Sonntag, 26. April 2015

Dürfen die das?


1. Ja natürlich, was soll diese Frage überhaupt?

Wie zu erwarten war, widmet die 'Titanic' sich in ihrer aktuellen Ausgabe dem recht diskutablen medialen Umgang mit jenem unseligen Germanwings-Flug (Screenshots 1,2,3), und schon sind sie schockiert: Um Himmels Willen, dürfen die das denn? Satire hat doch auch Grenzen! Was soll das? Ich verstehe das nicht. Es ist, wenn ich mich nicht irre, erst ein paar Wochen her, da hielt man dem Moslem noch hochfahrende Vorträge darüber, dass er gefälligst stickum zu sein habe angesichts von Witzzeichnungen. Er habe damit klarzukommen, dass Satire in westlichen Ländern nun einmal grundsätzlich alles dürfe, was eben auch Witze über Religion mit einschlösse.

Wie nennt man das noch gleich, wenn man dem einem was verbieten will, was man dem anderen erlaubt? Da gibt es doch diesen Fachbegriff für, wie hieß der doch gleich? Ah, jetzt hab' ich's - Doppelmoral!

Übrigens heben auch die Schockierten vom 'Focus' ausdrücklich hervor, dass die 'Titanic' sich nicht etwa über die Katastrophe selbst lustig macht, sondern über die Berichterstattung darüber. Ah, verstehe, das geht natürlich gar nicht. Witze über die Toten und die Hinterbliebenen wären ja noch in Ordnung gewesen, weil Satire schließlich alles darf, aber einfach so die Arbeit deutscher QualitätsmedienTM verhohnepiepeln, da hört sich der Spaß mal auf.


2. Absolut nicht, aber das werden die, die es angeht, eh nicht verstehen

Selbstverständlich kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass wirklich niemand die Absicht hatte, Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück zu demütigen oder zu kränken. Ist nur leider geschehen. Aus Dummheit, Kleinlichkeit, Instinktlosigkeit, Ignoranz, vor allem aber aus Mangel an Anstand, Taktgefühl, Gastfreundschaft und Sensibilität - alles Eigenschaften nebenbei, die den deutschen Herren- und Wichtigmenschen auszeichnen.

Der hält sich ja gern für etwas Besseres und reklamiert dreist Vorzugsbehandlung für sich und die seinen. Weil er vom Volke auf Zeit in ein Amt gewählt wurde, sich ein Pöstchen hat zuschanzen lassen, einer bestimmten Familie entstammt oder irgendwie zu Geld gekommen ist. Leistungsgesellschaft eben. Wird er dafür von Menschen, die nicht über die oben genannten Eigenschaften verfügen, dafür aber über Anstand, völlig zu recht an die Laterne gewünscht, dann wird er richtig frech und quargelt über den linksgrün versifften, gleichmacherischen, neidzerfressenen, quasi kommunistischen Mainstream herum, mit dem doch nun endlich einmal Schluss sein müsse oder auch mal darüber, wie sehr man hierzulande das Dienen verlernt habe.

Zurück zum Thema. Was ist passiert? Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Ravensbrück war an der Gedenkstätte zu einem Festakt geladen worden. Unter den Gästen befanden sich knapp 90 Überlebende aus mehreren Ländern und eine Handvoll Ehrengäste, darunter der brandenburgische Ministerpräsident Woidke (SPD), Daniela Schadt, Lebenspartnerin des momentan in Bellevue residierenden Schlossgespenstes, und Anna Komorowska, die Gattin des polnischen Präsidenten.

Im Anschluss an den offiziellen Teil wurde noch zu einem Imbiss gebeten. In einem Zelt übrigens, das zynischerweise 'Zelt der Begegnung' hieß. Dort war für die VIPs, also nicht die Überlebenden, an drei Tischen mit Glas und Porzellan eingedeckt worden und sie wurden von Kellnern bedient. Die Überlebenden bekamen Essenmarken in die Hand gedrückt und mussten mit Plastikbesteck und -geschirr vorlieb nehmen. Natürlich mussten sie sich ihr Essen selbst holen, wobei ihnen ehrenamtliche Helfer zur Seite standen. (Hannah Rainer und Jakob Wischniowski, zweien der Helfer, ist es übrigens zu verdanken, dass diese Unverschämtheit publik wurde.) Außerdem soll zwischendurch das koschere Essen ausgegangen sein.

Als ein jüdischer Helfer, der eine Kippa trug, sich bei der Leiterin der Gedenkstätte darüber beschwerte, soll diese ihn abblitzen lassen haben. Tja, selbst schuld! Was bildet dieser Judenbengel sich auch ein? Ich meine, da sehen wir als Deutsche, die ja auch Opfer waren ein Stück weit, großzügigerweise darüber hinweg, dass diese internationalen Finanzverbrecher uns andauernd einen Schuldkomplex an die Backe pappen wollen und rumnerven wegen dieses kleinen Betriebsunfalls damals, der auch schon wieder ewig her ist, und dann stellen sie hier noch freche Forderungen, anstatt auch mal dankbar zu sein.

