Dienstag, 10. März 2015

Kümmert mich ausnahmsweise


Wer hier schon ein wenig länger unterwegs ist, wird es wohl nicht überraschen zu erfahren, dass der Eurovision Song Contest mir weitestgehend egal ist. Sicher, die Idee hatte in den Sechzigern durchaus ihre Berechtigung. In Zeiten, in denen vielen Deutschen Länder wie Italien oder Spanien so fremd erschienen wie fremde Planeten und nicht wenige einen Teller Spaghetti für eine außerirdische Lebensform hielten, war im Prinzip alles willkommen, das irgendwie taugte, dem gegenseitigen Kennenlernen und der Völkerverständigung zu dienen. Mit den Jahren setzte das Wettsingen dann aber arg Staub an und als ich ab einem gewissen Alter dazu überging, erste zaghafte Versuche zu unternehmen, so etwas wie einen Musikgeschmack zu entwickeln, da wusste ich, dass es besser war, den Grand Prix wegen der Irrelevanz des dort Gebotenen besser zu ignorieren.

Auf die Gefahr hin zu klingen wie Opa, der mal wieder erzählt, wie er damals 1943 im Osten allein den Rückzug der ganzen Kompanie sicherte: Die jungen Leute heute können sich ja gar nicht mehr vorstellen, was das einmal für ein Nischenprogramm war. Zu meinen frühen Studienzeiten Anfang der Neunziger trug die Veranstaltung noch die inoffizielle Bezeichnung 'Schwulenolympiade'. Das zuständige Referat des AStA veranstaltete zu diesem Anlass entsprechende Partys, auf denen, wenn ich mich an die Plakate richtig erinnere, vornehmlich Sekt und Mon Chéri gereicht wurde und männliche Besucher, die im Cocktail- oder Abendkleid erschienen, freien Eintritt hatten. Mögen solche und ähnliche Events heute so alltäglich sein wie Brötchen holen, damals fremdelte man dann doch ein wenig, vor allem als nicht eben weltläufig sozialisiertes Ruhrgebietskind.

1998, als der zottelhaarige, schmerbäuchige Schlagerparodist Guildo Horn teilnahm und Siebter wurde, war eines der ersten und letzten Male, dass sie Sache mich mehr als nur periphär interessierte. (Das letzte Mal war übrigens 2006, als Lordi für Finnland gewannen, die hibbelige Abiturientin ließ mich ziemlich kalt.) Eines der letzten Male, dass Spießer sich noch über einen Clown empörten, weil der sich anmaßte, die Nation zu vertreten und die Sache nicht mit dem gebotenen heiligen Ernst anging. Und es war eines der seltenen Male, dass dieses Deutschland für ein paar Minuten so etwas wie Entspanntheit und Leichtigkeit zeigte. Man muss sich nicht schämen, dabei gewesen zu sein, finde ich. Außerdem war ich damals noch keine dreißig.

So saßen wir an jenem Abend in froher Runde bei einer lieben Freundin in der Blockhütte, grillten, tranken und freuten uns des Lebens. Auch dass Horns Impresario, der Mensch gewordene Kühlergrill Stefan Raab, der ganzen Sache zusätzlich Verkrampfung nahm, indem er unter dem Pseudonym 'Alf Igel' auftrat, erfreute durchaus.

Die Grillparty hat sich als lose Tradition übrigens bis heute erhalten. Einer jener netten Anlässe, an denen sich die ganze Blase mal wieder trifft. Werden seltener in dem Alter, ab dem Nasenhaarschneider einem nicht mehr ganz so lachhaft vorkommen und man sollte sie entsprechend nutzen, die Anlässe. Ein paar nehmen die Sache immer mehr oder minder ernst, der Rest widmet sich eher dem Testen diverser Cocktailrezepte, denn in der Blockhütte befindet sich nicht nur ein Fernseher, sondern auch eine Kühl-Gefrierkombination, die mit einem großzügigen Spirituosen- und Eiswürfelvorrat bestückt ist.

Vor diesem ganzen Hintergrund kann es also nicht überraschen, dass auch die nationale Vorausscheidung zum großen Ereignis mich normalerweise nicht sonderlich beschäftigt. So auch dieses Jahr. Who the fuck is Andreas Kümmert? Ah, der zauselige Schrat mit der großen Stimme, hatte ich irgendwo schon mal gesehen. Nicht unsympathisch, kann wirklich was und scheint überdies ausgesprochen uneitel zu sein. Nu ja. Interessant wurde es dadurch, so war zu hören und zu lesen, dass er als deutlicher Sieger des Abends sich der Sache nicht gewachsen sah und seinen Platz an die Zweitplatzierte abgab, die nun an seiner statt gen Wien reisen wird. Noch interessanter waren die Reaktionen darauf.

"Aber er muss doch gewusst haben, worauf er sich da eingelassen hat!", "Unerhört, so was, wie kann er nur?", "Diese Chance, die er da vertut!" Sogar: "Verrat an den Fans!" - So und ähnlich kam es reflexhaft aus den Geräuschlöchern jener Leistungsgesichter gequollen, die nur noch Castingshow, Voting und Event kennen und die daher gar nicht mehr anders können als in Kategorien von Leistung denken und alles für plan- und vorhersehbar halten. Nein, muss er nicht, ihr unterkomplexen Honks! Man muss wissen, dass es im Leben von Menschen, die sich noch nicht jede Sensibilität und Spontaneität abgeklemmt haben, schon mal diese Momente geben kann, in denen einem mit einem Mal, ganz plötzlich und ungeplant, klar wird, dass das, worauf man sich da eingelassen hat, doch größer ist als man selbst, im Zweifel eine Nummer zu groß. Oder ganz plötzlich das Wissen im Raum steht: Ich habe mich verrannt und bin hier falsch.

Weil man eben doch nicht alles planen kann und eben nicht immer wissen kann, worauf man sich einlässt. Andreas Kümmert ist nicht nur in seinem Auftreten eine sympathische Antithese zum stromlinienförmigen, durchgestylten Showbusiness, er hat uns auch einem Moment der Menschlichkeit, der Demut und der Wahrheit geschenkt. Dafür muss man ihn schon ein wenig mögen. Auch wenn ich's mangels Interesse natürlich verpasst habe. Schade, ausnahmsweise.


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