Montag, 17. November 2014

Geschichtsvergessenheit als Staatsraison


Normalerweise neige ich nicht dazu, der endlosen Amtszeit des ewigen Einheitskanzlers Kohl übermäßig hinterherzutrauern, dafür war der Fremdschamfaktor zuweilen einfach zu hoch. Dauernd schien bei dem mächtigen Pfälzer irgendwo ein Mantel der 'Gechichte' zu wehen. In einer Tour auf die historische Dimension von irgendwas zu verweisen, ist eine unter Historikern verbreitete Berufskrankheit, die normalerweise dazu führt, dass Gesprächspartner irgendwann genervt die Augen verdrehen. Immerhin musste man Kohl lassen, dass er immerhin noch über so was wie Gechichtsbewusstsein verfügte. Dass das andere Extrem nämlich keineswegs erfreulicher ist, offenbarte gestern Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Die in Friedenszeiten oberste Befehlshaberin einer deutschen Armee meint im Hinblick auf Russland, alles was war, sei Vergangenheit und damit irrelevant. Der Hinweis auf die Geschichte könne ja wohl kaum als Rechtfertigung für einen Völkerrechtsbruch gelten. Nö, natürlich nicht. Da könnte am Ende noch jemand den Westen, der selbstverständlich immer nur lautere Absichten hegt, an seine eigenen Völkerrechtsbrüche erinnern, wie etwa 1999 die Bombardierung Serbiens. Das stört natürlich irgendwie, vor allem, da man in Deutschland gerade dabei ist, die Speerspitze des Westens auf dem Kreuzzug für Freedom and Democracy zu werden.

Wer mag, kann hier übrigens durchaus eine Zäsur sehen, und diejenigen, die gern Schlussstriche fordern, dürfen sich freuen. Der gestrige Sonntag im November 2014 könnte später einmal durchaus den Zeitpunkt markieren, ab dem das vereinigte Deutschland sich in Form eines wie nebenbei dahingesagten Satzes endgültig seiner lästigen Geschichte entledigt hat.

Vor dem Hintergrund des blutigen 20. Jahrhunderts mutet es nämlich nach wie vor wie ein kleines Wunder an, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland und anderen Nachfolgestaaten der UdSSR, vor allem Weißrussland und der Ukraine immer noch vergleichsweise freundschaftlich sind. Nicht wenige dort hätten allen Grund, die Hasskappe aufzusetzen, bei dem Gedanken daran, wie Deutsche sich vor gerade einmal einem Dreivierteljahrhundert noch aufgeführt haben bei ihnen. Keine Rede mehr davon, dass es nicht etwa Konfrontation, sondern Entspannungspolitik war, die im tiefsten Kalten Krieg auf lange Sicht wirklich einen Wandel gebracht hat. Sogar stramme konservative Antikommunisten räumen das ein, wenn auch widerwillig.

Sicher, die Konfrontationsrhetorik ist möglicherweise nicht auf von der Leyens Mist allein gewachsen, sondern Teil der westlichen Gesamtstrategie, die sie einfach mit zu exekutieren hat. Das Gruselige ist weniger, dass es im ganzen Westen so etwas wie eine Kriegspartei zu geben scheint, sondern dass überhaupt nicht mehr gestritten wird. Die USA als Führungsmacht der westlichen Welt scheint auf außenpolitische Krisen nur noch eine Antwort zu kennen: This could mean war, und zwar alternativlos. Es ist verrückt. Vor zehn Jahren, als George W. Bush sich daran machte, im fernen Irak einzumarschieren, brachte das auch hierzulande hunderttausende Menschen auf die Straße. Jetzt, da quasi vor unserer Haustür fröhlich gezündelt wird, ist nichts dergleichen zu sehen.

Mit ihrer geballten Geschichtsvergessenheit jedenfalls, gleich ob genuin oder notgedrungen, wäre Barras-Uschi unter Kohl im Verteidigungsministerium nicht über einen Job als Bürobotin hinausgekommen. Hätte mir jemand damals gesagt, ich würde mich einmal zumindest nach einzelnen Aspekten der bleiernen Kohl-Jahre zurück sehnen, ich hätte den Betreffenden für verrückt erklärt.


Kommentare :

  1. Mit Verlaub, werter Stefan Rose: es ist shitegal, ob es auf Frau von der Leyens Mist gewachsen ist oder nicht - es zählt, was sie sagt. Und wenn sie etwas sagt, wohinter sie nicht steht, ist das ihr Problem und das ihrer von Karrieregeilheit gespeisten Verlogenheit. Jauch war gestern wirklich erhellend, weil man mal live zuschauen konnte, wie Propaganda funktioniert.

    Da beendet Putin das Interview mit einem nostalgischen Rückblick auf das gute Verhältnis zu Deutschland (sicherlich der Nationalität seines Gesprächspartners geschuldet), fügt hinzu, dass dies aber nicht nur bilateral, sondern mit ganz Europa und global wünschenswert wäre. Und was präsentiert vdL als Kommentar? Putin will Deutschland aus der westlichen Gemeinschaft herauslösen. Es ist einfach infam, widerlich und abscheulich.