Verzeihung, was ist das für eine Geisterbahn? Selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was so zu lesen ist und der Rest bloß auf Missverständnissen beruht, müsste man diese Veranstaltung so und nicht anders nennen. Und? Hat, was das Mindeste wäre, irgendwer unter den Verantwortlichen jetzt vielleicht Konsequenzen zu fürchten? Um Himmels Willen! Denn es war doch alles keine Absicht. Iwo denn? Was dann folgte, war fast noch schlimmer: Die genervten, unsäglichen, kleinlichen Rechtfertigungen derjenigen, die das angerichtet haben und für sich in Anspruch nehmen, alles richtig gemacht zu haben.

So ließ Horst Seferenz, Pressesprecher der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten, verlauten, man könne zwar verstehen, dass da eventuell ein falscher Eindruck entstanden sei, doch habe es sich bei der Veranstaltung schließlich nur um einen kleinen Imbiss gehandelt. Am Abend habe es noch ein Festbankett gegeben, bei dem selbstverständlich alle gleich behandelt und bedient worden seien. Man habe zudem auf gewisse Protokollwünsche reagieren müssen. Aus dem Präsidialamt heißt es, man habe lediglich darum gebeten, für Frau Schadt und andere protokollarische Gäste einen Tisch zu reservieren. Soso, aha. Wenn es also nur ein kleiner Imbiss war, wieso wurden dann die VIPs dann nicht auch so behandelt? Es ist komisch, aber auf dem Planeten, auf dem ich lebe, zeichnet sich ein Imbiss durch eine gewisse Formlosigkeit aus, die für alle gleichermaßen gilt, sogar auf der Gartenparty der Königin von England (wo es übrigens völlig undenkbar wäre, auch nur einem geladenen Gast Tee im Pappbecher vorzusetzen).

Ferner verwies Seferenz darauf, dass man sich lediglich an das bei solchen Gelegenheiten übliche Vorgehen gehalten habe. Zudem hätte es sehr wohl auch Gäste gegeben, die sich lobend über den Ablauf und die Organisation der Veranstaltung geäußert hätten. Oh ja, die Nummer liebe ich besonders. Bekommt man schon mal von Service-Hotlines zu hören, die einen für dumm verkaufen wollen, wenn man sich über ein schrottreifes Produkt beschwert. Da heißt es auch immer, man könne die Unzufriedenheit überhaupt nicht verstehen, gäbe es doch Millionen rundum zufriedener Kunden. Fiel seitens Seferenz et al. auch nur ein Wort des Bedauerns, was dann auf so etwas wie eine menschliche Regung schließen ließe? Davon ist nichts zu erfahren. Es ist alles so unsagbar peinlich!

Man fragt sich, was eigentlich vorgeht in den Hirnen von Karteikastenköpfen und Krämerseelen, die es offenbar übertrieben und überflüssig finden, für Menschen, denen Schlimmstes angetan wurde und die größtenteils schon sehr gebrechlich sind, lächerliche 90 Gedecke und ein paar Kellner vorzuhalten, ja überhaupt auf die Idee zu kommen, gerade diese Menschen anders als fürstlich zu bewirten und bei den Kosten - jede Hochzeitsfeier auf dem Dorf ist teurer - nicht mal Fünfe gerade sein zu lassen. Geht man so mit Gästen um? In einem Land, in dem man in einer Tour mit seiner dicken Brieftasche angibt? In einem Bundesland, auf dessen Territorium die teuerste Investitionsruine aller Zeiten vor sich hingammelt? War da niemand, der im Vorfeld mal gesagt hat: Stopp, Leute, das geht so nicht, das können wir so nicht machen?

Apropos Gäste: Wie halten diese Verantwortlichen das eigentlich bei sich zu Hause, wenn sie Gäste haben? Dinieren da die VIPs auch von Porzellan, während der bucklige Rest aus dem Plastiknapf zu futtern hat? Dann ist das natürlich mein Fehler, weil ich mich mit dem Gepflogenheiten in diesen Kreisen einfach nicht auskenne und ich will selbstredend nichts gesagt haben, außer: Ich schäme mich, Deutscher zu sein.


Kommentare :

  1. kevin_sondermueller26. April 2015 um 12:09

    Sie hätten eben so gut Blechnäpfe für die Katzentischgäste verwenden können, dieser widerliche Herrenabschaum. Wäre doch mal eine Geste von einiger Größe
    gewesen, wenn die Überlebenden von Luxusgedecken bewirtet worden wären und die Promis sich mit Wegwerfgeschirr beschieden hätten. Aber kann man von Gauck und Co. Größe erwarten?

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    1. Es wäre ja schon tröstlich gewesen, wenn einer der VIPs (es saßen übrigens auch einige Vertreter der Überlebenden mit an den Tischen) aufgestanden wäre, selbst zum Plastikteller gegriffen und sich unter die anderen gemischt hätte.

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  2. Unfreiwillig ehrlich und ein Spiegel des jahrzehntelangen Umgangs mit NS-Opfern.
    Das braucht er halt , der Herrenmensch , der sich nie über das definiert , was er positiv zu bieten hat ( über geeignete Eigenschaften verfügen die Deutschen durchaus ) , sondern immer nur über die Zahl derer , die er unter sich wähnt.

    Allerdings handelt es sich heute nur noch um ein Herrenmenschlein , einen müden Abklatsch jener großen Tage , nix mehr mit perfekt organisiertem Massenpogrom , nur noch ein bißchen Besser-Esser- Attitüde . Der Führer dreht sich im Grabe rum , bis Moskau kommt man mit diesen Leuten nicht mehr.

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