Freitag, 6. Februar 2015

Grenzen ziehen


Über diverse Kritiker, Skeptiker und den Umgang mit ihnen

Lange habe ich überlegt, worin genau jenseits ihres Tonfalls eigentlich mein Problem liegt mit Leuten, die zum Beispiel "Lügenpresse!" bölken und sich deswegen für große Durchblicker halten. Aber auch mit allen anderen sich aufgeklärt gebenden, bei denen Kritik an und Skepsis gegen alles und jeden, am liebsten ‚gegen die da oben‘, zu einer Art Religionsersatz geworden scheint. Seien es Impfgegner, Wahlgegner, Islamkritiker, Rohköstler, Verschwörungstheoretiker und andere Spinner.

Man verstehe mich nicht falsch: Ohne Frage gibt es innerhalb der politischen Eliten Korruption und Verfilzung mit dem Kapital. So wie es selbstverständlich auch zahlreiche Beispiele dafür gibt, bei denen Medien einen mehr als ärgerlichen Konformismus an den Tag gelegt und sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Mir ist bewusst, dass es Verschwörungstheorien gibt, die sich nach einiger Zeit als wahr erwiesen haben. Und, ja es ist immer wieder mal vorgekommen, dass einzelne sich heroisch gegen den Mainstream stellten und am Ende recht behielten.

Wo aber zieht man für sich die Grenze zwischen einem kritischen Zeitgenossen und einem Spinner? Von dem Attribut "kritisch" sollte man sich auf keinen Fall blenden lassen. Das dient im Zweifel bloß dazu, Ressentiments einen neuen Namen zu geben. So richtig es ja ist, Sauereien wie die oben genannten öffentlich zu machen und zu kritisieren, so lächerlich ist es, pauschal "Lügenpresse", "Finanzverbrecher" oder ähnlich Unterkomplexes zu krähen, jeglichen Dialog zu verweigern und jedes noch so vorsichtig vorgetragene Gegenargument als "Bashing" oder "Hetze" zu denunzieren.

So eine Haltung ist nicht kritisch, sondern die eines bockiges Kindes, das stinkig ist, weil die Welt sich nicht nach seinen Vorstellungen dreht und das damit droht, die Luft anzuhalten, wenn es seinen Willen nicht kriegt. Eine hanebüchene Außenseitermeinung ist eben nicht schon deshalb richtig, weil es eine ist und sie wird nicht richtiger, bloß weil sie Widerspruch provoziert. Es laufen Peinsäcke herum, die in einem Atemzug die hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender als einzige Lügenbande schmähen, 'Russia Today' hingegen als unabhängige, seriöse Quelle propagieren. Ich will so was gewiss nicht verbieten - that's democracy. Aber ein Problem haben darf ich schon damit, ohne deswegen ein verblendeter Systemknecht zu sein, oder?

Wenn Pegida eines gezeigt hat, dann, wie sehr solche Denk- und Wahrnehmungsmuster inzwischen in den gesellschaftlichen Mainstream gesickert und längst nicht mehr nur auf ein paar obskure Kreise beschränkt sind - nicht zuletzt dank des Netzes, wo noch jeder Durchgeknallte seine Geistesverwandten findet, die ihn bestätigen und mit denen gemeinsam er eine solide Mauer gegen alle Anfechtungen errichten kann.

Sicher, auch der offenste Mensch hat gewisse Mindeststandards, die für ihn nicht zur Diskussion stehen. Wer mir zum Beispiel allen Ernstes kommen will mit Kloppern wie dem, dass der Holocaust eine Lüge ist und in Auschwitz allenfalls aus Versehen ein paar ums Leben gekommen sind, dem verweigere ich jegliche weitere Diskussion. Weil es nichts bringen würde. Genau so gut könnte ich herumdiskutieren mit Leuten, die der Meinung sind, der Mond bestünde in Wahrheit aus Schweizer Käse. So sehe eben auch keinen Sinn darin, mit Leuten zu diskutieren, die sich ihre Welt so weit vereinfacht haben, dass sie glauben, Eliten aller Art seien grundsätzlich nur daran interessiert, sich selbst die Taschen zu füllen und uns zu belügen. Mit dem spottbilligen Vorwurf, ich sei arrogant, muss ich dann halt leben.

