Sonntag, 29. März 2015

Quotenpiloten


Gelegentlich fliege ich mit dem als Fluglinie getarnten Leutezusammenpfercher easyJet von Dortmund nach Luton und ein paar Tage später wieder zurück. Verwandtschaft besuchen, büschen Londoner Luft inhalieren and all that Jazz. Vor ein paar Jahren waren auf dem Hinflug, was die Crew des Fliegers anging, die hergebrachten Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt: Der obligatorischen Durchsage nach dem Start zufolge, war die Cockpitcrew rein weiblich, die Kabinencrew hingegen zu 100 Prozent männlich. Ok, vielleicht handelte es sich bei den Flugbegleitern, einem alten Klischee gemäß, in Wahrheit um im falschen Körper gefangene Flugbegleiterinnen, aber das tut hier nichts zur Sache.

Die Dame am Ruder jedenfalls entpuppte sich als wahre Göttin des Steuerknüppels, Sie verstand es, den tonnenschweren Vogel so butterweich, ja elfengleich zu landen, dass man das Aufsetzen überhaupt nicht bemerkte und erst am Bremsen spürte, dass man wieder auf dem Boden war. Leider gilt es in der Verkehrsfliegerei allseits als plebejisch und als Zeichen mangelnder Weltläufigkeit, eine gelungene Landung mit Applaus zu honorieren, denn hier wäre ein Tosender durchaus angezeigt gewesen. Beim Rückflug ging es an Bord geschlechtermäßig eher traditionell zu. Der diesmal männliche Fluggeräteführer nagelte die Mühle bei seiner mit unsanft noch ausgesprochen höflich beschriebenen Landung derart mit Schmackes und Kawumm auf den Beton, dass ich mir nicht nur ernsthaft Sorgen um das Fahrwerk machte, sondern auch Tage später noch nicht schmerzfrei gehen konnte, weil es lumbal ein wenig zwickte.

Mein erster Gedanke war: Lasst verdammt noch mal die Frau ans Steuer! Bei näherem Überlegen konnte es freilich zig weitaus wahrscheinlichere Gründe für dieses Phänomen geben, die alle nichts mit der Frage zu tun hatten, ob die betreffende Person nun einen Penis hatte oder nicht: Guten bzw. schlechten Tag erwischt, instabile Windverhältnisse, Ärger zu Hause oder sonstwie Stress und so weiter. Eine Erklärung schied als ernsthafte Begründung jedoch komplett aus: Weil Frauen qua Geschlecht einfach besser fliegen können. Warum? Einfache Logik. Umkehrschluss. Hätte es sich nämlich, warum auch immer, genau umgekehrt verhalten und hätte jemand dann behauptet, die unangenehm harte Landung sei kausal dem weiblichen Geschlecht der Pilotin geschuldet und für selbliges mangels technischen Verständnisses daher typisch - Shitstorm ahoi!

Es hilft nichts, wir müssen über das reden, was in einigen Köpfen vom Feminismus übrig ist. Ich fand es ja schon immer faszinierend, wie wenig Hemmungen Menschen, die gegen Diskriminierung kämpfen, damit haben, ihrerseits mit diesem Mittel zu arbeiten. Nehmen wir die Redaktion der Zeitschrift 'Emma'. Wie jeder halbwegs vernünftige Mensch, will ich überhaupt nicht bestreiten, dass das Blatt und auch ihre Herausgeberin, ob sie einem sympathisch ist oder nicht, definitiv seine bzw. ihre Verdienste hat.

