Mittwoch, 25. März 2015

Unter den Opfern auch Deutsche


Es ist furchtbar, was passiert ist. Dass 150 Menschen bei jenem Flugzeugabsturz gestorben sind. Dass zirka 70 Deutsche darunter waren, macht es nicht schlimmer. Sicher, sie sind einem örtlich meist näher als Tote aus anderen Ländern, aber warum sollte es deswegen schlimmer sein? Hielte ich mich gerade in Frankreich auf, ginge mir der Tod der französischen Passagiere einen Millimeter mehr oder weniger nahe? Kaum. Menschen mussten sterben, zum Teil junge Menschen. Nur das zählt und es ist furchtbar, gar keine Frage. Begegnete ich jemandem der Hinterbliebenen und es käme dazu, ein paar Worte zu wechseln, ich würde natürlich mein aufrichtiges, ehrlich empfundenes Mitgefühl äußern. Nähme ich an einer Gedenkveranstaltung teil, bei der Hinterbliebene zugegen wären, es würde mich vermutlich sehr anfassen.

Das ist aber etwas anderes als, wie so oft, wenn so etwas passiert, mehr oder minder subtil unter Druck gesetzt zu werden, gefälligst mitzutrauern um die Landsleute. Schicksalsgemeinschaft und so. Auch Deutsche unter den Opfern. Ganz Deutschland trauert, und du? Nein, ich nicht. Kann ich nicht ab. Weil Gedenken und Trauer verschiedene Dinge sind. Das eine tut man öffentlich, das andere ist etwas sehr Persönliches, das letztlich jeder mit sich selbst auszumachen hat. Ich kann es nicht ab, wenn das andauernd gleichgesetzt oder verwechselt wird.

(Übrigens hasse ich es auch bei anderen Gelegenheiten, wenn man mich unter dem Etikett 'wir Deutsche' mal eben mit in Beschlag nehmen will. Wenn jemand etwa herumtrötet, 'wir Deutsche' hätten es satt, die Griechen von unseren Steuergeldern mit durchzufüttern, dann erscheint vor meinem geistigen Auge ein Stinkefinger varoufrakisschen Ausmaßes, versehen mit dem Slogan 'Not in my name!'.)

Sicher, man mag solche Überlegungen im Zusammenhang mit einer tragischen Flugzeugkatastrophe unangemessen finden. Dann sollte man sich allerdings fragen lassen, was davon zu halten ist, wenn eine der früheren Veröffentlichungen zum Thema eine ist, die sich der Frage widmet, was so eine Tragödie für Auswirkungen auf den Aktienkurs des betroffenen Unternehmens hat. Von Schmierereien wie dieser gar nicht erst zu reden. Es soll schon Leute gegeben haben, die für deutlich weniger geteert und gefedert wurden. Überhaupt, die Medien! Sie hinterließen den schalsten Nachgeschmack.

Im Fernsehen wurde vielerorts gleich das gesamte Programm gekippt und der Abend in eine einzige Sondersendung verwandelt. Das mag beschlossen worden sein, ohne groß darüber nachzudenken. Macht man halt als Nachrichtenredaktion. Ob und inwieweit das angemessen war, darf angesichts der nur spärlich hereintröpfelnden Neuigkeiten sehr wohl bezweifelt werden. Dass Hinterbliebene, jene, die ihnen nahe stehen, die um ihre Lieben bangen, ein erhöhtes Informationsbedürfnis haben und begehren, möglichst sofort informiert zu werden, sobald es etwas Neues gibt, ist nur menschlich. Dem wurde hinreichend Genüge getan. Es gab Sondersendungen, es wurden Hotlines eingerichtet und auf den Internetseiten aller großen deutschsprachigen Medien gab es Ticker, in denen noch die kleinste Meldung fast ohne Verzug auftauchte. Das sollte eigentlich genügen.

Es ist eine oft im Leben zu machende Erfahrung, dass der wahre Schrecken meist am Tag danach und dann besonders dicke kommt. Im Falle von Katastrophen begeben Medien sich, wenn der erste Horror nachlässt, gern auf die Suche nach 'bewegenden' oder auch 'emotionalen' Momenten. Dann kommen sie einem mit diesem inquisitorischen, jürgenfliegemäßigen Angrapschjournalismus, der einen schon vom bloßen Zusehen peinlich berührt. "Was fühlt man in so einem Moment?" - "Wie gehen Sie jetzt damit um?" - "Bewegt einen so was?" - "Warum hatten Sie eigentlich keine Tränen in den Augen, als die Nationalhymne gespielt wurde?" Ich fand so etwas schon immer aufdringlich und mochte noch nie in der Pelle eines dergestalt Bedrängten stecken.

