Donnerstag, 2. April 2015

Chronist eines anderen Landes


So traurig es ist, dass der große Helmut Dietl in einem Alter gehen musste, das heute eigentlich kaum noch eines ist, so ist die Nachricht von seinem Tod auch eine Erinnerung daran, wie anders dieses Land einmal tickte, damals in den Achtzigern, als München so etwas wie die heimliche Hauptstadt war. Mochte Hamburg das Tor zur Welt sein, in Frankfurt die Finanzen erledigt und von Bonn aus regiert werden, wer kulturell und in puncto Lebensart etwas zu sein begehrte, kam, anders als heute, um München eigentlich nicht herum, trotz schon damals legendärer Wuchermieten.

Wenn es jemals so was wie eine deutsche Bohème gegeben hat, die den Namen verdient, dann um den Beginn des 20. Jahrhunderts und wieder ab den 1960ern in der Bayernmetropole. Natürlich gab es auch woanders kreative Flaneure, Tagediebe und Durchgeknallte, zum Beispiel in West-Berlin. Und sicher gab es in München schon damals eine Menge neureiches Geprotze zu ertragen, wie es der FC Bayern noch heute gern demonstriert. Doch herrschte dort auch immer leben und leben lassen, jener Tick an Schluffigkeit und Gelassenheit, wie sie vornehmlich in katholisch geprägten Gegenden anzutreffen ist und die dem protestantisch-schmallippigen Berlin, in das heute alles strömt, immer noch abgeht.

Nördlichste Stadt Italiens wird München manchmal auch genannt. Dass München tatsächlich ein wenig leuchtete in jenen grauen Jahren, war auch Helmut Dietls Verdienst, denn Figuren wie der Monaco Franze und Baby Schimmerlos, die man - a Hund is' er scho', heißt es schwer übersetzbar im Bayerischen - bei aller Verwerflichkeit ihres Handelns immer auch ein wenig lieb haben musste, wären woanders nicht denkbar gewesen. Ganz nebenbei führte er auch vor, wie die Bundesrepublik der Achtziger funktionierte.

Im Prinzip nicht viel anders als heute, klar. Früher war nämlich nie alles besser, sondern genauso scheiße, nur eben anders. Und wer hartnäckig das Gegenteil behauptet, sich in ein idealisiertes Damals hineinsteigert, handelt meist hoch selektiv und macht vor allem gewaltig was vor. Natürlich gab es im Verhältnis mehr besser bezahlte Jobs und die Sozialleistungen waren großzügiger. Es gab kein Internet, keine Handys oder Smartphones. Ein entschleunigteres Leben, sicher, doch hatte es auch etwas von einem Tanz auf dem Vulkan. Nicht wenige befürchteten angesichts des grotesken atomaren Wettrüstens der Supermächte nicht völlig zu Unrecht, uns allen könnte jederzeit die Stunde schlagen. Nostalgie?

Das bringt mich - Exkurs jetzt - sehr schön zu meinen speziellen Freunden, nämlich jenen, die  wegen der ihrer Ansicht nach mangelnden Schulbildung unserer Kinder andauernd den Untergang des Abendlandes heraufdämmern sehen und sich daher berufen fühlen, offene Brandbriefe in entsprechendem Tonfall zu schreiben. Momentan haben sie's wieder mal mit dem Kulturverfall mangels Handschrift. Die Kinder lernen einfach keine ordentliche Schrift mehr und daher geht's echt bergab, heißt es.

Dazu ließe sich eine Menge sagen. Zum Beispiel, dass die Fähigkeit, einigermaßen leserlich per Hand zu schreiben, in den letzten Jahrzehnten einfach stetig an Bedeutung verloren hat. Oder dass eine saubere Kinderhandschrift nichts aussagen muss über das, was der Betreffende Jahrzehnte später als Erwachsener zu Papier bringt. Gerade das enorme Mitschreibpensum vieler Studiengänge hat nicht nur meine ursprünglich einigermaßen leidliche Handschrift nach und nach in eine schwer entzifferbare Sauklaue verwandelt. Was den als Argument vorgebrachten Nutzen einer ordentlichen Schrift für die Entwicklung des kindlichen Denkvermögens angeht, dazu kann ich nichts sagen. Kann man drüber reden. Müsste man mal mit seriösen Studien untersuchen, so nicht schon geschehen.

Es ist jedoch Vorsicht geboten mit diesem bildungsbürgerlichen Dünkel, von wegen, die Schrift sei auch eine Art Spiegel des Innenlebens. Wenn das nämlich so sein sollte, dann möchte ich zum Beispiel lieber nicht wissen, was in vielen Ärzte so vorgeht. Keine Ahnung, ob das noch heute so ist, aber im Rahmen meines Zivildienstes im Krankenhaus bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es zu den unbedingte Voraussetzung für die Aufnahme eines Medizinstudiums gehört, so zu schreiben, dass es sich garantiert nur einem kleinen Kreis Eingeweihter erschließt.

