Dienstag, 25. November 2014

Freaky Friday


Ach, 'Freitag'! Ich hatte dich immer für einen kleinen Lichtblick gehalten im trüben Einerlei des hiesigen Qualitätspressewesens, in dem Qualität nicht selten von quälen kommt, und zwar den Leser. Eine Insel des Geistes, der Recherche und des kritischen Denkens. Wo Leser ernst genommen werden und Propaganda eher kritisch hinterfragt denn betrieben wird. Eine Art Einäugige unter den Fastblinden. Aber was muss ich denn da jetzt lesen?

Unter der Überschrift 'Putins kalt geborene Babys' verbrutzeltest du jüngst einen Artikel über die Zustände auf vielen russischen Entbindungsstationen, die so skandalös sein müssen, dass viele Frauen sich entscheiden, ihre Kinder zu Hause in Eigenregie und ohne medizinische Betreuung zur Welt zu bringen. Was wiederum in krassem Widerspruch zur regierungsamtlichen, kitschigen Pro-Kinder-Propaganda steht, in der Kinder als Zukunft des Landes gepriesen und Familien animiert werden, fleißig Nachwuchs in die Welt zu setzen. Gut, ja, kann man sicher drüber berichten, auch kritisch.

Was aber, Freaky Friday, soll denn bitteschön der brunzdumme Titel? Nun kann man über Putin in politischer Hinsicht gewiss streiten, aber was genau hat der damit zu tun? Ist der jetzt an wirklich allem schuld? Beziehungsweise auch für die letzte Kinderstation in Krasnojarsk persönlich verantwortlich? In deutschen Krankenhäusern zum Beispiel sterben, so ist zu hören, nicht eben wenige Menschen, weil sie sich infolge Antibiotikamissbrauchs und nicht konsequent angewandter Hygienestandards mit multiresistenten Keimen infizieren. Auch nicht schön, das. Käme aber irgendwer auf die Idee, einen entsprechenden Artikel deswegen mit 'Merkels elendig verreckte Patienten' oder 'Gaucks garstige Gammelspitäler' zu betiteln? Nö? Eben. Aber egal, Babys gehen halt immer.

Was wir im ‚Freitag‘ wohl als nächstes erfahren werden über Wladimir I., den Würger des freien Westens? Dass es seine liebsten Hobbys sind, neugeborene Kinder zum Frühstück zu verspeisen, mit seiner Modelleisenbahn schwere Zugunglücke nachzustellen und süßen Katzenbabys bei lebendigem Leibe das Fell über die Ohren zu ziehen vielleicht? Hach, ich bin schon sooo gespannt!



Kommentare :

  1. Russische Krankenhäuser können schon gruselig sein. Gute Ärzte, aber oft zerbröselnde Bausubstanz und miese Ausstattung. Letzteres geht soweit,, dass man in manchen Gegenden Medikamente (einschließlich der für Operationenvbenötigten Narkosemittel) auf eigene Kosten besorgen muss (trotz offiziell freier medizinischer Vollversorgung) und das Personal auch noch bezahlen muss. Das war zumindestanfang des Jahrtausends so. Je weiter von Moskau und Sankt Petersburg entfernt, desto ausgeprägter.

    Dass man da unter Umständen die Krankenhäuser lieber meidet, kann ich gut verstehen. Hat aber natürlich nichts direkt mit Putin zu tun. Der trägt zwar die ultimative politische Verantwortung im Land, aber er könnte auch nicht jeden korrupten Paragraphenbieger auf den rechten Weg bringen, wenn er das denn wollte. Im Kampf gegen Willkür und Korruption hat er sich bisher ja nicht wirklich mit Ruhm bekleckert, seit er Jelzins Oligarchenkumpels verjagt und seine eigenen installiert hat...

    AntwortenLöschen
  2. Hat der Artikel zufällig auch erwähnt, dass auch in Deutschland durch die fehlenden Hebammen manche Eltern nur noch die Wahle haben, ihr Baby alleine zuhause zu gebären, alleine im Taxi zu gebären oder bereits Wochen vor dem Geburtstermin ein Zimmer in der nächsten Großstadt mit Entbindungsstation zu nehmen, weil viele Stationen kleiner Kliniken schließen müssen? In ganz Deutschland arbeiten derzeit noch freiberufliche Hebammen, selbstständig, in Geburts- und Krankenhäusern. Sie können von ihren Einnahmen nicht mehr die steigenden Versicherungsprämien abfedern und müssen ihren Beruf aufgeben, was zu oben beschriebenen Verhältnissen führt.

    Bevor sich also jemand über die fürchterlichen Verhältnisse der Geburtshilfe in Russland hermacht, sollte er erstmal vor der eigenen Tür kehren!

    AntwortenLöschen