Sonntag, 23. November 2014

Lauf der Dinge


Aus, vorbei. Die kleine Bäckereifiliale nebenan ist ziemlich überraschend geschlossen worden. Die nächste ist über einen Kilometer entfernt. Ursprünglich war sie an einen Discounter angeschlossen. Als der vor zwei Jahren umzog und sich kein Nachmieter fand, ging es wohl bergab. Funktioniert heute einfach nicht mehr, zu wenig Laufkundschaft. Und, klar, die Konkurrenz der Backstationen in den Supermärkten, in denen Teiglinge aufgebacken werden und ein Brötchen die Hälfte kostet, wird immer stärker. Wieder geht ein Stück Vertrautes, denn so lange ich da wohne, gab es diesen Laden. Tempi passati.

Dabei war das, wie gesagt, schon ein Filialbäcker. Brötchen wurden laufend frisch gebacken, Brot und Gebäck aus der zentralen Großbäckerei geliefert. Die Ware war nicht preisverdächtig, aber insgesamt akzeptabel und die Preise durchaus fair. Bei den unabhängigen, inhabergeführten Bäckereien in der Stadt sieht es mittlerweile ganz finster aus. Ganze drei auf knapp 120.000 Einwohner halten sich noch. Vor ein paar Monaten waren es vier, aber der Inhaber konnte nicht mehr. Herzinfarkt mit Mitte vierzig.

Nein, man sollte nicht herumjammern, das ist eben der Lauf der Dinge. Mich wortreich zu beklagen, wie ich denn jetzt an frische Sonntagsbrötchen kommen soll, käme mir vermessen vor. Außerdem möge den ersten Stein werfen, wer noch nie aus Geiz oder Bequemlichkeit im Supermarkt oder Discounter an der SB-Station zugegriffen hat. Sieht ganz so aus, als würde bald auch etwas eigentlich so Alltägliches wie ein ordentliches Brot zum Luxusartikel für entsprechend Situierte. Der bucklige Rest kann halt Aufbackzeugs mampfen. Macht auch satt. Davon geht die Welt übrigens nicht unbedingt unter. Wer nach Großbritannien kommt, sollte sich den Spaß machen, in einer beliebigen Stadt außer London nach einer Bäckerei zu fragen und auf die verständnislosen Reaktionen der Leute zu achten. Auf der Insel gibt es Backwaren seit Ewigkeiten nur noch in Supermärkten. Blick in die Zukunft.

Die liebe Verkäuferin, die gute Seele des Hauses, die alle Stammkunden mit Namen kannte, immer für ein Schwätzchen zu haben war und alten Menschen in der Gegend, die nicht mehr gut zu Fuß waren, Brot, Brötchen und Kuchen immer ohne Aufpreis vorbeibrachte, war gestern den Tränen nahe. Sie hat für den Laden und ihre Kunden gelebt. Gibt nicht mehr viele von ihrer Sorte.

Auch ich hatte einen Kloß im Hals und fragte, seit wann die Entscheidung feststünde und ob es Entlassungen geben würde. Entschieden worden sei das erst letzte Woche, meinte sie, beziehungsweise man habe das den Mitarbeiterinnen vor einer Woche mitgeteilt. Entlassen werde keine, alle hätten einen Job angeboten bekommen in einer neuen Filiale, die aber dreißig Kilometer entfernt sei. Na klasse! Fünf, sechs mal die Woche fünfzig Kilometer zur Rush Hour quer durchs Ruhrgebiet. Bei den Gehältern, die Bäckereifachverkäuferinnen normalerweise bekommen, so sie nicht eh Minijobberinnen sind, kommt das einer Entlassung schon recht nahe.

Wie gesagt, es ist normal, dass Geschäfte zumachen. Traurig, gehört aber dazu in einer Marktwirtschaft. Nur ist die Art und Weise perfid, in der das in diesem Fall  gehandhabt wurde. Klar, man kann niemanden zwingen, einen Laden, der nur Miese macht, auf ewig künstlich am Leben zu erhalten, doch kann man so was auch fair abwickeln. Weil man davon ausgehen kann, dass die Situation schon länger bekannt war, hätte man die Betroffenen durchaus ein paar Monate im voraus informieren können, dass ihre Filiale nur rote Zahlen schriebe und, wenn kein Wunder passiere, höchstwahrscheinlich geschlossen würde. Auch das ist nicht schön, hätte den Angestellten aber Zeit verschafft, sich entsprechend woanders zu bewerben.

Aber was soll auch erwarten von einem Höker, der seinen Leuten keine Sonntagszuschläge zahlt, obwohl die Waren sonntags immer mit Zuschlag verkauft werden?


Kommentare :

  1. Hallo Stefan!
    Du schreibst über Deine Alltagswahrnehmungen. Was wir dabei aber ein wenig fehlt, schlussendlich herauszuzoomen und Beziehungszusammenhänge herzustellen.

    Es ist Kapitalismus da draußen! Da muss es auch nicht groß verwundern, dass Einzelhändler schließen und Supermarkt-Konzerne das Feld übernehmen. Und es verwundert auch nicht, dass wir mit Billig-Fress-Scheiß abgefertigt werden, während wir Koch-Shows sehen

    Beim Bäcker um die Ecke kaufen nutzt nur kurzfristig was. Und sehr begrenzt.

    Man sollte aber auch gedanklich einen Schritt weitergehen, und die Gesellschaft hinterfragen, die systemischen Zusammenhänge, die Deine gemachten Beobachtungen bewirken.

    Liebe Grüße
    Dude

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    1. Klar schreibe ich (auch) über Alltagswahrnehmungen. Warum auch nicht? War noch nie anders und steht in den FAQ unter Nr. 10. Dass da draußen Kapitalismus herrscht, ist mir auch schon hier und da aufgefallen.
      Die größeren Zusammenhänge sind ziemlich klar: Das Eingehen von Fachgeschäften aller Art, zu denen eben auch Bäcker gehören, dürfte zuvörderst mit der stetig sinkenden Kaufkraft weiter Teile der Bevölkerung zu tun haben.

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  2. Ich kaufe entweder bei Grobe oder auch bei Malzers. Dafür mache ich jetzt auch gerne mal Werbung hier. Um die Ecke hat der Grobe eine Filiale im Penny, aber bei Grobe sind die Verkäuferinnen selten Minijobber. Eine Freundin arbeitet bei Grobe und verdient nicht schlecht. Jedenfalls mehr als ich gedacht hätte. Mein Brot kostet über 3 €. Klingt erstmal viel, aber es ist ein gutes Produkt, wir kommen 3 - 4 Tage damit aus. Ist also immer noch günstiger als 4 Tage Brötchen aus dem Supermarkt. Ich würde auch wieder viel lieber im Tante Emma Laden einkaufen, auch wenn es teurer wäre, aber es gibt sie ja nicht mehr. Stattdessen biste gezwungen in nen Supermarkt zu gehen, wo fast nur noch Minijobber jobben.

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