Dienstag, 6. Januar 2015

Schwäbische Wirtschaftskompetenz


Zwei Dinge lassen sich am Beispiel des Umgangs mit Griechenland momentan sehr schön studieren: Erstens, dass autoritär-paternalistische Prinzipienreiterei nicht nur über die Maßen dämlich ist, sondern auch absolut nichts bringt. Und zweitens, dass jene Fähigkeit, die gemeinhin mit der Modeblähvokabel 'Wirtschaftskompetenz' betrötet wird und die man hierzulande glaubt, mit Schöpfkellen gefressen zu haben, sich tatsächlich ungefähr auf Klippschulniveau bewegt. Und das sage ich als betriebs- wie volkswirtschaftlich kompletter Laie. Wahrlich, es ist weit gekommen!

Es hilft nichts, man muss zur Kenntnis nehmen, dass nicht wenige Menschen in diesem Land offenbar immer noch ernsthaft glauben, ein Staat funktioniere tatsächlich exakt so wie der Haushalt einer schwäbischen Hausfrau. Das Dumme ist, dass nicht wenige darunter sind, die nicht nur Zeitungen, Zeitschriften, Talkshows und Nachrichtensendungen mit dem vollmachen, was sie Wirtschaftskompetenz nennen, sondern auch entsprechende Professorentitel feierlich vor sich her tragen. Das Problem: Sollte in Griechenland tatsächlich Alexis Tsipras die Wahl gewinnen, dann würde er vermutlich einen Schuldenschnitt für Griechenland fordern und das ginge mal gar nicht, heißt es. Erst prassen wie nicht gescheit und dann seine Schulden nicht zahlen wollen. Unglaublichsowas! Wokommwerdenndahin?

Und damit das auf gar keinen Fall passiert, erzählen sie den Griechen auch seit Wochen, wie sie gefälligst zu wählen haben und stellten damit unter Beweis, was sie von Demokratie halten. Wer herumjallert, die Griechen sollten halt mal ihre Reichen angemessen zur Kasse bitten, sei daran erinnert, was mit Politikern passiert, die das wirklich mal in Angriff nehmen. Aber zurück nach Schwaben.

Im Haushalt einer schwäbischen Hausfrau läuft das ja so: Angenommen, das Undenkbare passiert und die brave Hausfrau muss sich tatsächlich Geld leihen. Kann ja trotz aller Vorsorge mal vorkommen. Dann ist es natürlich ein Gebot der Ehre, eine Frage der Moral, das Geliehene so schnell und so vollständig wie möglich wieder zurückzuzahlen. Ein Gedanke wie der, dass ein Kredit für eine Bank nichts mit Moral zu tun hat und erst recht keine Ehrensache ist, sondern nichts weiter als eine eine Geldanlage, die natürlich auch danebengehen kann, so wie der braven Hausfrau ihrerseits eine Investition um die Ohren fliegen kann, kommt in so einer Welt natürlich nicht vor. Aber machen wir das Spielchen doch einfach mit.

Jeder Bank oder Sparkasse passiert es, dass mal ein Schuldner überschuldet ist, in Insolvenz geht und man einen Teil der Schuld abschreiben muss. So wie es immer mal wieder vorkommt, dass Lieferanten Verluste abschreiben müssen, weil ein Unternehmer die Finger hebt und sie auf Forderungen sitzen bleiben. So lange das nicht überhand nimmt, ist das ärgerlich aber ziemlich normal (man nennt das übrigens: Schuldenschnitt). Es ist schließlich immer auch die Pflicht des Kreditgebers, sich vorher genau anzuschauen, wem genau er wie hohe Kredite gibt. Und selbst wer noch so genau prüft, ist immer noch nicht gefeit vor Entwicklungen oder Ereignissen, die niemand exakt vorhersehen kann. Weil Kredite aber vor allem Wetten auf die Zukunft sind, bleibt ein Restrisiko und eine eventuelle Überschuldung muss absolut nichts mit Zahlungsunwilligkeit oder gar moralischer Verkommenheit zu tun haben.

Umgekehrt passiert das natürlich auch immer mal wieder. 2008 haben viele Kleinanleger, die sich Zertifikate von Lehman Brothers haben andrehen lassen, ihre oftmals mühevoll vom Lohn angesparten Einlagen komplett verloren. Reaktion von Wirtschaftsexperten: Im Einzelfall natürlich tragisch, kann aber leider, leider vorkommen. Wer konnte schon voraussagen, dass eine Bank wie Lehman mir nichts, dir nichts pleite geht? Geldanlage bleibt Geldanlage, mit allen Risiken.

