Montag, 16. Februar 2015

Absurdes Bewerbertheater, nächste Runde


Glaubt man einschlägiger Ratgeberliteratur, dann werden hinter deutschen Firmenfassaden täglich hunderttausendfach groteske Schmierenkomödien namens 'Vorstellungsgespräch' aufgeführt. Die beziehen ihren Charme nicht selten daher, dass es nach wie vor fast überall ein Überangebot an Arbeitskräften gibt. Natürlich gibt es Top-Positionen, für deren Besetzung eigens Headhunter engagiert werden, die dann die wenigen Kandidaten, die weltweit infrage kommen, aufwändig und langwierig umwerben, doch sagt mir irgendwas, dass so was eher die Ausnahme denn die Regel ist.

Sicher ist es auch so, dass gerade junge Menschen gern durch eklatantes Nichtwissen glänzen, was bei Personalern regelmäßig zu Heiterkeitsausbrüchen oder zu schweren Anfällen von Kulturpessimismus führt. Habe ich selbst schon erlebt. Man muss dafür nicht einmal das berüchtigte Allgemeinwissen ins Spiel bringen. Spätestens nach dem dritten Mal hintereinander fragt man sich, in welcher Geisterbahn man sitzt, wenn jemand, der in der Bewerbung schreibt, dieser oder jener Job sei sein absoluter Traumberuf, einem dann aber auf die, wie ich finde, ebenso harmlose wie naheliegende, keinesfalls jedoch hinterhältige Frage, was konkret an dem Beruf denn so reizvoll sei, nur Mundgeruch als Antwort gibt.

Andererseits: Was soll man auch erwarten von einer Generation, der man von Geburt an beigebracht hat, dass Erwerbsarbeit nicht etwa ein notwendiges Übel ist, sondern ein Daseinszweck und dass die Welt im Prinzip eine große Shoppingmall ist, in der Menschen nur noch als Anbieter und Abnehmer von irgendwas vorkommen? Wie sollen Menschen, junge Menschen zumal, Neugierde, Begeisterung, Offenheit entwickeln bzw. sich erhalten, wenn sie von Klein auf beigebracht bekommen, dass Wissen nur relevant ist, wenn es unmittelbar ökonomisch verwertbar ist und dass alles andere bei Wikipedia steht? Oder wenn man ihnen beibringt, dass soziales Engagement vor allem dazu taugt, den Lebenslauf aufzurüschen?

Und weil die Arbeitgeber, allen Unkenrufen zum Trotze meist immer noch in der besseren Position sind, unter Bewerbern auswählen zu können, benehmen nicht wenige sich so, wie es Tucholsky schon in den Zwanzigern sagte: Es ist wie im Krieg - wer die Butter hat, wird frech. So werden immer absurdere Frage- und Antwortspiele veranstaltet, um immer besser vorbereitete Bewerber noch irgendwie aus der Reserve zu locken. Worauf wiederum diejenigen nachrüsten müssen, die davon leben, Menschen auf diese Dressurnummern vorzubereiten.

Jetzt hat eine der meistgeklickten deutschsprachigen Internetseiten eine neue Runde dämlicher Fragen veröffentlicht, auf die Bewerber sich angeblich gefasst machen müssen (nebenbei bemerkt, handelt es sich durchweg um Fragen, auf die es, anderes als dort suggeriert, gar keine "ideale Antwort" geben kann - was ja auch ein wenig der Witz an offenen Fragen ist). Wie dem auch sei, sollte es sich dabei wirklich um den neuesten heißen Scheiß in den Personalabteilungen der Nation handeln, dann kann der Fachkräftemangel so schlimm wirklich nicht sein. Mich zumindest reizt das eher dazu, mir ein paar wirklich passende Antworten zu überlegen:

"Arbeiten Sie lieber im Team oder allein?"
"Ich habe kein Problem mit Teamarbeit, so lange das Team mir alle Arbeit abnimmt und ansonsten das macht, was ich sage. Wie wäre es übrigens, wenn Sie mir mal einen Kaffee anbieten würden?"

"Halten Sie bei Streitereien eher zu Kollegen oder zum Chef?"
"Das kommt auf die Streiterei an. Was erwarten Sie, wenn mein Chef mich zum Beispiel gerade unberechtigt angeschnauzt hat? Dass ich ihm zum Dank die Füße küsse?"

