Mittwoch, 18. Februar 2015

Kehrwoche versäumt?


"Meine Güte, hier ist es ja wirklich so porentief rein, dass man vom Bürgersteig eine warme Mahlzeit einnehmen kann! Ganz ohne Teller." Das dachte ich, als ich vor Jahren während meines ersten und bislang einzigen Aufenthalts in Stuttgart per Bus zu einer Fortbildungsveranstaltung gekarrt wurde und aus dem Fenster auf Hochglanz polierte Straßen und Gehwege sah. Die schwäbischen Kehrwochenweltmeister machten, schien's, ihrem Ruf alle Ehre. Mir fiel ein, wie der aus der Gegend stammende Harald Schmidt einmal gewitzelt hatte, in Stuttgart hätten sie kürzlich ein großes Stadtverschönerungsprogramm in Angriff genommen. Als erste Maßnahme habe der Bettler einen Platzverweis bekommen.

Es hilft nichts, das eine oder andere Vorurteil über das Ländle und seine Einwohner kann schon bestätigt bekommen, wer genau hinsieht. Ist ja auch nicht böse gemeint. In so ziemlich allen Gegenden pflegen Leute ihr Brauchtum und ihre Macken. Solange man nicht meint, deswegen der Nabel der Welt zu sein und jeder, der begehrt, als vollwertiger Mensch ernst genommen zu werden, müsse das exakt genauso halten, geht das völlig in Ordnung. Es kommen schließlich auch eine Menge kluger Köpfe und liebenswerter Menschen aus der Ecke. Von der lieblichen Landschaft und der guten Küche, die wohl als einzige deutsche Regionalküche ehrlich das Attribut 'fein' verdient, ganz zu schweigen.

Aber was, Stuttgarter, muss ich da jetzt lesen? Eure blitzeblank - hihi! - gewienerte Putzteufelmetropole, in der man, glaube ich, schon mal ernsthaft überlegt hat zu beantragen, das erwähnte Kulturgut Kehrwoche in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufzunehmen, ist in Puncto Feinstaub das reinste Dreckloch? Und zwar so ein gewaltiges, dass jedes beliebige Ruhrgebietskaff dagegen als Luftkurort durchgeht? Keine andere Messstation in Deutschland, heißt es, melde öfter Überschreitungen der Grenzwerte als die am Neckartor.

Wer das schon überraschend findet, sollte sich jetzt auf richtig was gefasst machen: Sowohl der zuständige Minister Winfried Herrmann als auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn sind beide von den Grünen! Sagt mal, Grüne, geht’s noch? Ich hatte immer geglaubt, wenn euer Verein schon ohne jede Diskussion weltweite Bundeswehreinsätze abnickt, so hättet ihr es wenigstens daheim noch gern sauber, gesund, nachhaltig und umweltverträglich (so lange euch kein Windrad die Aussicht versperrt, klar). Wenn ihr euch jetzt, wie es aussieht, noch nicht mal mehr für Umweltschutz  und Feinstaub interessiert, wofür außer für Pöstchen interessiert ihr euch überhaupt noch bzw. als nächstes nicht mehr?



Kommentare :

  1. Dass mit dem Feinstaub in Stuttgart hat auch zu einem bedeutenden Anteil topographische Gründe - wofür die Stadt an sich ja nix kann. ;) Stuttgart liegt im Neckartal, in nem regelrechten Talkessel, grob zwischen den Ausläufern des Schwarzwalds und der Schwäbischen Alb. Grade im Winter sind Inversionswetterlagen recht häufig - die Luftschichten durchmischen sich nicht - und über bleibt halt der Smog. Wobei Stuttgart aber auch nen recht miesen Ruf hat, was das Verkehrschaos und schlechten ÖSPNV betrifft. Ich wäre der letzte, der die Grünen in Schutz nehmen würde - aber das ist ein "gewachsenes" Problem, welches sich so ohne weiteres mal eben so nebenbei lösen lässt.

    Im "Kleinen" gab es das Problem z. B. auch in meiner Heimatstadt. Da wurde die Station in der unteren Kessellage abgebaut und woanders hin verfrachtet. Schon gab es deutlich weniger Probleme mit den Grenzwerten! ;)

    Grüne sind übrigens kompromisslose Windenergielkonzernobbyisten, auch wenn es den eigenen Garten betrifft. Seltsamerweise haftet dem Windradboom aber - trotz der Vaterschaft der Grünen - ja immer noch ein Höchstmaß an "Vernunft" an. Da vertrten auch viele Linke inbrünstig die Standpunkte der Ökobesserverdienerpartei! Dabei geht es hier auch im Kern nur um Milliarden, Korruption und Umweltzerstörung...

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    1. Danke für die Ergänzungen. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir das mit der Talkessellage schon gedacht. Und ganz von der Hand zu weisen finde ich den Gedanken, lieber ein paar (vollständig wieder demontierbare) Windräder als ein AKW auch nicht völlig unsympathisch.

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    2. Gerne. Soll jetzt nicht arg weit ins OT abrutschen - aber der Gegensatz, den du benennst - der ist: bewusst so konstruiert! Dazu ist der Feind meines Feindes nicht automatisch mein Freund! Beim Thema Windenergie funktioniert das Spiel aber tadellos! ;) Einer meiner (wenigen) Beiträge in meinem Blog befasst sich mit diesem Thema. Mir fehlt da schon seit Beginn dieses Booms die Differenzierung; von Beginn an schien man die "Moral" gepachtet zu haben. In dem Bereich geht's schon seit Jahren in erster Linie um Geld, Milliarden - dazu durchweg streng grün-kapitalistisch organisiert. Als Linker kann ich Lobbyismus und Korruption doch nicht verurteilen - aber dann beim vermeintlich "richtigen" Grund beide Augen zudrücken... Die Natur spielt da im Zweifel dann auch keine Rolle mehr. Wenn der Regenwald abgeholzt wird, schreit jeder auf - wenn für Windräder in deutschen Waldgebieten Tausende Hektar Wald sinnlos vernichtet werden, wirft man den Kritikern ad hominem das "St.-Florians-Denken" vor...

      Nun gut, soll reichen... ;)

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