Daher ist es nicht einzusehen, warum jetzt angesichts der noch nicht einmal ausgesprochenen Forderung eines Schuldenschnitts für Griechenland hierzulande ein moralinsaures Gezeter angestimmt wird, als habe Tsipras angekündigt, jedes zweite neugeborene Baby zu opfern, um die Märkte gnädig zu stimmen, sollte er die Wahl gewinnen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, über einen Schuldenschnitt für Griechenland nicht einmal nachdenken zu wollen, es sei denn, es geht überhaupt nicht darum, der griechischen Wirtschaft wirklich wieder auf die Beine zu helfen, sondern ein ganzes Land wirtschaftlich dauerhaft am Boden zu halten.

Übrigens ist es auch weder neu noch revolutionär, dass Gläubigerstaaten überschuldeten Ländern einen Teil ihrer Schulden erlassen. So geschehen zum Beispiel im Februar 1953. Da unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und 20 andere Länder das Londoner Schuldenabkommen. In dem wurde der jungen westdeutschen Demokratie die Hälfte aller Schulden gestrichen. Unter den Unterzeichnern damals: Griechenland.

Reparationszahlungen Deutschlands wurden im Londoner Abkommen bis zu einer endgültigen Regelung lediglich zurückgestellt. Allgemein gilt der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 als Quasi-Friedensvertrag, ist es aber völkerrechtlich nicht. Was auch kein Problem ist, denn entgegen diversen Reichsbürgergefasels braucht es keinen expliziten Friedensvertrag, um einen Kriegszustand formell zu beenden. Die Aussetzung eventueller Reparationsforderungen geschah vor allem auf Betreiben der USA, die eine wirtschaftlich starke Bundesrepublik wünschten und die erhebliche Forderungen seitens der UdSSR befürchteten.

Der Treppenwitz der Geschichte ist nun, dass es angesichts dieser Konstellation vermutlich weit weniger abwegig ist als es zunächst scheinen mag, wenn man in Griechenland inzwischen darüber nachdenkt, Reparationsforderungen an Deutschland wieder aufs Tapet zu bringen.


P.S. in eigener Sache: Warum mag WordPress mich nicht?

Da wollte ich letztens bei zwei geschätzten Kollegen, die beide mit Wordpress arbeiten, einen freundlichen Kommentar hinterlassen, und beides Mal sind meine wiederholten Versuche im Orkus verschwunden. Betriebssysteme waren verschiedene, Browser Firefox 34.0 mit Adblock plus und NoScript (Skripte jeweils alle erlaubt). Vielleicht kann jemand helfen. Besten Dank.


Kommentare :

  1. Moin Stefan
    Das kann ich Dir in diesem speziellen Fall auch nicht beantworten. In meiner Kommentarliste unter »wartet auf Moderation« erscheinst Du jedenfalls nicht, was im Zweifel der Fall wäre.
    Probleme habe ich eigentlich nur, wenn ich bei Blogspot mit Name+URL posten will (FF34,Adblock+NoScript wie Du). Bei Wordpress eigentlich nur - und das selten - wenn der Server gerade mal in die Knie ging. Dann »vergisst« er wohl gelegentlich Kommentare. Und ich checke 2mal, ob wirklich alle Scripte erlaubt sind; da zickt WP dann doch.

    Gruß
    Pantoufle

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  2. "man hierzulande glaubt, mit Schöpfkellen gefressen zu haben, sich tatsächlich ungefähr auf Klippschulniveau bewegt."

    Das ist in der Tat erstaunlich , daß sich jemand überhaupt auf die Straße wagt mit der Aussage von der schwäbischen Hausfrau , ohne sich dabei in Grund und Boden zu schämen .
    Noch erstaunlicher ist , daß dafür niemand geteert , gefedert und aus dem Land gejagt wird , oder wenigstens zum Arzt geschickt.
    Eine der widerlichsten Eigenschaften der Deutschen ist ,daß sie alles mitnehmen , was geht , wenn sie selber am Boden liegen , aber sofort den Breiten markieren , wenn sie selber am Drücker sind.
    Klar , es gibt keine Pflicht , aus der Geschichte zu lernen , aber es stünde Deutschland gut an , wenn es dies täte , manchmal wäre dies mehr wert als jedes lautstarke Beknntnis zu Holocaust und NS-Verbrechen.

