Sonntag, 4. Januar 2015

Gleich mal einen Hals


Da war das langsam sein Haupt erhebende neue Jahr (frohes übrigens!) noch keine 48 Stunden alt, schon lieferte es zum ersten Mal den Anlass, einen Hals zu kriegen. Weil ich trotz meines nicht mehr ganz jugendlichen Alters noch eine halbwegs vollständige Haarpracht auf der Murmel spazieren führe, ich Langhaarfrisuren unpraktisch finde, ein durchgehender Dreimillimeter-Maschinenschnitt an mir scheiße aussieht und eine Glatze es nötig machen würde, Mützen und Hüte zu tragen, die ich dann andauernd irgendwo liegen lassen würde, ist es ein notwendiges Übel, mich alle paar Wochen in die Hände eines kundigen Fachbetriebes zu begeben, um dem wuchernden Kopfbewuchs einen Façonschnitt angedeihen zu lassen.

Wenn es eines gibt, was ich bei Friseuren zutiefst ablehne, dann ist es überflüssiges Brimborium. Ich brauche keine Wellness, kein stundenlanges Erlebnisschnippeln mit Verwöhnprogramm und erst recht keine von der Muse mit Zunge geknutschten, verkappten Künstler, die meinen, ausgerechnet an mir ihre kreative Ader ausleben zu müssen. Ich will keine Strähnchen und keine Dauerwelle, mag weder Pikkolöchen noch stinkende Ayurveda-Gesöffe aufgenötigt bekommen und auch nicht Wochen im voraus einen Termin ausmachen müssen wie beim Radiologen. Beim Friseur schätze ich braves, biederes Handwerk und das zügig, wenn machbar. Reinkommen, hinsetzen, Haare geschnitten kriegen, zahlen, wieder gehen und fertig. Das Ganze nach Möglichkeit in höchstens zwanzig Minuten ohne oder höchstens dreißig Minuten mit Wartezeit.

Das und meine Abneigung gegen Friseurketten ließen mich vor vielen Jahren zum Stammkunden eines türkischen Friseursalons am Orte werden, der genau das zum günstigen Preis bot. Gut, ein paar Mal musste ich ein klein wenig länger warten, aber das ging natürlich in Ordnung. So betrat ich frohgemut am Zweiten des Monats Januar Anno Domini 2015 den Laden, um mich für die am Fünften dräuende Wiederaufnahme der Erwerbsarbeit wieder in einen einigermaßen vorzeigbaren Zustand versetzen zu lassen.

Als erstes wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass mein gewohnter Haarschnitt nunmehr gut zwanzig Prozent teurer sei als im Jahr zuvor. Müsse ich verstehen, der Mindestlohn eben, der vermaledeite! Hoppala, dachte ich, habe ich da etwa in all den Jahren meiner Stammkundschaft eine ausbeuterische Natter am Busen genährt? Ich meine, wer seine Preise gleich um zwanzig Prozent anheben muss, nur um seinen Leuten achtfuffzig die Stunde zahlen zu können, muss vorher ein arger Knauser gewesen sein.

War ich zu kniepig gewesen? Beruhte unsere langjährige Geschäftsbeziehung auf einem gerüttelt Maß an Verdrängung meinerseits? Waren meine regelmäßig artig entrichteten Trinkgelder am Ende bloß eine Art Ablasshandel?

In dem Laden ist immer gut bis sehr gut zu tun und es sind auch immer mehr als genug billige Azubis und Gratispraktikanten am Start, um die teuren Gelernten von Arbeiten wie Saubermachen, Material holen, Arbeitsplätze herrichten und Haare aufkehren zu entlasten. Ich kann auch nicht immer und überall Premiumgagen raushauen, weil das mein Gehalt einfach nicht hergibt. Außerdem: Woher weiß ich, ob ein Friseur, der mir, sagen wir, doppelt so viel fürs Schneiden abknöpft, seinen Leuten auch entsprechend mehr bezahlt? Oder könnte es vielmehr sein, dass der Mindestlohn nicht wenigen Branchen als hoch willkommener Vorwand dient, den Leuten kräftig in die Taschen zu langen und der Politik die Schuld zuzuschanzen?

