Dienstag, 3. Februar 2015

Michels Selbstbetrug


Die Frage, warum die hiesige Regierung sämtliche Warnungen aus anderen Ländern in den Wind schlägt und stur am brutalen Sparkurs für Griechenland festhält, der für nicht wenige Griechen de facto ein massives Verelendungsprogramm ist, drängt sich beim Blick auf internationale Medien zunehmend auf. Dort diskutiert man längst über Alternativen, seit Tsipras' Wahlsieg immer öfter. Erklärungen gibt es sicher viele. Eine der Aparteren und Schlüssigeren ist die, dass - Naomi Klein lässt grüßen - hier mit wohlwollender Billigung, wenn nicht gar auf Betreiben und unter Regie des Finanzkapitals die nächste Stufe der Neoliberalisierung und Entsozialisierung der Welt gezündet wird. Freiluftlabor der Postdemokratie. Mag alles sein.

Wieso aber liest oder hört man bloß so selten, was naheliegend und simpel ist? So sehr, dass ich lange gebraucht habe, um überhaupt drauf zu kommen: Dass Merkels und Schäubles Vorgehen beim deutschen Wahlvolk einfach ungeheuer populär ist. Unbequeme Realitäten wie die, dass vier Jahre Sparkurs in Griechenland absolut nichts gebracht haben außer Not und Depression und dass das eine Gesellschaft auf Dauer zerreißen kann, weil solche Zustände immer auch politischer Radikalisierung Vorschub leisten, scheinen den Michel nicht sonderlich zu beeindrucken. Es geht schließlich um seine Steuergelder.

Und statt sich für die unbequeme Einsicht zu öffnen, dass Deutschland finanzpolitisch in Europa zunehmend isoliert dasteht, hegt und pflegt er lieber mit freundlicher Unterstützung seiner Regierung weiter die Lebenslüge, Bürger eines fleißig schaffenden, vulgo: solide wirtschaftendem Landes zu sein und kultiviert seine Ressentiments vom verantwortungslosen Linken und vom faulen, verschwenderischen Südländer, über den er sich erheben, den er nach Belieben schurigeln und dem er herablassende Vorträge halten kann, wenn er nicht recht spuren mag (jede Wette, ohne das herrenmenschende Gehabe einiger deutscher Politiker und Journalisten hätte Tsipras letzte Woche ein paar Prozent weniger eingefahren).

Wiewohl die Medien fleißig sekundieren, ist diese Stimmung im Volke vor allem im Sinne der Kanzlerin und wird von ihr gezielt befeuert. Man sollte bedenken, dass Angela Merkel politischen Streit nicht sonderlich schätzt und am liebsten möglichst unbehelligt durchregieren will. Zugute kommt ihr, dass nach der letzten Bundestagswahl das Parlament als Ort der politischem Auseinandersetzung weitgehend ausfällt, weil sie einer großen Koalition vorsteht, die über achtzig Prozent der Mandate hält. Und sie hätte gern ein still haltendes Volk, das nicht groß aufmuckt. Das erreicht sie, indem sie sich wie keine andere an Umfragen orientiert und nicht an politischen Positionen oder gar Parteitagsbeschlüssen.

Der Rest ist ganz einfach: Wenn sechzig siebzig Prozent des hiesigen Wahlvolkes das brutale Vorgehen gegenüber Griechenland sinnvoll finden und noch nicht einmal über mögliche Alternativen diskutieren mögen, weil die Griechen schließlich selber Schuld sind und man der Meinung ist, seinerseits solide gewirtschaftet, seinen Wohlstand hart erarbeitet und sein Scherflein an Verzicht bereits in Form der Agenda 2010 geleistet zu haben (bei der es übrigens nicht bleiben wird), dann wird das eben so exekutiert, wenn's den Umfragewerten dient. Und eine Dreiviertelmehrheit der Deutschen liebt sie dafür, ohne zu merken, dass sie damit auch an den eigenen sozialen Standards sägt.

Fragt sich, wer sich selbst betrügt.


Kommentare :

