Donnerstag, 6. November 2014

Schlechtes Timing


Den vorläufigen Niveaulimbo-Rekord in Bezug auf den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky haben zweifellos Springers Vierbuchstabenblatt ("Bahnsinniger") und die Info-Eliten-Fakten-Gazette FOCUS ("Streikführer") aufgestellt, indem sie seine private Telefonnummer* und Bilder seines Privathauses* veröffentlicht haben. In der Luxushütte versteckt sich das Schwein, das euch euer Menschenrecht auf Bahnfahren nimmt! Gebt ihm Saures! Man sollte sich diese beiden Stücke Qualitätsjournalismus ausdrucken und sie gut aufbewahren, um sie später einmal seinen Kindern zeigen zu können. Oder damit man sie immer dann hervorholen kann, wenn sich wieder einmal jemand fragt, warum die Menschen nicht mehr bereit seien zu bezahlen, für das, was mittlerweile so alles 'Inhalte' genannt wird.

[NACHTRAG, 07.11.: In der verlinkten Quelle wurde nicht Herrn Weselskys private Telefonnummer veröffentlicht, sondern die seines Büros. Auch wurden keine Bilder seines privaten Wohnhauses veröffentlicht, sondern der Häuserfront, hinter der sich das Wohnhaus der Fam. Weselsky befindet.] Unappetitlich bleibt's trotzdem.

Die Schmutzkampagne, die gerade gegen Weselsky gefahren wird, hat immerhin einen positiven Aspekt: Sie zeugt von purer Hilflosigkeit. Wer keine Argumente hat, der muss eben die Person angreifen. Anhand eines Pro-und Contra-Artikels bei stern.de lässt sich sehr schön die ganze inhaltliche Erbärmlichkeit des Gehetzes demonstrieren, das zur Zeit aus den Medien über Weselsky und die streikenden Lokführer gekübelt wird:

Stephan Maus, der Verfasser des Pro-Teils (also pro Streik) argumentiert als einer der wenigen informiert, schlüssig und stringent. Streiks waren und sind immer unangenehm, sonst verfehlen Sie ihren Zweck. Gewerkschaften können nicht immer nur drohen und ansonsten nett sein, sie müssen auch mal ernst machen. Ohne Gewerkschaften, die ernst machen, hätten wir keine freien Wochenenden, keinen gesetzlichen Urlaubsanspruch, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auch keinen Achtstundentag. Die Contra-Autorin Sophie Albers hat außer empörtem Genöle darüber, wie echt voll genervt sie gerade sei, nicht viel zu bieten.

Einer der Sätze, mit denen ich als Kind am häufigsten gemaßregelt wurde, lautete: Stell‘ dich mal nicht so an. Schau mal, denen da drüben geht es noch viel schlechter. Unter anderem diese Botschaft soll die Pöbelparade in Form diverser O-Töne wütender Streikopfer dem kleinmütigen Michel gerade unterjubeln: Ich arbeite mir den Buckel krumm für noch viel weniger, und da wagen es diese fett bezahlten Lokführer auch noch zu streiken? Man sollte nachsichtig sein. Es sind die Worte von Menschen, die wohl von Kind an nur auf Kuschen, Funktionieren und Artigsein gedrechselt wurden. Wer heute um die dreißig ist, kennt oftmals nichts anderes als die neoliberale Ego-Agenda.

Auch die empörten Reaktionen aus der Politik sind nicht minder lächerlich. Die Politik höchstselbst hat mit ihren Entscheidungen die rechtlichen Voraussetzungen für die Situation geschaffen, die sie jetzt so lauthals beklagt. Ja, wirklich schlimm, wenn Leute es wagen, die Gesetze für sich zu nutzen! Das erinnert nicht zufällig an Superminister Wolfgang Clement, eine der treibenden Kräfte hinter den Hartz-Reformen. Als sich herausstellte, dass viele junge Menschen die Hartz-IV-Gesetzgebung, die er selbst betrieben und mit durchgedrückt hatte, als eine Art Anschubfinanzierung nutzten, um mit staatlicher Hilfe zu Hause auszuziehen, konnte er sich damals gar nicht mehr einkriegen über so viel Gier und Schamlosigkeit. Merke: Nicht unausgegorene, mit heißer Nadel gestrickte Gesetze sind das Problem, sondern jene, die es wagen, diese Gesetze in ihrem Sinne auf sich anzuwenden.

Es herrscht, scheint's, ausnahmsweise so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Unter Managern ist es beliebt, sich als knallharter, kinnmuskelspanndender Verhandler zu geben, der anderen noch die zehnte Nachkommastelle aus dem Arsch kratzt und gnadenlos alles wegrationalisiert, was nicht bei drei auf dem Baum und nicht sein Gehalt ist. Jetzt haben diese Herren es mal mit einem Gewerkschafter zu tun, der ein ähnlich harter Hund ist wie sie selbst und nicht mit Schoßhündchen, die alles abnicken. Und schon wird gejammert, als sei der Menschheit Heiligstes besudelt. Dann wird nach Gesetzesänderungen gerufen und eine einstweilige Verfügung muss her. Wie war das mit privatwirtschaftlich ist immer besser?

Dumm aber auch, dass Ronald Pofalla erst im Januar 2015 seinen Job bei der Bahn antreten wird. Jener Mann, der es zuwege gebracht hat, allein kraft seines Wortes die NSA-Affäre mit einem einzigen Satz für beendet zu erklären. Wenn der jetzt schon im Amte wäre und in ähnlicher Weise den Streik für beendet erklären würde, dann könnten Weselsky und Konsorten sich aber ganz warm anziehen. Schlechtes Timing eben.



Kommentare :

  1. Focus hat eine Weselsky Ex-Frau exhumiert, die auch prompt "Diktator" gehustet hat. Ach, so ein Journalistendasein, herrlich.

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  2. Info-Eliten-Fakten-Gazette oder Häppchen-News-Postille war der Focus früher mal, mittlerweile ist der von der "BamS für Abiturienten" zur reinen Witznummer degeneriert. Dummschwatz von Halbalphabeten für "Sekundär-Analphabeten" (H.Markwort über die Focus-Zielgruppe)

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    1. Hm, ich habe die Gazette eigentlich nie als was anderes empfunden, wenn ich im Wartezimmer mal eine in die Finger bekommen habe. Den einzigen Lichtblick fand ich immer die Kolumne von Harald Schmidt.
      @piet: Diese Praxis nennt sich in Fachkreisen, glaube ich, 'Witwenschütteln'.

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