Freitag, 14. November 2014

Hört auf, meine Sachen zu verscherbeln!


Immer wenn öffentliche Haushalte aushungern, wird nach privaten Investoren gerufen, die frisches Kapital bringen sollen. Man wandelt ehemals staatliche Firmen in privatwirtschaftliche um, um sie dann zu verkaufen. Auch anderer öffentlicher Besitz wird privatisiert, zum Beispiel, indem man kommunale Grundstücke verkauft. Oder man verhökert gleich das Tafelsilber. So jetzt geschehen im Fall zweier Warhol-Bilder aus dem Aachener Casino der Westspiel GmbH, die sich im Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen befindet. Die Werke waren in den Siebzigern für 185.000 und 204.000 Mark zu Dekorationszwecken angeschafft worden. Inzwischen hat ihr Wert sich vervielfacht.

120 Millionen hat der Verkauf der beiden Werke bei Christie's in New York eingebracht. Klar, wenn es das Casino davor bewahrt, in Konkurs zu gehen und die Angestellten davor, auf der Straße zu stehen. So wie man auch Post, Bahn und Telekommunikation, Stromnetze und Wasserversorgung privatisieren kann, wie es größtenteils längst geschehen ist. Ist alles legitim, vorausgesetzt, die, denen das alles gehört, werden verdammt noch mal auch gefragt. Also die Steuerzahler, die all das mit ihrem Geld gekauft und aufgebaut haben, die mit ihrem Geld Verluste ausgeglichen und dafür gebürgt haben. Wer aber kauft im Zweifel all den Kram? Die, die sich's leisten können. Öffentliches Gut in private Hände zu überführen, bedeutet daher im Zweifel nichts anderes als Umverteilung von unten nach oben.

Das Problem ist ja nicht, dass das geschieht. Wie gesagt, kann legitim sein, man kann grundsätzlich über alles diskutieren in einer Demokratie. Kein Kunstwerk wird besser, schöner oder hochwertiger, bloß weil es in privatem oder öffentlichem Besitz ist. Wenn eine private Firma in Schwierigkeiten gerät und der Inhaber sich entschließt, Teile des Firmenkapitals zu verkaufen, ist das doch auch normal und in Ordnung, oder? Schon. Das Problem ist nur, dass in der Politik offenbar immer noch der Irrtum grassiert, ein Gemeinwesen sei im Prinzip nichts anderes als eine Firma und man könne über das Firmenkapital verfügen wie ein Firmeninhaber. Sie sind aber nicht die Inhaber. Das sind wir alle.

Es ist ferner ein Problem, dass immer noch nicht ernsthaft diskutiert wird, ob privat tatsächlich immer besser ist als staatlich und dass es immer noch so gut wie keine nennenswerte Gegenposition gibt zu diesem seit mittlerweile knapp dreißig Jahren währenden Privatisierungswahn. Klar, warum auch, wenn nicht wenige aus der politischen Klasse bestens mit den Nutznießern dieser Entwicklung vernetzt sind, sodass entsprechender Einsatz sich nach Ende einer Politikerkarriere üppig auszahlt?

Den so genannten 'Pleite-Griechen' hat man 2010 hämisch geraten, sie sollten doch einfach ein paar Inseln verkaufen und die Akropolis gleich mit, wenn sie Geldprobleme hätten. Komisch, warum hat während der Finanzkrise eigentlich niemand den Banken, die ins Schlingern geraten waren und mit Milliarden Steuergeldern gerettet werden mussten, dazu geraten, sie sollten doch erst einmal ihre zum Teil umfangreichen und wertvollen Kunstsammlungen versilbern, bevor sie es wagen, bei Vater Staat die Kralle aufzuhalten? Ach ja, Banken sind systemrelevant, im Gegensatz zu einer uralten Marmorbruchbude, die keine Gewinne abwirft und nur kostet.

Komme mir niemand damit, dass es sich bei dem Warhol-Verkauf um eine einmalige Sache handele. Bei der zerschlagenen WestLB und bei e.on hat der Ausverkauf bereits begonnen. Eine Bremer Spielbank plant bereits, zwei Gemälde von Paula Modersohn-Becker zu verkaufen. So kommt's eben, wenn nur noch die Betriebswirtschaft regiert und auch die Kultur bloß noch Warencharakter hat. Woanders ist man da schon weiter. Da zählen Kunstsammler schon ihre Penunzen und harren begierig darauf, dass zum Beispiel die Bestände des insolventen Detroit Institute Of Arts endlich unter den Hammer kommen. Allein, die Bevölkerung wehrt sich noch. Vielleicht ist die Bevölkerung woanders auch schon weiter.

Kommentare :

  1. Im konkreten Fall finde ich, dass eine Spielbank kaum mit einem Museum zu vergleichen ist. Ich war noch nie in einer, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Kunstgenuss im Aachener Casino im Vordergrund steht.

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  2. Stimme zu, Enteignung allerorten bei Gemeinbesitz, Schulden werden der Allgemeinheit aufgebürdet. In welchem Jahr haben wir nicht aufgepasst? War es in den 90ern?

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