Bedenken wir: 'Emma' wurde gegründet in Zeiten, in denen verheiratete Frauen qua Gesetz noch als halbmündige Anhängsel ihrer Ehemänner galten und ohne schriftliche Einwilligung des Göttergatten weder ein Konto eröffnen noch einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften. Zwar waren die Gesetzesänderungen zur Abschaffung dieser Zustände schon länger in der Mache und die Gründung der 'Emma' kam zu spät, um darauf noch irgendeinen Einfluss zu haben, aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Sicher, es kam auch immer mal vor, dass man das eine oder andere, was das Blatt so brachte, für überzogen oder schlicht bescheuert hielt. Was aber die aus aktuellem Anlass geforderte Frauenquote für Pilotinnen, wie sie von Luise Pusch in einem Kommentar gefordert wird, genau bewirken soll, ist dann doch erklärungsbedürftig. "Amoktrips sind Männersache. Und die Lufthansa hat 94 Prozent männliche Piloten.", sowie: "Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich.", so trötet's aus der jüngsten Ausgabe. Aha. Lassen wir das übliche denunziatorische Gegreine - Schwestern, worüber grämen wir uns heute? - von wegen 'Opfer sind immer die Frauen und wenn trotzdem auch mal Männer Opfer sind, dann sind sie weniger wertvoll' mal beiseite und schauen wir auf die Fakten.

Wiewohl ersteres sich sicher mit Zahlen belegen und damit schwer abstreiten lässt, erschließt die Logik hinter letzterem sich wohl nur jenen, die tatsächlich noch an das Märchen glauben, Frauen seien unter allen Umständen die besseren Menschen, die überall segensreich wirkten, wenn das vermaledeite Old Boys Network der Patriarchen sie nur ließe. Mit fast derselben Logik könnte man auch aus der Tatsache, dass knapp zehn Prozent aller Verkehrsunfälle auf erhöhten Alkoholpegel der Verursacher zurückzuführen sind, die Forderung ableiten, dass vor dem Autofahren gefälligst tüchtig zu bechern ist, weil doch zirka neunzig Prozent aller Unfälle von nüchternen Menschen verursacht werden.

Ich meine, es ist ja eine gute Sache, dass Piloten heutzutage nicht mehr mit diesem 'Mad Men'-haften Macho-Image belegt sind. Das Bild vom Piloten als besonnenbrillter, Testosteron pinkelnder Supermann, der mit professoralem Intellekt und gegebenenfalls eiserner Faust den Elementen trotzt und die Technik bändigt, wofür reihenweise Stewardessen um ihn herumscharwenzeln und ums Flachgelegtwerden betteln, hat sich zum Glück seit Längerem erledigt und wirkt heute eher unfreiwillig komisch. Passt irgendwie nicht mehr in die Zeit. Statt dessen herrscht jetzt kühle Professionalität, weswegen auch niemand mehr zusammenzuckt oder blöde Witze macht, wenn eine Pilotin am Ruder sitzt.

Auf der Arbeit sind Frauen für mich einfach Leute, die einen Job machen, wie alle anderen auch. Daher ist es mir, wie vermutlich dem überwiegenden Teil der Bevölkerung auch, wirklich komplett schnurz, ob das Flugzeug, in dem ich sitze, von einem Mann oder einer Frau geflogen wird. Es zählt einzig und allein die Frage, ob die Person den Job kann oder nicht.

Meines Wissens nach steht die Pilotenausbildung sowohl Frauen als auch Männern in gleicher Weise offen. Vielleicht bewerben sich einfach deutlich weniger Frauen als Männer? Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil die Anforderungen der Ausbildung auf potenzielle Bewerberinnen abschreckend wirken. Vielleicht, weil geeignete Bewerberinnen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fürchten. Vielleicht, weil Pilot in vielen Köpfen trotz allem noch als typischer Männerberuf gilt?

Wenn das so sein sollte, was davon wäre dann das Problem der Airlines und was dasjenige der Frauen, die für den Job infrage kämen, sich aber nicht bewerben? Fragen über Fragen. Mulmig würde mir definitiv, wenn es eine Frauenquote für Cockpits gäbe und man sich gezwungen sähe, die Anforderungen für weibliche Aspirantinnen zu senken, um die Quote irgendwie erfüllt zu bekommen.

Eines immerhin haben sie bei der 'Emma' bewiesen: Darin, sich in geschmackloser Weise der Trauer und Bestürzung nach einer Katastrophe auszunutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Propaganda in eigener Sache zu betreiben, stehen sie ihren männlichen Pendants bei anderen Medien in nichts nach. Nur: Hätte es dieses Beweises wirklich noch bedurft?



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