Wie naiv die Hoffnung ist, Bildung und immer mehr Bildung würde im Zweifel vor irgendwas schützen, ist leicht zu erkennen. Wer das nicht glaubt, möge sich ansehen, wie viele Abiturienten und Akademiker sich in der Esoterikszene tummeln. Unter denen, die sich in letzter Zeit am lautesten über Pegida et al. lustig gemacht haben, sind genug Bildungsbürger, die felsenfest überzeugt davon sind, Impfungen seien grundsätzlich schädlich, ja tödlich, alle Studien, die das Gegenteil behaupten, seien von der Pharmaindustrie gekauft und alle, die damit wiederum ein Problem haben, als arme, fehlgeleitete Versuchskaninchen der Industrie belächeln.

Studieren lässt sich das übrigens auch am zumindest medial sich immer mehr verbreitenden Phänomen des Veganismus. Das Problem an nicht wenigen Vertretern dieses Lebensstils ist ja nicht, dass sie nicht einige durchaus bedenkenswerte Argumente auf ihrer Seite hätten oder dass ihre Absichten prinzipiell unlauter seien, im Gegenteil. Das Problem ist, dass so viele eine Aura der Unfehlbarkeit vor sich hertragen, weil sie zwar andauernd von Nichtveganern erwarten, ihren Standpunkt und ihre Gewohnheiten gefälligst in Frage zu stellen, bei sich selbst aber nicht den geringsten Anlass dazu sehen. Wer aber nicht bereit oder in der Lage ist, seinen Standpunkt kritisch zu reflektieren, ist nicht etwa aufgeklärt, sondern bloß selbstgerecht.

Also, wo zieht man die Grenze? Vielleicht hier: Wer absolut nicht willens und in der Lage ist, seinen eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und an allem zweifelt außer an sich selbst und ihn umgebenden Gleichgesinnten, ist kein Skeptiker, sondern bestenfalls ein Pseudoskeptiker. Wenn das so ist, dann kann man dem gewiss diskutablen Sascha Lobo nicht genug danken, das so schön auf den Punkt gebracht zu haben:

"Skepsis in ihrer aufklärerischen Urform bedeutet deshalb immer auch, den eigenen Standpunkt in Frage zu stellen. Die Pseudoskepsis dagegen zweifelt an allem außer an sich selbst. […] Eine tiefe Selbstgerechtigkeit steht dahinter, und die gehört leider den Verschwörungstheoretikern nicht allein. Im Gegenteil scheint sie sich durch die gesamte Gesellschaft zu ziehen, Medien, Politik, Bevölkerung, überall die Überzeugung, nein - die Gewissheit, auf dem ganz genau richtigen Weg zu sein."

Word, man!

Kommentare :

  1. Tja, - wo zieht man die Grenze? Sascha Lobo ist ein gutes Beispiel. Der ultimative Populist für die werbetechnische Netzkultur und Selstimaginierung als Skeptiker gegen die Skepsis. Spannend. Der Skeptikerskeptiker als Verkaufsschlager. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, wird wohl eine wahrhaft tiefere Bedeutung haben, als die Oberfläche an Abgrenzung zulässt. Übrigens, ich hab da schon länger ein flottes Märchen in der Mache, wo der Mond aus Käse besteht. Ich sag das nur, damit man nicht denkt, ich hätte die Idee von dir geklaut :-) Oder? Weiß man das? Vielleicht sage ich das jetzt auch nur. Wer weiß das schon? Vertrauen? Moral? Höchst dubiose Begriffe. Aber klasse Artikel über ein höchst wundes Thema.