    Ja, auch ich sehne mich allmählich nach Kohl zurück, der zumindest die Brandtsche Friedenspolitik fortgeführt hat. Merkel samt ihrer Truppe wird in die Geschichte eingehen als Zerstörerin Europas (mit ihrem bescheuerten Austeritätsregime) und der mühsam über Jahrzehnte aufgebauten Beziehungen zu Russland. Alles umsonst, alles kaputt.













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  2. Brandt's Kniefall kommt mir in den Sinn. Ein ikonisches Bild aus einer Zeit, als Demut noch als Ausdruck innerer Stärke galt.
    Heute ist von Demut nichts mehr, aber auch gar nichts zu spüren. Dabei würde die uns gut zu Gesicht stehen. Machen eine auf dicke Hose, weil wir den großen Bruder USA in unserem Rücken wähnen. Gebärden uns, als könnten wir uns anmaßen die Recht und Gerechtigkeit zu definieren.
    Und warum? Weil wir so eine tolle Wirtschaft haben, von denen nur die Schmarotzer partizipieren, während Sozialleistungsempfänger verfolgungsbetreut werden?
    Genau dieser Größenwahn, den wir schon einmal als nicht hinterfragendes Volk erlegen sind, sollte umso mehr Aufschrei und Widerstand hervorrufen.
    Beide, Putin und Obama mach(t)en Fehler. Mir, und anderen soll aber eingeredet werden, dass nur Putin Fehler macht. Was ist mit der verdachtsunabhängigen Ausspähung, was mit Folter ohne Rechtsstaatlichkeit?

    Das Gute und das Böse, der Westen und der Osten. So einfach soll dass also sein?

    Wenn man die sog. Qualitätsmedien liest, dann scheint es so.

    Und dann die Zustimmungswerte von Merkel und ihren Hofschranzen, der CDU.

    Man möchte verzweifeln.

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  3. Zu der dicken Birne aus der Pfalz gibt's sicher viel zu sagen - darüber habe ich mir vor knapp anderthalb Jahren ebenfalls Gedanken gemacht. Anlässlich des Themas "Steinbrück, die korrupte Bande und die 'sozialdemokratischen Inhalte'" schrieb ich damals:

    Ich muss mir bei diesem Thema an die eigene Nase fassen, denn ich selber war seinerzeit so dämlich, den Grünen meine Stimme zu geben, weil ich der irrigen (aus heutiger Sicht geradezu irrwitzigen) Meinung war, es sei sinnvoll und hilfreich, wenn Kohls furchtbarer Dauerregentschaft samt seiner asozialen Politik endlich ein Ende gesetzt würde - mit dem Ergebnis, dass Rot-Grün noch viel umfassender, nachhaltiger und asozialer im Land gewütet hat, als Kohl sich das jemals getraut hätte. Mir ist erst ein Licht aufgegangen, als der Freitag anlässlich Schröders Agenda-Politik titelte: "Dagegen war Kohl modern".

    Es ist kein Wunder, dass die CDU diesen dramatischen Rechtsschwenk seitdem noch umfassender und extremer fortführt. Kriegsluder Uschi ist dabei aber - ebenso wie alle anderen Figuren der korrupten Bande - nichts weiter als eine austauschbare Marionette. Allerdings ist sie zugegebener Maßen eine, die - wie auch Merkel - ihre zerstörerische Aufgabe summa cum laude im Sinne ihrer Auftraggeber erfüllt. Ich kann mir kaum eine andere Person vorstellen, die noch eisiger, ekelhafter und menschenfeindlicher die Interessen des habgierigen Kapitals exekutieren könnte. Dennoch: Wenn sie es nicht täte, täte es eben ein/e andere/r.

    Und wenn Kohl heute ein junger Mann wäre, täte auch er nichts anderes - es ist lediglich der damaligen Zeit geschuldet, dass er (verglichen mit heute) etwas weniger zerstörerisch gewirkt hat. Kohl hat in Deutschland den Boden bereitet, die Sprengladungen angebracht und die Zündschnüre gelegt - und Schröder hat das Feuerzeug gezückt und sie beherzt angezündet. Merkel und ihre Co-Marionetten dehnen das Zerstörungswerk seitdem auf ganz Europa aus, und ein Ende dieser humanistischen Katastrophe ist wahrlich nirgends in Sicht.

    Der Kapitalismus in seiner jetzigen verendenden Form braucht den Krieg, damit er einmal mehr in den Startmodus wechseln und das ganze böse Spiel wiederholen kann. Wir sollten uns also darauf einstellen und nicht mit nennenswerter Gegenwehr aus der narkotisierten Bevölkerung hoffen - die Propaganda wirkt.

    "Kriegsspiel: Auf der Straße spielen Kinder Krieg, bald, wenn sie größer sind, spielt der Krieg mit ihnen." (Volker von Törne)

    Liebe Grüße!

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