  1. Exakt. Für mich eins der größten Mysterien - warum für viele kritische Teile der Gesellschaft immer die Regierung der Quell allen Übels ist. Warum man dort einen Gegensatz beschwört, der schlicht nicht existiert. Man das Volk, die Mehrheit von der Regierung trennt. Man schreckt vor der Antwort auf die Frage zurück, ob es die Mehrheit denn vielleicht nicht exakt genau so will? Man sieht bei vielen Analysen mal eben über den gewaltigen Teil der Bevölkerung hinweg, der diese "Elite" seit Ende des WK2 in "farblich" leicht schwankender, aber politisch eindeutigen Zusammensetzung regelmäßig in die Regierung wählt. Egal, was die dann dort beschließen, wie sehr sie ihn ausziehen und für dumm verkaufen - am Ende kreuzt der Michel es wieder an. Mal mault er, mal geht er nicht hin, wählt aus "Protest" SPD statt CDU - aber er kommt immer wieder zurück in die heimelige "Mitte". Weil es ihm insgeheim eben gefällt - und links lauern bekanntlich Mauertod und der Gulag. Das ist natürlich ne ernüchternde Antwort für jemanden, der von einer "Revolution" träumt, die diese Regierung aus dem Amt fegen möge. Man wird sich gewiss, dass man allein ist auf weiter Flur - und kein Ausweg in Sicht, stattdessen überall um einen rum durch's Leben stolpernde, spießbürgerliche, konformistische Lohnarbeits- und Konsumzombies, die alles verdammen, was nicht ins streng strukturierte, disziplinierte Weltbild eines Helden der Arbeit entspricht... Als letztes Beispiel für den egoistischen, entsolidarisierten, vor ner Revolution erst ne Bahnsteigkarte kaufenden Michel: der Streik der GDL und die Reaktionen von Michel, Michelpresse und Michelregierung.

    Der Michel ist nämlich Masochist. "Ein Franzose, arbeitet um zu Leben; ein Deutscher lebt, um zu arbeiten". Schon im Privaten, auf der untersten Ebene der Niedriglöhner bleibt dem Michel nur eine Möglichkeit, auf sich selbst stolz zu sein und von anderen Anerkennung einzufordern: "Hauptsache, Arbeit". Masochismus geht dann mit Sadismus einher - da man sich selbst gerne devot den Hintern blutig schlagen lässt, verlangt der nach oben buckelnde und nach unten tretende Radfahrer Michel auch von anderen, Spaß an solch befremdlichen Neigungen zu entwickeln... dann schwingt er auch selbst gerne die Peitsche...

    Es ist historisch sicher kein Zufall, dass die Deutschen letztlich die Deutschen sind. Man kann vielleicht fragen, was Henne und was Ei ist... ist aber im Ergebnis egal, es ist ein einziger, sich ständig selbst verstärkender Teufelskreis in die Hölle.

    Dass genau so ein Volk genau so eine Person wie Merkel als Kanzlerin und einen Gauckler als Präsidenten hat - passt wie Arsch auf Eimer!

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  2. Für den Deutschen ist Arbeit Gottesdienst. Du verkennst den Protestantismus, der im Kapitalismus seinen vorläufigen Höhepunkt fand.
    Daß die Merkel und ihre Helfer das Fähnchen nach dem Wind richten ist ja nicht neu. Allerdings wird der Wind nicht vom Volk gemacht. Der Schulterschluss der sog. Qualitätsmedien kommt nicht aus dem Vakuum.

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  3. "ohne das herrenmenschende Gehabe...."

    Da dürfte was dran sein , also ruhig lautstark auskotzen , liebe Neoliberale , Deutschnationale und Steuergeldbewacher.

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    1. Bester Syriza-Wahlkampf ever... XD
      @Anonym: Krotzdem denke ich, dass es zu kurz gegriffen wäre, immer nur 'den Politikern' und 'den [Qualitäts]Medien' die Schuld zu geben. Ohne einen gewissen fruchtbaren Boden im Volke (bei dem die genannte protestantische Tradition sicher eine Rolle spielt), gäbe es das alles nicht in der Form.
      @Dennis82: Eine gewisse masochistische Ader vermute ich beim Michel ja schon länger...

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  4. Darauf beruht ja auch ein großer Teil von Desillusion und Frust bei vielen Linken. Der agenduale Aufbau der Leistungsgesellschaft ist von sich aus schon ein Lehrstück darüber, wie man gezielt mit bürgerichem Willen zur Bösartigkeit, Egozentrik, Eitelkeit und im Besonderen mit diesem "Ich bin besser als du.."-Feeling geradezu spielen kann. Ohne diese mentale Basis, wäre die Agenda gar nicht möglich gewesen. Jetzt ist sie quasi regierungsamtlich, und speziell auch systemphilosophisch (systemfunktional) sogar legitimiert. Und Merkel ist wie Kohl, eine Aussitzmaschine die den Status-Quo stabilisiert. Ich sehe es ein wenig wie ein psychologisches Wechselspiel in Form von Angebot und Nachfrage, bei der man schon den Satz anbringen kann; Eine Gesellschaft bekommt die Regierung, die sie verdient. Bei der fortschreitenden funktionalen Versachlichung und Dehumanisierung von Menschen, die in diesem Sinne ebenfalls akzeptiert und darüber normalisiert wurde, kann die mentale Nachfrage nach der eigenen Erhöhung aber nur konsequent selber verlieren. Ich sehe es aber nicht als Masochismus, sondern ganz brutal als bösartige Dummheit.

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