"Welche Rolle spielt Geld für Sie?"
"Seitdem ich endlich herausgefunden habe, wie man ausschließlich von Luft und Liebe lebt, gar keine mehr."

"Können Sie uns zehn Schwächen von sich nennen?"
"Ich mach es mal alphabetisch: Alkoholismus, Asberger, Blähungen, chronisches Erschöpfungssyndrom, Faulheit, Käsefüße, Langschläfer, Mundgeruch, Pimmelschorf, Übergewicht, unsportlich. Ups, das waren schon elf! Reicht das und können wir jetzt über Ihre Schwächen reden?"

"Ist der Job nicht eine Nummer zu groß für Sie?"
„Ich wette, die Frage haben Sie sich auch dann und wann schon mal gestellt. Wenn ich mir Ihren halbintelligenten Gesichtsausdruck so ansehe, würde ich sagen, vor weniger als fünf Minuten."

"Was wiegt eine Boeing 707?"
"Woher soll ich das wissen? Ist das hier eine Flugzeugwerft? Rufen Sie doch bei der Lufthansa an. Oder gucken Sie bei Wikipedia nach. Oder sind Sie dafür auch zu blöd?"

"Wer oder was wären Sie gern im nächsten Leben und warum?"
"Beherrscher der Welten, Herr über Leben und Tod, größter Unternehmenslenker aller Zeiten. Irgendwas in der Richtung, was denn sonst? Nicht, dass Sie mir am Ende noch mangelnden Ehrgeiz unterstellen. Muss man übrigens an Wiedergeburt glauben, wenn man hier arbeiten will? Als Atheist lehne ich so was nämlich prinzipiell ab."





Kommentare :

  1. Diese ständigen Artikel über Bewerbungsgespräche und die Vorbereitung darauf und die fiesen Maschen, die dort abgezogen werden, sind mir auch schon aufgestoßen. Fällt eigentlich niemandem auf, dass das nicht zu der Mär vom Fachkräftemangel passt?

    Und ich hatte schon gedacht, ich mache was falsch, weil nie ein Headhunter anruft. Aber gut, ich bin auch kein Ingenieur und auch kein Flughafeneröffnungsverschieber...

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    1. Nun, Fachkräftemangel ist ja auch nur ein anderes Wort für: "weniger als zwanzig Bewerber auf eine Stelle, von denen dann auch noch welche mit Angebot und Nachfrage kommen und dreiste Forderungen stellen".

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    2. Es gibt keinen Fachkräftemangel. Ich behaupte mal, global gesehen haben wir eine noch nie dagewesene Fachkräfteschwemme.

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    3. @ Tantal: Stimmt. Wenn Fachkräfte tatsächlich so knapp wären, müssten sie nicht die Arbeitsbedingungen akzeptieren, die die Arbeitgeber ihnen per Friss-oder-stirb vorsetzen, sondern könnten zumindest bessere Bezahlung durchsetzen.

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  2. Die Jobcoacher, die Weiterbildungsindustrie und die etlichen Ratgeber-Autoren halten immer wieder den Mythos der "Eigenverantwortung" aufrecht. Sicher, die Bewerbung sollte schon groben Standards unterliegen und man sollte schon -so gut es überhaupt geht und möglich ist- irgendwie "authentisch" (also so sein, wie andere einen haben wollen *g*) bei allem bleiben. Bei 6-8 Millionen Erwerbslosen (ungeschönt), die auf vermutlich 500.000 freie Stellen (Leiharbeit, Minijobs, Praktikas...) treffen, ist und bleibt die Eigenverantwortungs-Rhetorik ein absurdes Theater.

    Es liege alles nur an einem selbst: der Bewerbung, dem Auftreten, der Einstellung, dem Foto. Es ist und bleibt Schwachsinn und lenkt nur von der systematischen und strukturell gewollten Massenerwerbslosigkeit ab. Denn nur so kann man die Gehälter gering, die Lohnarbeiter bei der Stange und den Niedriglohnsektor aufrecht erhalten.

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    1. Übrigens: Gerade las ich, dass es auch Personaler gibt, die Bewerber allen Ernstes fragen, welches Tier sie gern sein würden. Herr, lass' Hirn regnen und sei großzügig...

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