Sonntag, 7. Dezember 2014

Big Brother in nett


Machen wir uns nichts vor. Die Idee der Generali-Versicherung, Kunden, die gesund leben, regelmäßig Sport treiben und bereit sind, ihre diesbezüglichen Daten per App zu übermitteln, Boni zu gewähren, wird sich wahrscheinlich irgendwann innerhalb der nächsten Jahre durchsetzen. Weil sie haargenau in die Zeit passt und weil sie nicht wenige Menschen genau dort trifft, wo sie am empfänglichsten sind: Bei ihrer Eitelkeit und ihrem Drang, sich anderen überlegen zu fühlen. Bei ihrer Illusion, nichts zu verbergen zu haben. Und bei ihrer Naivität, die sie nicht sehen lässt, dass auch eine nett und freundlich daher kommende, mit Anreizen statt mit Strafen arbeitende Tyrannei letztlich eine Tyrannei ist.

Zumal gesund leben ein ausgesprochen wolkiger Begriff ist. Nicht zu rauchen, beim Alkohol Maß zu halten und sich gelegentlich mit frischer Luft in Kontakt zu bringen, ist sicher sinnvoll. Aber beim Sporteln fängt es schon an. Zwar mag es schön und gut sein, sich regelmäßig zu bewegen, eine Garantie gibt es aber für überhaupt nichts. Ungeübte können zum Beispiel beim Joggen oder beim Krafttraining gravierende Fehler machen, die Versicherungen langfristig sogar teurer kommen können. Auch das angeblich so narrensichere Schwimmen kann auf Dauer zu ernsten (und damit teuren) Rücken- und Gelenksproblemen führen, wenn man es falsch angeht (was die allermeisten tun). Mit der Ernährung ist das erst recht so eine Sache. Die Meinungen darüber, was gesunde Ernährung im Einzelnen ist, sind erstens durchaus vielfältig und ändern sich auch alle paar Jahre mal. Zweitens haben offiziöse Ernährungsrichtlinien meist weit mehr mit Glaubenssätzen zu tun als mit seriöser Wissenschaft.

Aber darum geht es vermutlich auch gar nicht. Persönliche Daten sind eine der wichtigsten Ressourcen des 21. Jahrhunderts und sie möglichst flächendeckend zu erheben, kann, siehe Google, facebook et al., eine echte Goldgrube sein. Man könnte den Generalisti vielleicht noch den Tipp geben, dass vermutlich viel mehr mitmachen würden, wenn sie es anders kommunizierten. Wenn sie zum Beispiel sagen würden: Hey, teile deine Infos über dich mit uns und kassiere tolle Giveaways!

"Gebt mir sechs Zeilen von der Hand des ehrlichsten Mannes, so werde ich etwas finden, um ihn an den Galgen zu bringen." - Armand Jean du Plessis Richelieu (1585-1642)

Natürlich sind Versicherungen daran interessiert, möglichst viel über ihre Kunden zu wissen. Waren sie immer schon. Nur leben wir eben nicht mehr in den Fünfzigern, als Datenübermittlung noch ein aufwändiges und mühsames Geschäft war. Die Kundendaten lagen den Versicherungen in Papierform vor und die darin enthaltenden Informationen weiter zu verbreiten, war nur möglich, wenn jemand die Akte in die Hand genommen und etwas daraus abgeschrieben oder mit der Minox-Kamera draufgehalten hätte (Fotokopierer waren die große Ausnahme damals). Zwar bot auch das keine hundertprozentige Sicherheit, aber die Schwelle für Missbrauch lag deutlich höher. Im Zeitalter der totalen Vernetzung ist das erledigt. Wer wo wie Zugriff auf die Daten hat und wer sie noch alles abgreift und was damit geschieht, entzieht sich jeglicher Kontrolle. Das gilt für sportliche, nicht rauchende und trinkende Idealgewichtler mit Top-Blutwerten genauso wie für die, bei denen das nicht so ist.

Gegen Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit an, meinte Theodor Fontane einst richtigerweise. Wenn also kein Wunder geschieht, dann könnte es durchaus sein, dass Modelle wie das der Generali-Versicherung in vielleicht zehn Jahren Standard sein werden. Weil die Menschen eben so sind wie sie sind. Weil sie Warnungen vor Big Brother für die lachhafte Marotte von ein paar ewiggestrigen Bedenkenträgern halten. Weil sie finden, wer gesund lebe, was immer das ist, sollte da doch schließlich auch Profit draus schlagen dürfen. Die anderen können doch auch Salat essen und laufen gehen. Bis es so weit ist, sollten wir die verbleibende Zeit ohne lückenlose Totalüberwachung genießen.



Kommentare :

  1. Hmm, lass mich überlegen, ich rauche zuviel, ich trinke, .... naja, ... ganz nett, (vorzugweise an frischer Luft :-), - beim Sporteln hab icke mir dies Jahr den Fuß gebrochen, - und ansonsten ess ich gesund Grünes ohne diese glibberigen Restbestände ehemaligem Lebens. Nein, - ich würde sagen, ich bin eher das kalkulative Niemandsland einer ungesund Gesunden bzw. gesund Ungesunden Lebensphilosophie, die gar keine ist. Gut, - hängt mich auf, - ansonsten wird es sicher ein Modell geben, bei dem ich drauf zahlen darf wie jeder andere auch.

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    1. Es wird sich mit Sicherheit ein Weg finden, auch rauchende, trinkende, gezwungermaßen zeitweise nicht sportelnde Vegetarier extra zur Kasse zu bitten. Ich bin nicht unbedingt ein Optimist, aber dass Versicherungen solche Wege finden, gehört zu den wenigen Dingen, bei denen meine Zuversicht unerschütterlich ist...

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