Donnerstag, 12. März 2015

Suspendierter Stinkstiefel


Warum die Suspendierung eines BBC-Moderators in Ordnung geht und das Gejammer von einer Politisch Korrekten Sprachpolizei Blödsinn ist

Top Gear ist angeblich das erfolgreichste Fernsehsachformat der Welt. Die Sendung läuft in über 200 Ländern und beschert der ehrwürdigen BBC, die sie produziert,  regelmäßig Traumquoten und ordentliche Einnahmen. Man sollte 'Top Gear' übrigens nicht als Autosendung begreifen. Es handelt sich vielmehr um eine Unterhaltungssendung, in der drei Komiker eine Stunde lang entweder Spaß mit dicken und/oder schnellen, auf jeden Fall teuren Autos haben, oder mit alten oder billigen Autos irgendeinen Spökes veranstalten und dabei klar zugewiesene Rollen spielen. Zwischendurch gibt es pro forma ein paar Nachrichten aus der Welt der Autoindustrie und ein Promi wird interviewt. Das Publikum liebt es. Ich meistens auch.

Was die Rollenverteilung angeht, gibt Jeremy Clarkson den grantelnden Stammtischbruder, der ein paar Pints nicht aus dem Weg geht, geistig irgendwo um 1980 herum stehen geblieben ist, mit der modernen Welt nicht recht klar kommt, lustvoll seine Vorurteile pflegt und diesbezüglich aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Eine Art Basil Fawlty, der in einer Tour andere beleidigt und ihnen, wenn diese dann beleidigt reagieren, noch Mangel an Humor vorwirft. Ihm zu Seite stehen zwei Sidekicks: Richard Hammond macht auf unbekümmerter großer Junge, der nichts Schöneres kennt als seinen Mitmenschen Zahnpasta oder Senf auf die Türklinke zu schmieren. James May schließlich ist der Schöngeist, der sich um einen Rest an Kultiviertheit bemüht und dafür von den beiden anderen andauernd auf die Rolle genommen wird. So was kann ganz witzig sein, ist es meist sogar, doch ist der Grat zwischen gelungener Grenzüberschreitung und Peinlichkeit ein schmaler.

Nachdem Clarkson immer mal wieder durch verbale Ausfälle angeeckt und dem entsprechend abgemahnt worden ist, wirft man ihm nun vor, einem Mitglied des Produktionsteams eine reingehauen zu haben, weil es nach einem langen Drehtag kein warmes Essen gegeben haben soll. Die BBC, die ihn zuvor schon mehrfach verwarnt hatte, suspendierte ihn daraufhin und legte auch die Ausstrahlung der letzten noch ausstehenden Top Gear-Folgen auf Eis. Seither hagelt es Kritik, zudem wird in mehreren Petitionen gefordert, die Absetzung rückgängig zu machen. Ich bin da eher zwiespältig.

Einerseits mag ich Clarkson, so als Typ. Der Kerl kann wirklich verdammt witzig sein. Gegen einen gepflegten Stinkstiefel gibt es nichts einzuwenden, denn stromlinienförmige Anpasser gibt es weiß Gott schon genug. Außerdem dürfte er weltweit der einzige Moderator einer Autosendung im weitesten Sinne gewesen sein, der es sich wegen der Reichweite seiner Sendung problemlos erlauben konnte, Spitzenmodelle von Edelmarken rundheraus als Schrotthaufen zu bezeichnen, nachdem er sie mit qualmenden Reifen über einen Flugplatz geprügelt hat.

Auf der anderen Seite sind mir seine rassistischen, rechten und dämlichen Ausfälle immer auf den Sack gegangen, weil ich mich fragte: Wieso? Sie ließen ihn als jemanden erscheinen, der schon oben ist, es aber unbedingt nötig hat, Schwächeren immer noch einen mehr mitzugeben. Das Problem ist nämlich, dass bei ihm vieles, was er als Ironie ausgibt, nicht unbedingt welche ist. Als in der Finanzkrise Hunderttausende ihre Jobs verloren, meinte er bloß: Meine Güte, wenn euer Chef euch rausgeschmissen hat, dann jammert halt nicht rum und protestiert nicht, sondern macht euch einfach selbstständig, so wie ich. Als Moderator hat er in zehn Jahren vielleicht fünf, sechs Mal rhetorisch richtig ins Klo gegriffen. Nicht eben oft. Hätte er es nicht getan, Top Gear wäre um keinen Deut schlechter oder weniger unterhaltsam gewesen. Vielleicht ist das eine aber nicht zu haben ohne das andere, ich will da nicht zu päpstlich sein.

Noch mehr auf die Nüsse gehen einem jetzt seine kritiklosesten, treuesten und lautesten Fans. Mit seinen Rüpeleien ist Clarkson zum Helden derer geworden, die sich von Umweltschutzauflagen, Sicherheitsvorschriften und vor allem einer allgegenwärtigen, allmächtigen Political Correctness gegängelt sehen. Letzteres bedeutet im Klartext nichts anderes als dass sie es voll doof finden, nicht andauernd jeden beleidigen und diskriminieren zu dürfen, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Für diese 'Wird man ja wohl noch sagen dürfen'-Fraktion ist einer wie Clarkson ein Django, ein Blitzableiter für ihren Frust: Stellvertretend benimmt er sich so und geigt jedem so die Meinung wie sie selbst das gern täten, sich das aber mangels Rückgrat oder aus Angst nicht trauen.

