Mittwoch, 21. Januar 2015

Unerwartet und traditionell muffig


Eigentlich ist das Leben zu kurz und zu kostbar, um es damit zu vergeuden, sich unnötig mit Leuten abzugeben, die meinen, ein wenig Rassismus verleihe dem grauen Alltag erst die rechte Würze und weil schließlich nicht alles schlecht gewesen sei, täte uns allen auch eine Prise Nationalismus und Faschismus wieder ganz gut. Ich hatte ja feierlich erklärt, mit dem Thema Pegida durch zu sein, sofern nichts Unerwartetes geschieht. Nun, es ist etwas Unerwartetes geschehen.

Was ist passiert? Bin ich in mich gegangen und habe meine Meinung revidiert? Nö, wieso? Bekanntlich ist etwas, das aussieht, schwimmt und schnattert wie eine Ente, höchstwahrscheinlich auch eine Ente.

Auch wenn Chefe jetzt zurücktritt, sehe ich absolut keinen Grund, von meiner ursprünglichen Einschätzung auch nur ein Iota abzurücken. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass es sich bei Herrn Bachmann und nicht nur seinen engeren Mitstreitern in erster Linie um kernfrustrierte, entweder in Opferpose oder trotzig-pubertär auftretende, latent aggressive Klemmfaschisten handelt, die in einem Paralleluniversum der Paranoia leben, für die jegliche Kritik Diffamierung oder Hetze ist und die deswegen schwer einen auf Schweigespriale machen.

Ihr eigentliches Ziel, das sie gern hinter wolkigen Positionspapieren mit der Aussagekraft dieser legendären, computerübersetzten koreanischen Bedienungsanleitungen verstecken, ist und bleibt, im Gewand der verfolgten schweigenden Mehrheit rechtsextremes bis -radikales Gedankengut wieder im gesellschaftlichen Mainstream zu verankern. Zumindest so weit, wie dies in einigen besonders dunklen Gegenden Dunkeldeutschlands seit längerem Standard ist.

Weiterhin halte ich es nach wie vor für einen Fehler, solchen Leuten bzw. den irrationalen Ängsten, die von ihnen instrumentalisiert werden, großes Verständnis entgegenzubringen. Das meine ich übrigens nicht, weil ich sonderlich intolerant wäre, sondern weil ich es schlicht für sinnlos halte, verfestigten hermetischen Rundumsorglos-Argumentationsmustern wie "Patriotismus ist nicht gleich rechts", "ich bin kein Nazi, im Gegenteil, die Linken sind die neuen Nazis", "ihr habt ja keine Ahnung, lest erst mal die Biografie/die Texte/das Positionspapier", "ihr seid ja nur neidisch, wir sind viele/mehr/das Volk", "eure Zahlen sind falsch" und/oder "ihr unterdrückt unsere Minderheit", noch irgendwie mit Argumenten beikommen zu wollen. Meiner Erfahrung nach hilft da, wenn überhaupt, nur die ganz kalte Schulter.

Und komme mir bitte niemand mit der verlogenen Presse! Dann müsste ich mich nämlich daran erinnern, dass exakt jenes Blatt, das gestern noch einigen Aufwand betrieb, mit großer Geste eine blonde Domina zu entlarven, die keine Probleme hat, vor mehreren zehntausend Menschen zu sprechen, auf Herrn Jauchens Stühlchen aber das hilflose Hascherl ohne Medienerfahrung gegeben hat - dass jenes Blatt noch vor Jahren Thilo Sarrazin den roten Teppich ausgerollt hat, indem es seinem Machwerk, das wiederum den Boden mitbereitet hat für jenes rassistische Klima in diesem Lande, einen sechsteiligen Vorabdruck genehmigt hat und... Nein, stopp, ich schweife ab. Es sollte klar geworden sein, dass ich nicht im Geringsten, nicht einmal ansatzweise, mit diesem Verein sympathisiere. Zurück zum Thema.

Die Gebetsmühle von der Eigenverantwortung rattert immer dann am lautesten, wenn an Sozialleistungen gesägt wird. Sie verstummt in der Regel schlagartig, wenn man meint, den Bürger irgendwie schützen zu müssen. Weil er das alles ja überhaupt nicht überblicken und nicht auf sich aufpassen kann. Bachmann und seine Follower mögen einem unsympathisch sein wie nur irgendwas, aber es sind erwachsene Menschen. Was hätte dagegen gesprochen, sie auch so zu behandeln? Warum nicht im Vorfeld dem Organisationsteam das Gespräch suchen und über die Lage aufklären? Und - horribile dictu! - warum nicht ihnen sowie denen, die sie zur Demo aufrufen, am Ende selbst die Entscheidung überlassen, ob sie das Risiko auf sich nehmen wollen oder nicht?

Nun kann man über das Verbot der Pegida-Demonstration noch streiten. Wegen der angespannten Lage, in der möglicherweise keiner Lust darauf hatte, es am Ende gewesen zu sein, und weil eine konkrete Drohung vorlag. Spätestens das Totalverbot aller Demonstrationen aber, also auch der Gegendemonstrationen, entzieht sich jeglichem Verständnis. Der sächsischen Polizei dürfte es zunehmend schwerer fallen, die sich häufenden Vorwürfe, sie sei eine jener Behörden, die ein besonders obrigkeitsstaatliches Verständnis von Rechtsstaat haben, zu entkräften.

So geht es eben zu in einem Land, in dem Sicherheit als Supergrundrecht gilt und in dem der Grundsatz, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, eine gewisse Tradition hat. Das Demonstrationsverbot vom Montag sagt daher auch eine Menge darüber aus, wie dieser Staat seine Bürger immer noch sieht und wie er sie immer noch behandelt: Als im Zweifel unmündige Untertanen, denen man vielleicht gerade noch zutraut, sich ohne staatliche Aufsicht den Hintern zu wischen und denen man alles weitere am besten verbietet.


1 Kommentar :

  1. Es scheint bei der Pegida-Hysterie nur darum zu gehen eine Neugründung einer Partei zu verhindern. Du stellst ja selber fest daß Mitglieder aktuell etablierten Parteien dieses Gedankengut ebenso vertreten.

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