Samstag, 18. April 2015

Diese fatale Distanz


Rückblickend kann ich das gut verstehen. Meine selige Oma wusste, was Hunger ist, hatte sie doch eine Familie mit zwei Kindern durch die schwierigen Nachkriegsjahre bringen müssen. So was prägt. Möglich, dass bei ihr Erinnerungen hochkamen, als in den Sechzigern zum ersten Mal Bilder von Hungerkatastrophen in Afrika durch die Medien gingen. Seinen Teller leer zu essen oder nicht, das hatte für sie eine völlig andere Relevanz als für uns Wohlstandskinder. Wenn ich den Rest von Omas portlandzementiger Erbsensuppe ums Verrecken nicht mehr herunterbrachte, weil sich langsam Brechreiz ankündigte und sie mit empörten Unterton sagte: "Und in Afrika hungern die Kinder!", dann war das todernst gemeint, weil wohl am eigenen Leibe erlebt.

Weil ich mit dieser Erfahrung nicht allein dastand, wurde "Und in Afrika hungern die Kinder!" neben "Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier!" unter uns Enkeln der Kriegsgeneration zu einer Art ironischem Standard. Nicht zuletzt, weil die Kirchen dieses Motto moralinsauer und mit erhobenem Zeigefinger aufgegriffen haben. So hieß es eine Zeitlang immer: "Und in Afrika hungern die Kinder!", wenn vom Essen etwas übrig geblieben war und entsorgt wurde. Auch mal Essen wegwerfen, anstatt immer alles bis zum letzten Krümel aufzufuttern, das macht nämlich dick. Der Krieg war schließlich vorbei, Essen war etwas Selbstverständliches geworden, das man lieber weniger als mehr tat. Ihm großartige Wertschätzung entgegenzubringen, wie noch unsere Großeltern, schien so gestrig. Distanz, räumlich wie zeitlich, stumpft eben ab.

Heute hungern die Kinder nämlich nicht mehr nur massenhaft in Afrika, sondern machen sich gleich auf den Weg zu uns - und ersaufen dabei zu Tausenden im Mittelmeer. 500 waren es dieses Jahr schon, im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres waren es noch 15. Für die 150 Toten des Germanwings-Fluges Nr. 9525 wurde ein großer, live übertragener Trauergottesdienst im Kölner Dom abgehalten, bei dem die gesamte Politprominenz vertreten war und die Trauer der Menschen in gesetzte und, wie es allgemein heißt, angemessene Worte gekleidet wurde. Sind die Toten, derer in Köln gedacht wurde, ist die Trauer der Hinterbliebenen am Ende mehr wert als afrikanische Tote und die Trauer derer Hinterbliebenen?

Sicher nicht. Distanz, nicht Kälte oder gar Unmenschlichkeit lässt uns mehrheitlich so nonchalant wegschauen. Fatal ist sie trotzdem. Die Frage ist doch, wie lange wir uns diese Distanz noch leisten können. Wir können weiterhin die Achseln zucken und meinen, die sollen halt erst mal in ihren Ländern für Ordnung sorgen, das ginge uns hier alles nichts an. Aber wir können weggucken wie wir wollen, wir können uns abschotten wie wir wollen, das geht nicht mehr weg, das erledigt sich nicht irgendwann von selbst. Es ist eine historische Konstante: Wenn die Ungleichheit zu groß wird, machen die Menschen sich auf den Weg, sich ihren Teil vom Kuchen zu holen, ob einem das passt oder nicht. 

Natürlich will ich keinem Trauernden seine Trauer schlechtreden oder gar nehmen. Genauso wäre die Erwartung maßlos, jeden Toten gleich zu beweinen. So wie ich auch nicht der Meinung bin, wir Europäer müssten die Probleme der ganzen Welt lösen. Niemand muss das Elend und die Probleme der ganzen Welt auf seine Schultern nehmen. Wir sollten sie aber ernst nehmen und endlich hinsehen, welchen Anteil wir Europäer als Teil des Westens an der Katastrophe haben, die sich Tag für Tag unter unseren Augen abspielt. Es ist kein kleiner, wie mein Kollege Bernhard Torsch zusammenfasst.

