Sonntag, 14. Dezember 2014

Schlimme Verluste


Wenn mich nicht alles täuscht, war es Florian Illies, der uns das mit der 'Wetten dass...?'-Nostalgie eingebrockt hat. In seinem Bestseller 'Generation Golf' taucht zum ersten Mal die jetzt eingestellte Samstagabendsendung als unverzichtbarer Teil des Wochenendes jener bundesrepublikanischen Wohlstandskinder auf, die in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern im Grundschulalter waren. Frisch gebadet, eingemummelt in den molligen Frotteebademantel, durfte man samstags länger aufbleiben, vielleicht sogar Chips essen, und mit den Eltern zusammen 'Wetten dass...?' gucken bis ganz zum Schluss. So schildert Illies die typische Idylle der damaligen Zeit, allen ward mit einem Mal ganz wehmütig und sie kauften das Buch, dass es nur so eine Art war. 

Dass sie jetzt endlich einen Deckel auf den albernen Wettbudenzauber gemacht haben, geht mir komplett irgendwo vorbei. Die Dauer, in der ich diese Show keines Blickes mehr gewürdigt habe, bemisst sich nicht nach Jahren, sondern nach Jahrzehnten. Ich habe nie verstanden, was so toll daran sein sollte, ein an sich ganz charmantes und durchaus tragfähiges Prinzip - unbekannte, ziemlich normale Menschen bekommen eine Bühne, um abgefahrene Sachen zu zeigen, die man nicht für möglich halten sollte - zu absurder Länge aufzublasen und nebenbei zur Plattform für gelangweilte Hollywoodstars und hiesige Promis zu machen.

Diese beiden gegensätzlichen, eigentlich unvereinbaren Elemente, skurrill-sympathische Wetten einerseits und internationaler Promiauflauf andererseits, unter einen Hut zu bringen, ging deswegen so lange halbwegs gut, weil es einen ganz bestimmten Moderator namens Thomas Gottschalk gab, der das irgendwie hinbekam. Weil er das seltene Talent hat, an guten Tagen eine volle Halle über Stunden auch allein unterhalten zu können. Als er nicht mehr wollte, war das Konzept in dieser Form eigentlich erledigt. Es hätte weit mehr gebraucht als nur den für diesen Job denkbar ungeeignetsten Moderator anzuheuern.

So weit mein Teelöffel Senf zur Beerdigung einer scheintoten Fernsehschnurre. Warum leiere ich mir zu einer Sendung, die mir komplett wumpe war, dennoch acht Sätze aus den Fingern? Nun, weil das deutsche Feuilleton zu diesem Anlass beinahe geschlossen von Morbus Illies befallen scheint. Fast überall ist die wehmütige Reminiszenz vom Familienabend im Frotteebademantel auf dem elterlichen Sofa zu lesen. Schon toll, in einem kreativen Beruf zu arbeiten!

Zumal 'Wetten dass...?' ja nicht der einzige Verlust war, den es zu verkraften galt.

Erinnern Sie sich auch noch an jene Zeiten, in denen die Schreiberlinge der Nation in Kohortenstärke per Nachtzug kreuz und quer durch Europa ratterten, um morgens, erfrischt an Geist uns Seele, bei einem Frühstück in einem schicken Café in einer schicken Stadt Feingeistiges in die getreue Reiseschreibmaschine zu tackern? Ich nicht. Es kommt einem aber so vor, jetzt, da auch der gute alte Nachtzug in den letzten Zügen liegt. Und auch da wird seitens des Föjetongs über den Verlust eines Stückes Reiseromantik, ja eines Kulturgutes gebarmt, als hätte ein Pissfritz sich soeben am Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal erleichtert. Wehe, nie wieder nächtliche Zufallsbekanntschaften im Zug und malerische Sonnenaufgänge über Paris!

Das Fehlen von Nachtzügen ist mir übrigens noch egaler als eine abgesetzte Samstagabend-Show. Ich schlafe nämlich von jeher nicht gerade leicht ein, da bräuchte ich das im Zug gar nicht erst zu versuchen. Die Vorstellung, eine ganze Nacht lang in so einem Teil wach zu liegen, kein Auge zuzutun und dann am Morgen völlig gerädert und mit dem Teint eines anämischen Zombies aus dem Waggon zu wanken, ist für mich in etwa so romantisch wie Magen auspumpen. Da lobe ich mir noch den schlechtesten Billigflug.



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