Mittwoch, 19. November 2014

Wutbürgerlicher Checker


Gestern referierte Ulrike Herrmann von der taz in der hiesigen evangelischen Akademie über TTIP und CETA. Der Eintritt war frei, man bat bloß um eine Spende. Also Hintern hoch und hin. Präsenz zeigen, informieren, gegebenenfalls eine weitere Petition zeichnen gegen die geplante globale Konzernokratie. Mag nicht viel sein so eine Veranstaltung, aber immer bloß Sesselfurzen und hinterher meckern bringt erst recht nichts. Außerdem schätze ich Frau Herrmanns Arbeit und ein voller Saal ist auch ein Zeichen der Wertschätzung. Zudem bei solchen Gelegenheiten möglicherweise was zu lernen gibt und man eventuell auf Gleichgesinnte trifft. Das Gefühl, nicht allein dazustehen, kann wärmen.

Zirka 100 Leute hatten sich im Saal versammelt, wobei ich als Mittvierziger zu den Jüngeren gehörte. Ein Teil der Ortsverbandes der Linken war da und die Ortsgruppe von attac. Klar, Mitveranstalter. Ansonsten Cliquen älterer und alter Leute, die, ihren Gesprächen nach zu urteilen, jede irgendwie geförderte Veranstaltung der Umgebung mitnehmen. Finde ich gut. Bloß nicht einrosten im Alter. Können die 18 bis 49 Jahre alten Konsumschafe, denen irgendwie alles recht ist, noch einiges von lernen. Ah, das ältere Ehepaar, das den schönen Bioladen am Ort betreibt. Winke, winke, auch hier? Und, am Nebentisch, er. Der Wut-Opa mit dem totalen Durchblick. Nebst Gattin.

Dem äußeren Eindruck nach Typ pensionierter Oberstudienrat. Vermutlich Altphilologe. Geschichte oder vielleicht auch Deutsch. Einer, der den ihm Ausgelieferten ihren Caesar, Ovid, Herodot oder ihren Xenophon noch per Haselnussgerte eingebläut hat. Vielleicht auch ein pensionierter Oberamtsrat, Amtsleiter oder irgendwas in der Art. Jedenfalls jemand, der es gewohnt ist, recht zu haben und unwidersprochen herumzunerven.

Während Frau Herrmanns knapp einstündigem Vortrag, gab er immer mal wieder halblaut zum besten, welche politische Konsequenz aus all dem folgen müsse: "Tja, AfD wählen!" - "Ich sag’s ja, AfD!" Das ging noch, denn er tat das, wie gesagt, nur halblaut. Außerdem haben wir schließlich Meinungsfreiheit. Sollte man immer mal wieder mal betonen. Wollte ihm auch niemand absprechen. Sollte man vielleicht auch drauf hinweisen.

Bei der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde folgte dann sein ganz großer Auftritt. Er meldete sich, kam dran, erhob sich und legte los: Welche Rolle denn das - kurze Pause - internationale Finanzverbrechertum, Verzeihung, hihi, kleiner Scherz (über den niemand lachte), die Banken dabei spielten. Außerdem wolle er noch anmerken, dass die - kurze Pause - AfD die einzige politische Kraft sei, die da ganz klar Stellung bezöge, sie somit vor dem Hintergrund des Gesagten die einzige Rettung wäre. Sieh an, ein Wutbürger. Civis furiosus vulgaris. Mei, wie lieb! Einer ist halt immer dabei.

Lag das an mir, dass ich das Gefühl hatte, dass er sich das mit dem "interrrnazionalän Fänanzjoodentoom" so gerade eben noch verkniffen hatte? Oder habe ich einfach nur Vorurteile? Der Typ von attac neben ihm kannte ihn wohl schon und drehte hilfesuchend die Augen gen Himmel. Die freundliche Ulrike Herrmann war Profi genug, um zu wissen, dass bestimmte Diskussionen absolut nichts bringen und handelte die Erwähnung der Luckefuck-Truppe mit einem knappen Nebensatz ab.

Da liegt auch mein Problem mit dieser Art von Wutbürgertum, ganz gleich ob AfD-Anhänger, Linke, Reichsbürger, Querfrontler und was es noch alles so geben mag. Schön und gut ist es ja, wenn Menschen sich empören. Schafft oft erst den rechten Punch, sich intensiver mit etwas zu befassen. Nur sollte man da nicht stehenbleiben, wenn sich etwas ändern soll. Dummerweise werde ich den Verdacht nicht los, nicht wenige begnügen sich damit, sich aus Ressentiments - alles Verbrecher! - und schlichten Lösungen ein ganzes Weltbild zu stricken.

Niemanden, den es angeht, kann man mit so einem Gegeifer ernsthaft fordern, sondern wird bloß belächelt. Sorry, die Welt mag scheiße sein, aber so simpel funktioniert sie auch wieder nicht. Das liefert den eigentlichen Adressaten nur spottbillige Gegenargumente und sie haben recht damit. Andererseits war gestern nur ein einziger anwesend. Wirft vielleicht ein Licht darauf, wie zahlreich die, die so gern Online-Diskussionen vollrotzen, wirklich sind, wenn es gilt, sich auch mal in personam zu zeigen.

Bier gab es keins. Evangelische Akademie eben. Dafür gibt es die Petition hier.



1 Kommentar :

  1. "Wirft vielleicht ein Licht darauf, wie zahlreich die, die so gern Online-Diskussionen vollrotzen, wirklich sind, wenn es gilt, sich auch mal in personam zu zeigen."

    das frage ich mich ja schon länger. Wenn man sich die Kommentarspalten zu irgendwas mit Ausländern durchliest, gewinnt man schnell den Eindruck, dass hier nur noch Nazis unterwegs sind.
    Sicher gibt es hier viel zu viele Nazis, aber wie viele sind es wirklich? Wir wissen es nicht, aber sicher weniger, als man glauben könnte, wenn man nur online unterwegs ist.

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