"Das Mordhandwerk Europas beschränkt sich nicht nur auf das Ertränken von Bootsflüchtlingen. Es setzt schon viel früher an, denn Europa ist vielfach ursächlich schuld daran, dass Menschen in Massen aus ihrer Heimat fliehen, weil die Zustände dort so dermaßen elend, gefährlich und hoffnungslos sind, dass selbst das sehr wohl allgemein bekannte Risiko einer Flucht auf den Todesbooten dagegen wie eine Verheißung wirkt. In den vergangenen 20 Jahren haben europäische Mächte und die USA (und jüngst auch China und Russland) in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten einen Konflikt nach dem anderen angeheizt, haben Regierungen gestürzt und Rebellengruppen unterstützt. Das ist an sich noch nicht einmal falsch, aber man hat sich jedes einzelne Mal aus der Verantwortung gestohlen statt welche zu übernehmen. Nehmen wir das Beispiel Libyen. Gaddafi zu stürzen war durchaus moralisch vertretbar. Das Land danach sich selbst zu überlassen war es nicht. Man kann doch nicht einfach eine Regierung, und sei die noch so despotisch, verjagen und dann das entstehende Machtvakuum achselzuckend ignorieren. Wer Bomben schmeißt, muss auch mit Fußsoldaten rein, und zwar mit so vielen, dass die die Sicherheit im Land garantieren können und einen demokratischen Übergang ermöglichen. Das hat Europa nicht gemacht, das haben auch die USA in Afghanistan und im Irak nicht wirklich gemacht. Alles, was der Westen tat, war Bürgerkriegsschlachtfelder zu eröffnen. Und in Syrien, das zum furchtbarsten Schlachthaus der neueren Geschichte wurde, hat das Rumeiern der westlichen Mächte für einen 15-Fronten-Bürgerkrieg gesorgt, der hunderttausende Tote und Millionen Flüchtlinge produziert."

Nein, ich habe auch keine Lösungen, noch nicht mal konstruktive Vorschläge. Eines aber weiß ich sehr gut: Lösungen oder auch nur Ansätze dazu wird es niemals geben, wenn sich unser Bewusstsein nicht wandelt und wir weiter glauben, auf einer Insel der Seligen und des wohl verdienten, selbst erarbeiteten Wohlstands zu leben, uns weiterhin jeglicher Verantwortung mittels Mauern und Zäunen entziehen zu können und unser Gewissen mit dämlichen, rassistischen Zuschreibungen und Einmauern beruhigen zu können.

Es gab Zeiten, in denen es so aussah, als sei diese verfluchte Menschheit auf einem guten Weg. 1984, mitten im Kalten Krieg, kam es in Äthiopien zu einer verheerenden Hungersnot, deren schockierende Bilder damals um die Welt gingen. Prominente wie Bob Geldof und Karlheinz Böhm standen damals auf und riefen Hilfsprojekte ins Leben. Es wurden Millionen gespendet, vor allem aber machten die empörten Menschen in Europa und Nordamerika Druck auf die Regierungen. Das führte zum ersten blockübergreifenden Hilfseinsatz, bei dem Organisationen und Armeen aus Ost und West Hand in Hand arbeiteten. Ein jeder möge sich ausrechnen, wie realistisch ein solches Szenario heute wäre.

Vor allem Geldof ist hernach viel kritisiert, teils verspottet worden, die Effektivität seiner Programme angezweifelt. Unter anderem wurde ihm unterstellt, sich mittels des Elends der Menschen bereichern und in den Vordergrund spielen zu wollen und anderes mehr. Keine Ahnung, was an den Vorwürfen im einzelnen dran ist, ich will Geldof, Bono und Co. weiß Gott nicht heiligsprechen. Ihre Initiativen aber retteten nicht nur Menschenleben, sondern gaben auch den Anstoß für andere, die dies effektiver taten. Vielleicht sollte dieser Beitrag daher enden wie er begonnen hat, mit einer kleinen Anekdote:

Ray Manzarek, der völlig zu Unrecht verstorbene Keyboarder der Doors, saß Ende der Achtziger angeblich einmal bei einer Podiumsdiskussion, bei der ein Student ihm vorwarf, er und seinesgleichen seien doch bloß naive Weltverbesserer, die auf ganzer Linie gescheitert seien. Daraufhin soll der brillante Kopf und große Musiker den dösigen Ichling mit den folgenden Worten angepflaumt haben: "Kann schon sein, aber wir haben es wenigstens mal versucht, ihr Nullen!" - Bewusstsein ist eben alles.



Kommentare :

  1. Irak, Libyen, Afghanistan, Syrien - hier fliehen Millionen Richtung Europa. Und warum? Weil wir diese Länder in die Steinzeit gebombt haben. Bernhard Torsch hat völlig Recht.

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  2. Der dunkle Fleck ist vielleicht der , daß die Afrikaner uns kein Stück weit besser behandeln würden als wir sie , wenn sie selber jahrhundertelang die Welt beherrscht hätten.
    Leider ist er so , der Mensch , immer mit der Neigung , Schwächen brutal auszunutzen , die Perspektive zur Verbesserung beteht nicht in Kategorien des bösen Westens und guter Unterdrückter , sondern in der weltweiten Überwindung der Logik der Unterdrückung derer , die die Chance dazu unfreiweillig bieten.

    Ansätze dazu gibt es , wenn auch im Schneckentempo , heute ist es schon zum Automatismus geworden , bei Katastrophen internationale Hilfe zu leitsen , selbst unwillige Regime können sich dem kaum noch entziehen , vor hundert Jahren noch undenkbar.

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