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  2. Nah verwandt mit der Totschlagskeule "VT"... Mein Problem mit dem Ausdruck / Urteil "Spinner" ist, dass "Spinner" ja immer nur die anderen sind. :) Divide et impera, der einzig richtige Weg. Dabei hat jeder(!) gewisse thematische Bereiche, die für ihn ein rotes Tuch sind und bei denen er von der Mehrheitsmeinung abweicht - während anderen bestentalls ein "na und?" dazu einfällt. Von oben betrachtet (im wahrsten Sinne) sind wir auch wir "Linken" in der Summe alle "Spinner", die in kleinen Sekten vor sich hinwurschteln, von der "Revolution" träumen - und sich gegenseitig zerhäckseln. Ich persönlich bin da gerne ein "Spinner", ein völlig sozialromantischer Träumer. Mir fehlt da in der Beziehung oft die Grauzone - bspw. die "Impfgegner": Ich z. B. bin auch impfkritisch - bestes Beispiel für den teilweise grasierenden Wahnsinn war da ja die "Vogelgrippe". Und auch ganz böse: Ich kann mit dem Klimawandelkatastrophismus nix anfangen... Aber erwähn dass mal...! ;) Ich hab aber weder die Zeit, noch die Lust auf solche sinnlosen Debatten; ich lass alle anderen einfach gerne "rumspinnen"; immerhin lodert in denen noch irgend ein Feuer, welches sie dazu antreibt, sich über irgendetwas selbst zu informieren! Diese "Spinner" sind nicht mein primäres Problem, die tangieren mein Leben nicht ernsthaft, nerven mich höchstens mal für 5 Minuten.

    Mein primäres Problem ist da eher der jeder "Spinnerei" abgeneigte, innerlich tote, im mittigen Strom dahintreibende, konformistische, opportunistische Michel, der immer brav CDU und SPD wählt. Und seine Vertreter in Berlin, die zwar auf ihre Art auch nix anderes als Spinner sind - allerdings: radikale, gemeingefährliche Spinner - mit Macht!

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  3. Ich muss mich in diesem Fall Dennis anschließen - diesen Text, Stefan, finde ich leider wenig gelungen. Sicher ist es in einigen (extremen) Fällen leicht, die zwei Fraktionen der "Kritischen" und der "Spinner" auszumachen und entsprechend einzuordnen, aber die Schnittmenge zwischen beiden ist doch vergleichsweise groß, so dass es schlicht unmöglich ist, eine klare - und damit generelle - Trennungslinie zu ziehen.

    Die Absicht, die Du mit diesem Einordnungsversuch verfolgst, ist ersichtlich und äußerst ehrenwert, denn die Angriffe der neoliberalen Bande gegen jedwede Kritik ihrer "alternativlosen" Zerstörungen bedienen sich ja dieses Umstandes in aller Ausführlichkeit. Es ist nach meiner Einschätzung aber nicht zielführend, diesem Narrativ zu folgen, indem man die Abgrenzungen einfach etwas "nach links verschiebt" und dann wiederum eine willkürliche Grenze anlegt, nach dem Motto: "Und hier ist aber endgültig Schluss mit der Toleranz".

    Es ist sicher richtig, dass viele Menschen ein großes Problem damit haben, Selbstkritik zuzulassen bzw. eigene Irrwege als solche zu erkennen - das aber ist gewiss kein "neuzeitliches" Problem, sondern ein generell Menschliches, das es wohl schon seit Urzeiten gibt. Das macht es nicht schöner, vielleicht aber etwas verständlicher.

    Für die Mehrheit der Bevölkerung dieses Landes dürfte ich beispielsweise ein völlig bescheuerter "Spinner" sein, weil ich den Kapitalismus rigoros ablehne. Ich plädiere dafür, auch die "Spinner" anderer Couleur ernst zu nehmen (sofern sie nicht gerade der "Hohlwelttheorie", dem Faschismus oder der "Reptilieninvasion" anhängen) und mit ihnen zu diskutieren - ich habe auf diese Weise schon so einige positive Erlebnisse gehabt - sogar mit "Spinnern" aus dem neoliberalen Glaubenslager.

    Über die negativen Erlebnisse schweige ich mich indes lieber aus - die muss man einfach wegstecken können. ;-)

    Liebe Grüße vom Spinner Charlie.

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