Vermutlich war man deswegen auch dazu übergegangen, Studienplätze nach einem Multiple-Choice-Test zu vergeben und hatte auch die Prüfungen an der Uni darauf umgestellt. Anders gesagt: Wer sich mokiert über das schlumpige Geschreibsel der Jugend von heute, hat definitiv noch nie eine Krankenakte gesehen, in die unser damaliger Chefarzt etwas hineingekrakelt hat. Jede Wette, in der Ausbildung von Pflegepersonals sowie von Pharmazeuten, PTAs, MTAs etc. war ein Pflichtkurs in Ägyptologie vorgesehen. Tastaturschreiben kann eine Gnade sein! Verzeihung, ich schwoff ab, zurück zu Helmut Dietl.

Wie dem auch sei, mehr Charme schien's mir schon zu haben damals, so alles in allem. Oder Dietl war einfach verdammt gut darin, uns das noch heute weiszumachen. Weil seine Geschichten, seine Figuren zwar unverkennbar münchnerisch waren, jedoch zeitlos und nie platte Folklore. Werfen wir ihm also im Geiste dankbar eine Schachtel Gitanes ins Grab hinterher, auch wenn er schon seit ein paar Jahren nicht mehr rauchte. Denn a bissel was geht immer.


Kommentare :

  1. Moin Stefan

    Ich bilde mir ein, das auch zu kennen, diese Nostalgie. Und eigentlich möchte ich eine Lanze für sie brechen, denn etwas fehlt da bei Dir, oder ist vielleicht eine unterschiedliche Wahrnehmung.
    In der meinen gibt es jedenfalls einen gravierenden Unterschied der Grundlagen dieser Wahrnehmung bezogen auf die siebziger und achtziger Jahre und dem Heute. Diese Grundlage ist schlicht mit der Existenz des damaligen Ostblocks verknüpft, auch der Existenz des »anderen Deutschlands«. Es ist die Existenz einer grundsätzlichen Alternative, die jede Idee, jede Handlung und jede Behauptung grundsätzlich auf den Prüfstand stellt. Die damals bestehende Konkurrenzsituation zwischen den Systemen war eine andere Grundlage dafür, Ausschau nach Alternativen im Kapitalismus zu halten, ihn auch nur in Frage zu stellen oder gar innerhalb des Systems positiv zu verändern.
    Man wollte unbedingt das »bessere« System sein und damit gestaltet sich ein vollkommen anderes Umfeld, in dem Diskussionen und Lebensentwürfe stattfinden. Kurz gesagt: Dafür gab es einfach mehr Platz.

    Da funktioniert auch ein Dietl anders, ein Dieter Hildebrand oder ein Hannes Wader. Selbst ein Franz-Josef Strauss. Dieses »[...] genauso scheiße, nur eben anders.« macht da schon einen gewaltigen Unterschied. Es war ja nicht nur die militärische Situation, die das Gesicht des Westens prägte. Auch, aber nicht ausschließlich. Da gab es im Gefolge die 68er, die Aussteiger, Hippies, Grüne (damals noch grün und die braunen Flecken waren noch Thema) und was da noch herumkreuchte.
    Das ist etwas, was in den Gesprächen mit meinen mehr oder weniger erwachsenen Kindern immer mehr Raum einnimmt: Wo sind diese – wenn vielleicht auch nur denkbaren – Alternativen? Ein Scheitern würden sie ja noch in Kauf nehmen; es wäre ihnen diese Erfahrung wert. Aber ein Ausstieg aus »der Gesellschaft« hieß damals noch nicht Hartz IV, sondern hatte andere Namen, mit denen sich wenigstens für einige etwas durchaus positives verbinden konnte. Hartz IV in den 70er Jahren? Undenkbar! Was hätte der politische Gegner darüber gelacht!

    Und das macht dann schon einen gewaltigen Unterschied, der mit dem Wort Nostalgie falsch beschrieben ist. Für mich ist das Wegbrechen von Leuchttürmen wie Dietl oder Hildebrand deswegen so dramatisch, weil im Grunde jedem klar ist, daß sie in dieser Form keine Nachfolger haben werden. Es fehlt das gesellschaftliche Umfeld, es fehlt eben auch das Umfeld für das, was man als Bohème beschreibt. Eine Bohème kann nur mit dem Hintergrund einer Alternative existieren – nicht in einer Welt, in der sich ein einziges System alternativlos zu Tode gesiegt hat.

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    1. Nun, das ist in der Tat ein wichtiger Punkt, den ich möglicherweise nur gestreift habe. Natürlich war die Existenz einer Alternative (und die heutige Unfähigkeit in welchen zu denken) prägend. Trotzdem wird mir immer ein wenig blümerant, wenn zu sehr idealisiert wird, denn damals gab es neben vielem sicher besseren auch eine große Enge und Festgefahrenheit, weil die Kriegsgeneration teilweise noch am Ruder war. Was deine Einschätzung angeht, für Leuchttürme wie Dietl und Hildebrandt gäbe es nicht wirklich Nachfolger, so muss ich dir (leider) vollumfänglich Recht geben. Vielleicht ist das mit dem früher und heute aber auch eine ziemliche Selbsttäuschung - da gibt es dieses interessante Interview mit Robert Pfaller, das mir da untergekommen ist und das ich empfehle.

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