Höchstwahrscheinlich ist man sich bei der BBC sehr wohl darüber bewusst, wie wertvoll Clarkson ist, trotz allen Ärgers, den er gelegentlich macht und wie teuer das zu stehen kommen kann. Gut möglich auch, dass man sich den Schritt, das beste Pferd im Stall zum Abdecker zu bringen, vielleicht nicht so leicht gemacht hat, wie es aussieht. Klar, sicher hatte Clarkson sich Feinde gemacht, die ihn auf dem Kieker hatten. Vielleicht konnte man ja auch gar nicht anders handeln, unabhängig davon, was bisher alles vorgefallen ist.

Weil es gar nicht um einen verbale Entgleisung ging, sondern um den Vorwurf einer groben Tätlichkeit, wo dann der Spaß mal aufhören würde. Weil Top Gear eine BBC-Eigenproduktion ist, hat das Team seine Verträge direkt mit der BBC, nicht mit einer externen Produktionsfirma. Ich kenne die Rechtslage in England nicht, aber sollten die Vorwürfe gegen ihn zutreffen, dann wäre das ein Verhalten, durch das in Deutschland jeder Arbeitgeber förmlich gezwungen wäre, eine sofortige Kündigung auszusprechen. Man kann das natürlich voll spießig nennen, wenn man denn mag.  Oder man kann sich fragen, seit wann ein gewisser Kontostand einem vor allem schützt.

Wie viele von denen, die jetzt von einer PC-Diktatur schwadronieren, empören sich gleichzeitig gern darüber, dass man die Großen immer laufen lässt, während man die Kleinen hängt? Wenn ein Politiker oder Topmanager eine ihrer Meinung nach zu milde Strafe bekommt oder gar frei gesprochen wird, haben alle mächtig Schaum vor dem Mund. Lässt man aber ihrem schwerreichen Helden der Politischen Inkorrektheit ein Verhalten durchgehen, das jeden kleinen Angestellten sofort den Job kosten würde und legt einheitliche Maßstäbe an, dann erst recht. Kommt wohl davon, wenn man dauerndes Rummotzen über alles und jedes schon für kritisches Bewusstsein hält.

Am Beispiel Jeremy Clarksons lässt sich daher auch sehr schön demonstrieren, was für eine Gespensterdebatte das dauernde Gejammer über die angeblich allgegenwärtige Zensur der politisch korrekten Sprachpolizei ist. Vergegenwärtigen wir uns folgendes: Clarkson moderiert Top Gear mit Unterbrechungen seit zirka 30 Jahren. Nicht zuletzt, weil er es meisterhaft verstanden hat, trotz seines Reichtums und seiner Vernetzung mit der Upper class (man sagt, David Cameron gehöre zu seinen engeren Freunden) seine Rolle als Rebell und Anwalt des kleinen Mannes so überzeugend zu spielen, hat er es während dieser Zeit es vom Lokalreporter zu einem der reichsten Männer Großbritanniens und einem der bestbezahlten Journalisten überhaupt gebracht. Zu dem Millionengehalt, das die BBC ihm überweist, kommen noch Einnahmen unter anderem aus Buchverkäufen, Zeitungskolumnen, DVDs, Senderechten und anderen Fernsehbeiträgen.

So richtig Fahrt aufgenommen hat seine Karriere während der letzten gut zehn Jahre, nachdem er 2002 Top Gear quasi neu erfunden hat. Die Frage ist doch, wie so was möglich sein konnte in einem gesellschaftlichen Klima, in dem doch angeblich jeder sofort mundtot gemacht wird, der sich auch nur die kleinste Abweichung leistet vom weichgespülten Mainstream. (Es soll ja auch bei uns immer noch Fans von Thilo Sarrazin geben, denen dieser Widerspruch bis heute nicht aufgefallen ist, weshalb sie einen vielgebuchten, stinkreich gewordenen Bestsellerautor wie ihn nach wie vor für einen mit Sprechverboten belegten Verfemten halten.)

Überhaupt ist es mit der leidigen Political Correctness ja so eine Sache. Lässt man diesen Damen und HerrInnen nämlich zu viel durchgehen, dann kann es ratzfatz zu Szenen kommen wie jüngst im libanesischen Fernsehen. Dort hat so eine auf einem vermutlich per Quote erschlichenen ModeratorInnenstuhl sitzende, gendergemainstreamte Emanze einem Interviewgast einfach so den Saft abgedreht und ihn so in seiner Religions- und Meinungsfreiheit beschnitten, nachdem sie ihn zuvor schon andauernd unterbrochen hatte. Und das alles nur, weil seine unangepassten Äußerungen nicht in ihren linksgrüngenderversifften Mainstreamhorizont passten. Was muss denn noch alles passieren? Wehret den Anfängen, kann man da nur sagen.


1 Kommentar :

  1. Wäre in der Auseinandersetzung um die warme Mahlzeit umgekehrt zuerst der Produktionsmitarbeiter gegen Herrn Clarkson handgreiflich geworden, hätte das keinen Unterschied gemacht: dann wäre eben der fristlos entlassen worden, ebenso völlig zu recht. Auf wessen Seite hätte sich die Allianz der Empörer dann wohl geschlagen? Obwohl der kleine Unterläufel vermutlich nicht weniger Grund gehabt hätte, dem großen Zampano eine reinzuhauen als umgekehrt.

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