter" (BILD) Mütter, Väter, Kinder, Fußballfans und Urlauber jetzt brutal um ihr Wochenende gebracht werden (ich hätte das übrigens noch mit gaaanz süßen Hundewelpenbildern illustriert, wenn ich Redakteur wäre, aber mich fragt ja wieder keiner). Nota bene: So ein Geschreibsel ist nicht schamlos, sondern man nennt es 'Pressefreiheit' bzw. 'Qualitätsjournalismus'. Bleibt abzuwarten, wann der erste daherkommt, der GDL-Chef Weselsky als 'neuen Putin' hinstellt. Kann nicht mehr allzu lange dauern.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings die immer um die bedrohte Wirtschaft besorgte FAZ. Die verstieg sich zu der Bemerkung, die Lokführer würden das Land in die Knie zwingen. Ehrlich? Weil ein paar Stunden keine Züge gefahren sind und etliche Leute deswegen gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen mussten - was, wie gesagt, nicht schön ist - steht gleich das ganze Land vor dem Kollaps? So weit ich mich erinnere, hatten wir zu Pfingsten hier in der Gegend einen der schwersten Stürme seit Menschengedenken. Da sind am nächsten Tag nicht nur alle Züge ausgefallen, und zwar deutlich länger als wegen des Streiks, nein, auch auf den Straßen ging nichts mehr. Zwar bin ich kein Wirtschaftsexperte, aber ich denke nicht, dass dieses Unwetter, so verheerend es war, der hiesigen Wirtschaft beinahe den Todesstoß versetzt hätte, bloß weil große Teile der Infrastruktur eine Zeit lang darnieder lagen. An Horrorschlagzeilen, in denen gebarmt wurde, wie der Sturm das Land in die Knie zwönge, kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.

Die Forderung der Lokführer nach fünf Prozent mehr Gehalt wird mehrheitlich als maßlos denunziert. Wer hingegen Millionengehälter von Topmanagern maßlos nennt, dem kommen sie mit Sozialneid und zumindest die Journaille kuscht brav. Jede Wette, bei der Bahn freut man sich insgeheim sogar über den Streik. Wenn sie am Ende, nach endlosen Verhandlungen bis tief in die Nacht, versteht sich, sagen wir, drei Prozent mehr abdrücken müssen, dann kann der Bahnvorstand die nächste Fahrpreiserhöhung, die vermutlich deutlich höher ausfallen wird als drei Prozent, doch prima mit dem Hinweis auf unverhältnismäßig gestiegene Personalkosten begründen. 'Schwarzer Peter' heißt das Spiel, glaube ich.

Natürlich ist es lachhaft, wie fast alle Qualitätsmedien Weltuntergangsszenarien in den düstersten Farben zusammenschmieren, bloß weil Vertreter einer Berufsgruppe von einem in der Verfassung garantierten Recht Gebrauch machen. Seltsamerweise bekommt man in den Nachrichten fast ausschließlich O-Töne von empörten Zeitgenossen zu hören, die den Streik der Lokführer eine nicht hinzunehmende Zumutung finden und meinen, das gehöre gefälligst verboten. Zwar lässt sich nicht bestreiten, dass der Horizont nicht weniger Deutscher, die bloß noch Konsument können, bei ihrer ec-Karte aufhört, aber das ist dann doch ein wenig seltsam - äußerten doch noch am 2. Oktober 54 Prozent der Deutschen in einer Umfrage, sie hätten Verständnis für die Lokführer. Sollte die Stimmung binnen kurzer Zeit so umgeschlagen sein?

Man ahnt es, darum geht es überhaupt nicht. Es geht nicht um genervte Reisende und Pendler, sondern darum, die Bevölkerung zu spalten, sie aufzuhetzen gegen die dreisten Lokführer und so den Boden zu bereiten für weitere Beschneidungen des Streikrechts und der eh schon reichlich geschleiften Arbeitnehmerrechte. Man sollte bedenken, dass das Streikrecht in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern, sowieso schon sehr eingeschränkt ist. Gestreikt werden darf nur in eng begrenztem Rahmen und nach einer ordnungsgemäß durchgeführten Urabstimmung. Spontane Streiks oder gar ein Generalstreik sind gleich ganz verboten. Manchmal fragt man sich, ob die, die sich Arbeitgeber schimpfen, überhaupt wissen, wie gut sie es hierzulande haben.

Gewerkschaften sind sicher nicht das Ei des Kolumbus. Da sind, wie überall anders auch, unter anderem Menschen am Werk, die Fehler machen, die möglicherweise geltungssüchtig sind oder schlicht ihren Job nicht können. Doch sind Gewerkschaften leider das letzte Mittel, das einem als Arbeiter oder Angestellter bleibt, wenigstens ein wenig Druck auszuüben und sich auch mal zu wehren. Allen Lohnabhängigen, die einstimmen in das große Meckern über die unverschämten, raffgierigen Lokführer, sei also gesagt: Es geht dabei auch um eure Rechte. Gelingt es, mithilfe des Lokführerstreiks einen Präzendenzfall zu schaffen, dann wird bald niemand mehr sicher sein.



Kommentare :

  1. Tja,ist ja auch ne Unverschämtheit,das die die Frechheit besitzen, so zu streiken, das man es auch bemerkt,und das es weh tut.Aber ein Streik macht eben nur dann Sinn,wenn er weh tut,und wenn er öffentliche Wirkung hat,und sein wir ehrlich:agieren GDL und Cockpit nicht so wie früher mal die DGB-Gewerkschaften ? Erinnert sich noch jemand an die Zeiten von Ernst Breit als DGB-Chef,oder Klunker als ÖTV-Chef?Ich habe 1992 den letzten großen Streik im öffentichen Dienst mit gemacht. Eineinhalb Wochen war fast alles öffentliche Leben lahm gelegt,und heute wird der Untergang des Wirtschaftsstandortes herauf beschworen,weil zwei Tage keine Züge fahren oder 1 Tag ein paar Flugzeuge nicht fliegen.

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    1. Wobei es, wie man fairerweise anmerken muss, nicht nur die Medien sind. Auch der Michel selbst ist inzwischen recht gut konditioniert und regt sich auf, wenn jemand es wagt, mehr verdienen zu wollen als er selbst. So kommen dann diese Statements zustande, in denen es heißt, es werde auf hohem Niveau gejammert, man selbst verdiene schließlich auch nicht viel und streike nicht deswegen.

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