Wenn eine verzweifelte Trauernde bei Jürgen Domian in der Sendung anruft und das Gespräch mit ihm und die psychologische Betreuung danach ihr ein wenig geholfen haben, dann gibt es dagegen nichts, aber auch gar nichts einzuwenden. Dagegen, das dann als 'bewegenden Moment' über den Marktplatz zu schleifen, schon eher. Mag so ein Zinnober meinetwegen noch angehen, wenn etwa eine adlige oder sonstwie berühmte Person irgendwo irgendwen heiratet, bekommt das bei tragischen Anlässen schnell einen fiesen Beigeschmack von Leichenfledderei. Erst recht, weil der deutsche Journalismus inzwischen so durchboulevardisiert ist, dass man längst auch bei Blättern, die so was früher nicht mal mit spitzen Fingern angefasst hätten, auch nicht mehr sicher ist vor öliger Menschelei.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch andere ihren Sprechdurchfall nicht halten konnten. Zugegeben, auch ich bin kein Heiliger, was das angeht. Habe selbst schon dumme und makabre Witze gerissen über schlimme Vorkommnisse, um irgendwie damit umzugehen, mich zu schützen. Allerdings im privaten Kreise. Denn ich stamme aus der Zeit vor Web 2.0, Social Media und vor allem Post Privacy.





Kommentare :

  1. Ich muss zugeben, dass mich dieser schreckliche Absturz wirklich mitgenommen hat. Ich bin eigentlich gar nicht so, aber als ich von dieser Tragödie gehört habe, habe ich richtige Bauchschmerzen bekommen. Vielleicht weil ich selber schon öfters mit Germanwings geflogen bin, vielleicht weil ich nicht weit von Düsseldorf und Haltern wohne. Vielleicht, weil es auch mir und meinen Verwandten hätte passieren können. Vor allem, wenn man das glaubt, was heute geschrieben wurde (der Co-Pilot hat demnach den Sturzflug eingeleitet).

    Es ist eine Riesenkatastrophe und die Opfer und ihre Familien und Freunde tun mir unheimlich leid. Natürlich ist dabei der Medienwirbel nicht angemessen. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass eins von meinen Familienmitgliedern im Flugzeug gesessen hätte.

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  2. "Unter den Opfern auch Deutsche" ist deshalb eine so beliebte Medien-Floskel, die bei Katastrophen und Unfällen immer wieder ausgepackt wird (selbst wenn bei 500 Toten, nur 10 tote Deutsche darunter wären), um die Leser anzusprechen. Sie in ihrer Form als "Mitbürger" zu involvieren. Das Appellieren an das nationale Bewusstsein erzeugt nach wie vor ein völkisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Datüber hinaus lernen das alle Journalisten brav in ihren Journalistenschulen und Volontariaten.

    Das ist auch mit der Grund dafür, warum wir von manchen Flecken der Erde in den bürgerlichen Massenmedien so gut wie nie etwas erfahren. Wir leben zwar in einer globalisierten Welt, sind in der Mentalität und im Habitus all zu häufig noch kleinkariert und provinzialisch verhaftet. Wir wissen zwar, dass kleine Kinderhände unsere Schuhe und T-Shirts machen, aber da das ja am anderen Ende der Welt passiert, geht uns das im Grunde nichts an. Ist uns letztlich auch egal. Es sind ja keine Deutsche.

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    1. Die ersten schreiben übrigens schon griffigerweise über die 'Tragödie von Haltern'. Hallo? Natürlich ist es übel, dass da 16 Jugendliche aus Haltern am See ums Leben gekommen sind, aber es waren noch knapp 140 weitere an Bord. Zählen die nicht? Wäre ich zynisch, würde ich sagen, vor weinende Schulmädchen vor Kerzenmeeren geben nun einmal gute Bilder...
      @MT: Das bedaure ich natürlich.

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  3. Die erpresserische Weinerlichkeit , mit der von Anfang an berichtet wurde , erinnert stark an die Berichterstattung nach Amokläufen , als wenn die versammelte Journaille gerochen hätte , in welche Richtung der Hase läuft.
    Vielleicht haben sie das wirklich , was immerhin eine Erklärung für die Vorgehensweise wäre , weit plausibler ist als der vorgeschobene Hauptgrund für die umfangreiche "Versorgung" , die Seltenheit deutscher Abstürze.

    Hier ist der (fliegende) Journalist plötzlich selber bedroht , und - das mag jetzt kalt klingen - es steckt ein Stück Gerechtigkeit darin , daß einmal mehr nur mit "Ratlosigkeit " und "Fassungslosigkeit" geantwortet werden konnte , nicht in Bezug auf Angehörige , sondern auf die Berichterstatter.
    Wenn ich nur noch inkompetente Flachpfeiffen nach oben lasse ,dann können die sich halt auch Dinge nicht erklären , von denen sie selber bedroht sein könnten , dumm gelaufen , das.

    Bemerkenswerte Ausnahmen allerdings abgesehen , ein Reporter der Tagesschau etwa wies drauf hin , daß auch hinter der Geschichte des Piloten eine krasse Tragödie stehen müsse , und in der "Phönix-Runde" und bei "Phönix-der Tag" kamen Leute zu Wort , die es nicht so dolle fanden , daß hier doch sehr schnell der Schluß eines erweiterten Suizids gezogen wurde , in Bedienung des öffentlichen Drucks und unter Mißachtung einer gründlicheren Auswertung.

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