Freitag, 20. Februar 2015

Monströses


Nun, da die große Entlassungswelle wegen des Mindestlohns bis hierhin wohl weitgehend ausgeblieben ist, scheint der massenhafte Arbeitsplatzverlust nicht mehr recht zu taugen als Popanz. Also wird geschwind der nächste aus dem Hut gezaubert. Der Mindestlohn bringe, so heißt es, nicht mehr zu bewältigende Mehrarbeit für Arbeitgeber mit sich, die dadurch von ihrer vornehmsten Aufgabe abgehalten werden: Dem Schaffen von Arbeitsplätzen und dem Generieren von Wachstum.

Klarer Fall: Der Mindestlohn sei ein die Dynamik Der Deutschen WirtschaftTM hemmendes Bürokratiemonster und gehöre daher wieder abgeschafft, bevor er richtig eingeführt wurde. Beleg: Zum Beispiel das erschröckliche Einzelschicksal eines bayerischen Spediteurs, der wegen der regulierungswütigen Politiker drauf und dran ist, den Bettel ganz hinzuschmeißen. Hamsejetztdavon!

Man stelle sich das einmal vor: Da verlangt man von Arbeitgebern doch tatsächlich, sie sollen die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter dokumentieren! Nun kenne ich mich bekanntlich ja nicht sooo dolle aus mit Betriebswirtschaft, aber wie wurde das eigentlich vorher gehandhabt, wenn Löhne auf Grundlage eines Stundensatzes berechnet wurden? Musste da die Arbeitszeit nicht auch irgendwie erfasst und dokumentiert werden?

'Bürokratie' ist ja eh eines dieser Propaganda-Buhwörter. Wie 'Standortnachteil'. Oder 'Besitzstand'. Außer mit 'öffentlicher Dienst' bekommt man stramme Wirtschaftsliberale mit wenigen anderen Vokabeln zuverlässiger in Rage als mit dem Reizwort 'Bürokratie'. Steht für alles, was sie nicht abkönnen. Leistungsfeindliche, pupsgraue Beamtenärsche, die ihre Gehälter noch nicht einmal selber erwirtschaften und, wenn sie denn mal etwas arbeiten, den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben als die Dynamik der Wirtschaft behindern, indem sie zum Beispiel darauf bestehen, dass Vorschriften eingehalten werden.

Völlig anders als beim Mindestlohn übrigens liegt der Fall bei der seit der Jahrtausendwende maßgeblich vom, den Bertelsmännern nahe stehenden CHE ins Werk gesetzten 'unternehmerischen Hochschule'. Die sollte ja bekanntlich den vermufften deutschen Hochschulbetrieb mit den Segnungen der Privatwirtschaft befeuern. Also Management statt Mitverwaltung, Wettbewerb statt Steuergießkanne, stärkere Einbindung der bzw. Verzahnung mit der Wirtschaft und so weiter.

Wenn aber nun Professoren klagen, sie kämen vor lauter Drittmittelwerberei nicht mehr zu ihren eigentlichen Aufgaben, nämlich forschen und lehren, dann nicht, weil auch die unternehmerische Hochschule zu einem Bürokratiemonster geworden wäre, sondern weil das natürlich etwas ganz anderes ist.




1 Kommentar :

  1. Ja genau, der Mindestlohn ist reine Bürokratie, aber die grotesken Bewerbungsgespräche, die sich die deutsche Industrie ausdenkt und über die Sie schon geschrieben haben, die sind natürlich total effizient (ich hasse das Wort inzwischen....). Für Friedrich Dürrenmatt war die moderne Welt nur in der Groteske richtig abbildbar. Ich habe das früher in der Schule nie wirklich verstanden. Jetzt schon.

    AntwortenLöschen