Donnerstag, 19. März 2015

Terror in Bankfurt


Eröffnungen von Verwaltungsgebäuden sind normalerweise keine ausgelassenen Partys, sondern eher nüchterne Events. So konnte es nicht überraschen, dass auch die Eröffnung des babylonischen EZB-Turms kein fröhliches Volksfest werden würde. Dass es aber eine wurde, die gesichert werden musste wie eine Partie zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund, weil sonst zu befürchten gewesen wäre, dass Sicherheit und Gesundheit der Protagonisten um Mario Draghi und seine Handvoll Festgäste offenbar nicht mehr hätte gewährleistet werden können, sagt so einiges darüber aus, welche Formen das Verhältnis zwischen dem Volk und seinen Institutionen inzwischen angenommen hat.

Natürlich ist es weder schön noch richtig, wenn Menschen verletzt werden. Egal, ob es sich dabei um autonome Haudruffs handelt oder um Polizeibeamte. Es geht selbstverständlich absolut nicht in Ordnung, wenn das Eigentum Unbeteiligter beschädigt oder gar zerstört wird. Dass man sich überhaupt bemüßigt fühlt, auf solche klitzekleinen Minimalstandards extra hinweisen zu müssen, sagt wiederum einiges aus über den Zustand des heutigen und hiesigen Diskurses.

Er war's! (via blogrebellen)
Abgesehen davon, dass es moralisch falsch ist und im Zweifel die Falschen trifft: Verletzte Polizeibeamte, Demonstranten und Hilfskräfte von Rettungsdienst und Feuerwehr (!), ausgebrannte Autos, zerdepperte Ladenlokale ändern nichts, aber auch gar nichts an den herrschenden Zuständen, geschweige denn, sie verbesserten etwas, im Gegenteil. Solche Gewalttaten korrumpieren die im Kern richtigen Absichten des Großteils der Demonstrierenden und sie helfen den Falschen. Sie liefern denen Argumente, denen niemals etwas anderes einfällt als noch mehr Repression, noch mehr Härte, noch mehr Überwachung. Sie helfen der bräunlichen Brut dabei, Linke beim braven Bürger als die wahren Nazis zu denunzieren und sie sind Zucker für jene publizistischen Stiefelspanner des Kapitals, die am liebsten jeglichen Widerstand jenseits harmlosen Schildchenhochhaltens und Rasennichtbetretens kriminalisieren würden. Aber.

"Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten." (Bertolt Brecht)
 

"Diese Wirtschaft tötet!" (Jorge Mario Bergoglio a.k.a. Franziskus)

Sehe ich nämlich das Elend, das die von der EZB aktiv mitbetriebene Austeritätspolitik in Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern angerichtet hat und tagtäglich anrichtet, sehe ich die Gewalt, die diesen Menschen angetan wurde und wird - wie ihnen Auskommen, Häuser und Gesundheitsfürsorge, wie ihnen Perspektiven und auch Würde genommen werden, wie die Selbstmordraten gestiegen sind - dann kann ich nicht anders als spontan an das zu denken, was Thomas Mann am Tag nach der Zerstörung seiner Heimatstadt Lübeck aus dem Exil im Radio sagte: Ich habe nichts einzuwenden.

Nein, ich befürworte diese ärgerliche, unnötige, kindische und vor allem kontraproduktive Randale deswegen immer noch nicht, daher anders gesagt: So sehr ich diese Gewalt ablehne, kann ich es dennoch teilweise verstehen, wie Menschen, jüngere Menschen zumal, mit mehr Energie, mehr Zeit, mehr Wut und mehr Wumms als ich, auf den Gedanken kommen, es seien der Worte genug gewechselt und gewisse Leute müssten mal wieder ein wenig Angst bekommen.


Trotzdem sollte man die Kirche im Dorf lassen: Es dürfte an diesem einen Tag in Frankfurt vermutlich nichts Schlimmeres passiert sein als das, was die letzten Jahre über immer wieder in Athen passiert ist. (Es gibt übrigens durchaus Hinweise, dass die meisten Verletzungen der Polizei auf friendly fire zurückzuführen sind). Ein paar brennende Polizeiautos jedenfalls wären in Zeiten der Proteste gegen die Startbahn West keine große Sache gewesen. Aber das alles kann und darf man natürlich überhaupt nicht vergleichen. Das hängt nicht zusammen. Das war etwas ganz anderes.