Na wenn schon, dachte ich, die Preise waren über viele Jahre stabil geblieben, im Gegensatz zu den Kosten. Wenn's dazu beiträgt, dass der Laden weiter gut läuft und die Leute ihre acht Schleifen fünfzig pro Stunde plus Trinkgeld in der Tasche haben, soll es mir recht sein. Mit so was kann ich leben. Zumal es reichlich verlogen wäre, hier andauernd gegen die soziale Ungleichheit anzuschreiben, gegen das schandbar niedrige Lohnniveau hierzulande zu wettern und gegen die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, und dann wegen der für mich zu verschmerzenden Preiserhöhung eines Kleinunternehmers einen Riesenwirbel zu machen.

Weniger gut leben kann ich hingegen mit dem Gefühl, gewaltig verarscht zu werden.

Als der mir auserkorene Figaro nämlich meine Haare befühlte, meinte er, da sei Gel drin, daher müssten sie gewaschen werden. Ich meinte, erstens seien meine Haare bereits gewaschen, weil ich am Vormittag im Schwimmbad gewesen sei, zweitens verwendete ich seit Ewigkeiten Gel und hörte so was drittens in diesem Hause zum ersten Mal. Eine hinzu kommende Kollegin meinte eilfertig, das sei so, weil Gel im Haar die Scheren schneller stumpf werden ließe. Meinen Einwand, gerade wegen des Gels wollte ich mir die Haare ja nass schneiden lassen, ließ sie nicht gelten und orderte mich ans Haarwaschbecken. Am Ende wurde die Sache dadurch nicht zwanzig, sondern gleich mal vierzig Prozent teurer. Zeit, sich nach einem neuen Friseur umzusehen.

Freie Marktwirtschaft hin oder her, ich bin ein Gewohnheitstier und hasse dieses dauernde Gewechsel eigentlich. Immerhin, das muss man dem Kapper lassen, eine nicht zu leugnende kreative Leistung. Wenn das Jahr schon so anfängt, dann darf man wirklich gespannt sein, was sich andere so alles einfallen lassen, um kräftig die Kralle aufzuhalten.


Kommentare :

  1. Mit Gel in den Haaren werden die Scheren schneller stumpf?? Hey - das ist muß NRW sein!? Da verspäten sich die Regionalzüge auch wegen rutschigem Laub auf den Gleisen! :D

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    1. Ha, hier sind offenbar die ultraharten Kampfgele für das harte Streetlife im Handel - Föderalismus is a bitch!
      Übrigens scheint es das Märchen von den durch Gel stumpf werdenden Scheren schon länger zu geben und von Coiffören, die es nötig haben, zum Besten gegeben zu werden, wie eine schnelle Recherche ergeben hat. Demnach werden Friseurscheren vor allem dann schneller stumpf, wenn sie nicht ordentlich gepflegt werden.
      *klick* und *klick*

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  2. Frag mal nen Hundefrisör, der nimmt für Drahthaardackel sicher auch nen Aufschlag, weil die Scheren schneller stumpf werden.

    Vielleicht hat die Frisörsinnung jetzt eine Studie veröffentlicht, die das mit dem Gel und der Abstumpfung als Ergebnis erbracht hat? Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse sozusagen, wie im Ernährungsjournalismus jede Woche zu bestaunen?

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  3. Ja, und bei Asiaten müssten sie dann auch einen Aufschlag nehmen. Die haben dickere Haare und die Scheren nutzen schneller ab (was übrigens keine Legende ist)

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  4. Eine Haarschneidemaschine mit verstellbarem Schnitt, oder Aufsatz, Benutzt mein Mann, hin und wieder auch ich. Hat sich amortisiert. Friseur ist bei uns schon lange nicht mehr angesagt.

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