Freitag, 28. November 2014

Kein Grund zur Arroganz


Vor etwa zwanzig Jahren war ich in vieler Hinsicht antiamerikanisch eingestellt. Klar, ich wusste einiges, was so über den Großen Teich kam, durchaus zu schätzen. Etliches an Filmen und Literatur hatte schon meinen Respekt, aber bei vielem anderen war ich doch sehr dünkelhaft. So hätte ich vor gut zwanzig Jahren bei der Nachricht, dass nicht zum ersten Mal ein schwarzen Jugendlicher von einem weißen Polizisten mal eben auf Verdacht erschossen wurde, nach der ersten Reaktion ("Oh Gott, der arme Kerl!") bloß verächtlich geschnaubt. Tsss, Amerikaner! Dieses Land konnte man einfach nicht ernst nehmen als Europäer. Solcher Hochmut rächt sich, das ist mir erst später klar geworden. Vielleicht auch eine Frage des Alters. Aber die Amis lieferten einfach jede Menge.

Was haben wir gelacht, damals Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, als wir erfuhren, für die Amerikaner sei es völlig normal, dass Fernsehsendungen mittendrin von Werbung unterbrochen würden. Wie hat man sich als auf- und abgeklärt sich dünkender Europäer noch in den Neunzigern amüsiert, als man erfuhr, dass man in einigen US-Bundesstaaten eine Strafe kassieren kann, wenn man mit einer Bierflasche in der Öffentlichkeit erwischt wird, die nicht blickdicht verpackt ist. Und diese Prüderie! Bei uns in Europa liefen ab 22:00 Uhr Softpornos im Fernsehen und die da drüben machen um jede Frau mit zu wenig an gleich einen Riesenzirkus. Haha, die verklemmten Amis mal wieder.

Südstaatenrassismus a'la Ku Klux Klan? Tja, leben halt noch im 19. Jahrhundert, haben die Abschaffung der Sklaverei und der Waffengesetze immer noch nicht verdaut. Wir dagegen sind zivilisiert, wir haben antirassistische Initiativen. Elendsviertel, in die man sich nach Sonnenuntergang lieber nicht hineintrauen sollte? Doch nicht bei uns, wir sind ein Sozialstaat. Hier wird niemand hängen gelassen. Ein heruntergekommenes öffentliches Schulwesen mit Multiple Choice-Tests? So was Triviales haben wir hier nicht und private Schulen und Universitäten sind unnötig. Amokläufe? Also bitte! Kann bei uns nicht passieren. Bei uns braucht man schließlich einen Waffenschein, da kann nicht jeder Halbirre einfach so mit einer Knarre durch die Gegend rennen. Von der Politik eines George W. Bush ganz zu schweigen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Serie an rassistischen Gewalttaten zu Beginn der Neunziger ließ mich zum ersten Mal nachdenklich werden. Auch sonst musste ich inzwischen lernen: Nase runter! Es gibt absolut keinen Grund für europäischen Dünkel. Legt man entsprechende Scheuklappen ab, dann konnte man in den vergangenen Jahrzehnten beobachten, wie noch jeder Mist aus den U.S. of. A. mit mehr oder weniger Verzögerung irgendwie zu uns herübergeschwappt ist, so er nicht schon längst hier war. Die Amis sind in vieler Hinsicht einfach Pioniere, das haben sie wohl irgendwie im Blut. Aber das Diktat des einen Prozent, das alle Sozialsysteme und jeden Rest an gesellschaftlicher Solidarität lieber heute als morgen zerschlagen würde, kennt keine Grenzen.

Vielleicht sollten wir Europäer uns lieber eine Scheibe abschneiden bei den Demonstranten, die in über 170 Städten gegen die Entscheidung, den Todesschützen von Ferguson nicht anzuklagen, auf die Straße gehen. Natürlich ist der Tod von Michael Brown nur ein Symptom der herrschenden Zustände, nicht die Ursache. Aber wenigstens rührt sich dort was.


Kommentare :

  1. Kleine Anmerkung eines aufmerksamen Lesers:
    Der Getötete heißt Michael Brown. Darren Wilson ist der Polizist der ihn tötete.
    Im letzten Absatz hast Du die beiden Namen zu einem verschmolzen.

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    1. Ups, Freudscher Verschreiber vermutlich. Danke, ist korrigiert (schön, aufmerksame Leser zu haben).

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  2. Man sieht hier sehr schön, dass das sozial in Soziale Marktwirtschaft eben doch seine Berechtigung hatte. Seit die soziale Komponente hierzulande immer konsequenter abgeschmolzen wird, kommt auch unsere schöne alte Welt zunehmend in den Genuss der aus den USA seit langem bekannten Entwicklungen.

    Und während man bis Anfang der 90er immerhin noch sagen konnte, dass "wir" es anders und großenteils besser machten als die Amerikaner, haben wir jetzt tatsächlich nicht mehr viel Anlass, die Nasen allzuhoch zu tragen. Der Mensch, zeigt sich wieder einmal, ist eben doch überall gleich; vermeintliche Unterschiede gehen meist nur auf verschiedene Umstände zurück. Ändert man die, ändern sich auch die betroffenen Leute. Willkommen in Deutschland 2014...

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