So hätte er‘s ja gern, der doppelmoralinsaure Neoliberale: So lange die Einnahmen sprudeln, dickhalsig herumschwallen, dass Märkte nun einmal keine Moral hätten, den Armen und Verarmten höhnisch Warren Buffetts Diktum vom siegreichen Klassenkampf der Reichen gegen die Armen um die Ohren hauen, wahlweise auch jenes von Alan Greenspan mit dem System, das am besten funktioniere, wenn der abhängig robotende Pöbel nie mehr als einen Scheck von der Obdachlosigkeit entfernt sei. Wenn dann aber ein paar mal punktuell ernst machen mit dem Klassenkampf, dann sind die Hosen voll, der Weltuntergang dräut vor der Türe, dann wird plötzlich nach Moral und Anstand gerufen und, wie beim Bankencrash, nach dem verhassten, räuberischen Staat, der sie gefälligst zu schützen und notfalls zu retten hat.

Kommentare :

  1. Was ist Randale gegen die strukturelle Gewalt des Systems?
    Beim "braven Bürger" bin ich mir nicht so sicher , ob der nicht genau andersrum funktioniert.
    Sind die Gegenkulturen zu brav , neigt er schnell dazu , das auszunutzen und sie weitmöglichst an die Wand zu drücken , hat er jedoch Angst , daß vielleicht auch mal die eigene Hütte brennen könnte , wird er ruhiger , so zumindest mein Eindruck.
    Daher kann man stehen wie man will zu militanten Formen des Protestes , als kindisch würde ich sie aber nicht bezeichnen.

    Die erstaunlich großen Polizeiaufgebote bei occupy-Protesten in aller Welt sind ein interessantes Zeichen für die Einschätzung dieser Protestbewegung durch das "System" (ich nenn das jetzt mal so ) .
    Wenn man das mit den x-fach größeren Demos der Globalisierungskritiker vergleicht , aus den 2000ern , ist es höchst erstaunlich , wieviele Ordnungskräfte da pro Kopf eingesetzt werden , occupy gilt offenbar als gefährlich , und das durchaus zurecht .

    Occupy hat eher diesen physischen Ansatz , schon der Name ist Programm , und der wird offenbar verstanden , das ist schließlich nichts anderes als die Vorgehensweise der Finanzwelt selber , außerdem ist o. ziemlich unberechenbar , das ist jetzt da und droht immer latent , zu einem Flächenbrand zu werden , also immer druff , solange es noch zu gehen scheint , unter fleißiger Mithilfe der "freien" Medien.

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  2. Ich zitiere mich mal selbst:

    Seit ich bei der Protestdemonstration anlässlich des G8 — Gipfel, im Jahre 2007 in Heiligendamm, live miterlebt habe, wie sog. Agent Provocateurs dafür gesorgt hatten, den ganzen Widerstand zu diskreditieren, indem sie ein Auto (!!) anzündeten –dass dann in verschiedenen Perspektiven gezeigt und so der Anschein erweckt wurde, hier werden reihenweise Autos in Brand gesteckt– glaube ich der Presse kein Wort mehr. Zufällig waren damals die Journalisten auch immer genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Fotos zu machen.

    Quelle

    Insofern ja, Gewalt und Randale nützt vor allem den Mächtigen, um den Blockupy-Protest zu diskreditieren. Und nur wer alles als Verschwörungstheorie verunglimpft, glaubt nicht an Agent Provocateurs und daran, dass die "Dienste" und die Polizei hier nicht ordentlich nachgeholfen haben, um diese Bilder zu produzieren.

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    1. Hm ja, ich will deine Beobachtungen wirklich nicht anzweifeln oder so. Ich halte das durchaus für denkbar und es ist natürlich auch gut möglich, dass es auf lokaler Ebene gewisse Netzwerke für so was gibt. Ob das eine groß angelegte Sache ist, bezweifle ich so lange, bis wirklich mal eine Smoking Gun auftaucht. So lange das nicht der Fall ist, bleibe ich skeptisch.
      @Art: Dass das, was in Griechenland und Teilen Südeuropas passiert, strukturelle Gewalt ist, darüber müssen wir nicht streiten. Es ist eben nur so frustrierend, das richtig scharfe neoliberale Gänger das Prinzip überhaupt nicht verstehen (wollen) bzw. es nicht akzeptieren - haben doch alle die Chance, sich woanders bessere Jobs zu suchen, wo ist das Problem?

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    2. Wer arbeiten will... solche Äußerungen sollte man unter Strafe stellen , wie die Holocaustlüge.
      Mit °(wollen)° sagts du , worum es geht. Aufklärung (ich weiß , klingt hochtrabend ) bringt nur bedingt etwas , wo kein Wille ist , ist auch ein Weg , aber dann eben in Form eines knallharten Verteilungskampfes.

      Ideologen kriegst du nicht weg mit der Kritik an den Verhältnissen , denn sie wissen , was sie tun (Kritik ist trotzdem essentiell wichtig , zur Unterstützung ähnlich Denkender).
      Kritik ist aus deren Sicht die Aussage , daß alles genau richtig läuft , sie glauben an das Recht des finanziell Stärkeren , sie halten es durchaus für richtig , wenn Menschen sterben , die kein Geld haben , kill the poor als allerletzte Konsequenz.

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