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  3. Hmmm (Habs mir lang verknifffen, aber es geht nicht anders :-) Wirklich nix gegen euch und ich kann auch in allem zustimmen. Aber als Beuteschwabe muss ich eine Frage stellen. Habt ihr was gegen Schwaben? Gut, - die Sprachforschung sollte man den Spezialisten überlassen.
    Unsereins Bestreben geht mehr in die Richtung allgemeiner Verständigung von Völkern. Wozu auch der Abbau von mitunter zu oft verwendeten Klischees, wie z.B. das der schwäbischen Hausfrau gehört. (Geht auch an die NDS) Ich meine, - böse Zungen behaupten ja, dass hier eine ganze Kultur verloren gegangen ist. Daran sind aber jetzt weniger irgendwelche morgen-, abendländische oder ökonomische Gotteskrieger dran schuld, als vielmehr der schwäbische Hausmann. Welcher schändlich quantitativ dazu übergegangen ist, beim Zubereiten von Maultaschen, Holen des Bieres aus dem Keller, wie sogar beim Säubern von Essgeschirr, hilfreich zur Hand zu gehen, - ja, solcherlei naturgegebenen Handlungen der schwäbischen Hausfrau, unter Umständen sogar alleine zu verrichten. Noch bösere Zungen, verbreiten Gerüchte von schwäbischen Frauen, die Tätigkeiten außerhalb des Hauses verrichten, die über das wöchentliche Kehren der Straße hinaus gehen. Ganz abstrus wird es, wenn finstere Seelen gar von schwäbischen Damenwelten berichten, die vollkommen unökonomisch über ihre Verhältnisse leben. Gut, - normalerweise muss man nicht alles für bare Münze nehmen, manche Vögel erzählen schließlich auch, dass man im Schwabenland sogar Bananen kaufen kann und wenn im Geldbeutel nix drin ist, die Dinger mit Kreditkarte bezahlt werden. Dass Problem ist, als ortsgebunden in diesem Umfeld ermittelnder Kulturforscher, kann ich das bestätigen.

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    1. Nanana, wer hat denn hier was gegen Schwaben. Nur liefern die die Steilvorlagen immer selbst (s. Prenzlauer Berg) oder protestieren nicht, wenn die Kanzlerin sich als eine der ihren ausgibt.
      @Art: So ist das nun mal in Weltmeister-Super-Helenefischer-Alleliebenuns-Deutschland...
      @Pantoufle: Danke, keine Ahnung, was das ist. Beim gnaddrig habe ich normalerweise keine Probleme mit der Kommentiererei. Ich habe heute noch eine Mail bekommen, in der jemand meinte, es könnte auch an WordPress-Plugins liegen, die verschiedene Nutzer eventuell laufen haben.

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    2. Moin Stefan

      Der Doctor hat mir eben geschrieben, daß er den selben Effekt hat, wenn er bei mir seine Blog-URL einträgt. Im Zweifelsfalle einfach weglassen - ich kann sie nachträglich einfügen.

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  4. @Stefan War ja auch nicht gaaanz so ernst gemeint. Aber du musst zugeben, dass deine Argumentation nicht ganz fair ist. (Prenzlauer Berg ist ja wohl in Form einer Gegenaktion auch eher als Gegenargument verwendbar, und Frau Merkel hat sich nicht zwingend-, sondern wurde als xxx ausgegeben) Sei's drum, als Kompromiss kann man sich ja beizeiten auf Ebenezer Scrooge einigen. Das lässt auch Besserungsoptionen offen. (Was man von den Schwaben vielleicht eher nicht erwarten darf :-)

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  5. @eb

    Es geht doch nicht gegen den Schwaben an sich , sondern nur um ein Klischee , daß eine Eigenschaft aufgreift , die in Schwaben wohl überdurchschnittlich vorhanden ist , aber SELBSTVERSTÄNDLICH nicht alle umfaßt , umso schlimmer , daß ausgerechnet das denkbar dämlichste Vorurteil als ernsthafte ökonomische Leitlinie betrachtet wird.

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