Freitag, 24. April 2015

Schlimmer geht immer


Wenn jemand einen Hals kriegt bei billigen Wortspielen, vor allem in der Werbung, dann bin ich sofort dabei. Hege doch auch ich eine tiefsitzende Abneigung gegen diese fast immer mit Kuhfuß und Presslufthammer verzweifelt auf lustig ziselierten Kindereien. "Bill ich? Will ich! Harr harr harr!" Clown gefrühstückt, oder was? Dafür kriegen die auch noch Geld! Und zwar nicht wenig! Wer aber die Kampagne um diesen französischen Kaktus auf Rädern schon für die Höchststrafe in Puncto Brechstangenhumor hält, hat sich definitiv noch nicht mit der Werbekampagne dieses Essen-auf-Räder-Akkumulierers befasst. Wobei - letzteres ist eigentlich kaum vorstellbar. Zumindest wenn ich mir anschaue, in welcher Dichte das in meinem Sprengel so plakatiert wird.

Nun will ich ja, wie eigentlich immer, fair sein. Und differenzieren natürlich. Kein anderes Werkzeug ist in entsprechender Stimmung so verführerisch, nutzt sich aber auch so schnell ab wie der Vorschlaghammer. Wie beim 6:1 des von mir alles andere als geliebten FC Bayern München am Dienstagabend gegen Porto, weiß ich eine gute Leistung zu schätzen und finde, so was gehört auch, wenn schon nicht bejubelt, so aber doch entsprechend gewürdigt. Daher sollte man auch jene Werbemittel lobend erwähnen, die dem möglicherweise selbstgesteckten Anspruch ihrer Macher gerecht werden, wirklich von Kreativität zeugen und zumindest bei mir - klar, immer auch Geschmackssache - durchaus unter die Kategorie 'witzig' fallen (ich verlinke hier nur und stelle nicht ein, weil ich nicht weiß wie abmahnungsfreudig die Essenkarrer so sind; außerdem ist das besser für die Augen):

Die Halle kocht
Immer Pferd ist auch doof
Ja, auch nicht übel

Das wäre es aber auch im wesentlichen. Ab jetzt wird es untergriffiger:

Subtile Variation von Mörder-Gags wie 'Lang tsu!' (Del Textel schien aa nicht ganz flisch gewesen zu sein)
Fällt so was nicht unter Blasphemie?
Dönerdeutsch auf indisch
Ey, hassu misch gerade Spaner genannt oder was?
Wasabi da nur auf einmal für Schmerzen? (Muss daran liegen, dass sie sich den mit Uschi mal wieder nicht verkneifen konnten)

Das war aber noch nicht das Kellergeschoss des Lieferando-Spaßes. Der ist erreicht, wenn hölzerne Wortspiele mit schwiemelig-verkrampftem Unterleibshumor gepaart werden. Spätestens wenn einer so was "Voll lustig" oder "voll witzig" findet, sollten die Alarmglocken angehen. Natürlich fehlen mir empirische Belege, aber es ist mir das eine oder andere Mal schon aufgefallen, dass Leute, die noch in deutlich postpubertären Alter Sachen "voll lustig" bzw. "voll witzig" finden, sich meist auch über Online-Videos kaputtlachen können, in denen Menschen Schmerzen erleiden, Frauen aufs Maul kriegen oder Tiere misshandelt werden. Sogar nüchtern.

Wenn sie nicht ihre Kollegen per Rundmail mit "voll witzigen" Sachen behelligen, die sie auf lustich.de und anderswo aufgetrieben haben. Oder einem von Mario Barth vorschwärmen und damit angeben, wie teuer die Karten waren. Allerspätestens da ist dann der Punkt erreicht, an dem ich das Gespräch abwürge und sehe, dass ich, soweit möglich, Land gewinne. Aber wohnen sie mal gegenüber einer Plakatwand, auf der seit Wochen Klopper wie diese pappen:

Wer das lustig findet, sollte sich das mit dem Vermehren vielleicht noch mal überlegen (Kenn' se eigentlich den schon? Jetzt neu: Sperma light - macht schwanger, aber nicht dick. Bruhahahahaha!!! Hammer, ne? Schwanger, aber nicht dick! Verstanden? Geil, ne?)
Für hoffnungslose Romantiker
Oder die etwas direktere Ansprache (Nudel, hihi!)

Sex sells eben. Harr, harr, harr! Nein, sells nicht, sondern nervs! Ich empfinde es zunehmend als Beleidigung, als Mann von gewissen Werbern offenbar grundsätzlich für einen schwanzgesteuerten Homo erectus gehalten zu werden, dem man nur irgendwas mit fickificki ins Gesicht klatschen muss, um ihn zum reflexhaften Zücken der Brieftasche zu bewegen.

So viel dazu. Und? Was will der Autor uns damit nun sagen? Also. Hmpf. Ja. Moral von der Geschicht: Es geht eben immer noch schlimmer als bill ich. Zugegeben, nicht eben tiefgründig. Aber ich konnte einfach nicht mehr anders. Seit Wochen kleistern sie die ganze Stadt mit ihren Flachwitzen zu. Irgendwann geht es halt nicht mehr. Irgendwann muss es raus oder man läuft Gefahr, sich eigenhändig mittels glühender Eisen des Augenlichts berauben zu wollen.

Wer übrigens immer noch nicht glaubt, das es immer noch schlimmer geht, möge auf eigene Gefahr bitte hier klicken. Glücklicherweise scheint das auf Berlin beschränkt zu sein. Branchenintern heißt das Elend übrigens 'Wortwitz'.



Kommentare :

  1. "Sex sells eben. Harr, harr, harr! Nein, sells nicht, sondern nervs! Ich empfinde es zunehmend als Beleidigung, als Mann von gewissen Werbern offenbar grundsätzlich für einen schwanzgesteuerten Homo erectus gehalten zu werden, dem man nur irgendwas mit fickificki ins Gesicht klatschen muss, um ihn zum reflexhaften Zücken der Brieftasche zu bewegen."

    Genau so ist es! Während bei der dümmlichen Sex-Werbung ständig von Sexismus und Frauenunterdrückung geschrien wird (wurde sie dazu gezwungen? Wieviel Geld hat sie fürs Ablichten eigentlich bekommen?) - ist es eben auch eine ziemliche Unterstellung und Beleidigung für die Männerwelt. Welches Männerbild herrscht denn da in den Köpfen? Das wir alle primitive Affen sind, denen man nur ein paar Titten ins Gesicht halten muss, damit ihr Hirn aussetzt und sie anfangen zu sabbern?

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    1. Hast völlig recht. Da sieht man sehr schön, dass Sexismus erstens immer noch überall ist, und dass er zweitens allen schadet bzw. niemandem gerecht wird. Deshalb ist man auch als Mann gut beraten, dagegenzuhalten.

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