Freitag, 1. Mai 2015

Generation Merkel oder: Fluch der Postmoderne


Wo alles gleich gültig ist, da ist alles gleichgültig.

Der Blogger Aidin Halimi Asl ist genervt von Aufrufen, er und seinesgleichen, vulgo: die junge Generation, solle mal den Arsch hochkriegen und richtig protestieren lernen: "Empört euch, posaunen die Wortführer! Protestiert richtig, schreien die Lehrmeister! Warum unsere Protestbewegungen keine Früchte tragen, fragen sich Kulturschaffende. Halbherzigkeit und Konzeptlosigkeit sind die Diagnosen." Der Ansatz ist mir durchaus sympathisch.

Wobei mir nostalgische Altachtundsechziger, die sich manchmal anhören wie Opa, der vom Krieg erzählt, weniger auf den Sack gehen. Schlimmer finde ich die von ihnen profitiert haben. Die eigentlich ihr ganzes Leben lang immer nur profitiert haben. Die sich, begünstigt auch von der weltpolitischen Lage, bequem im Windschatten der Achtundsechziger in den Siebzigern und Achtzigern in das gemachte Bett aus immer neuen Planstellen gelegt haben und nie wirklich um etwas kämpfen mussten im Leben, weil das immer andere für sie getan haben. Die nichts weiter tun mussten als dreißig, vierzig Jahre zur Arbeit zu gehen, die ihnen sicher war, um die sie weder bangen noch kämpfen mussten und die sie in der Regel nicht kaputt gemacht hat. Und die sich jetzt, als gut versorgte Rentner und Frührentner, von der Terrasse ihres Reihenhäuschens her über die unpolitische Jugend von heute mokieren.

Das ist natürlich Kokolores, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Weil es 'die Jugend' heute genau so wenig gibt wie es sie damals oder irgendwann mal als homogenen Block gegeben hat. Auch damals, 68, gingen die meisten brav zur Schule, zur Arbeit, in die Lehre und kannten den Protest ihrer Altersgenossen nur aus den Medien. Und weil es ein Irrtum ist zu glauben, Jugendliche seien heute unpolitischer als früher. Vor allem haben sie es viel, viel schwerer mit dem Aufbegehren. Weil die uns umgebende, absurde Quatsch- und Raffgierveranstaltung namens Kapitalismus so unglaublich anpassungsfähig ist und jeden noch so kleinen Ansatz von Querulantentum entweder aussitzt, oder ihn sich gleich einverleibt und in ein Geschäftsmodell verwandelt.

(Frugal Cafe Blog Zone)
Einfach nur anti Establishment, irgendwie dagegen zu sein und Schlipsträger doof zu finden, reicht daher bei weitem nicht mehr aus, denn das ist im Zweifel längst Teil des Systems. Erfahrene Personaler wissen das und lassen sich von ein bisschen Anti-Attitüde nicht irre machen, weil ihnen klar ist, dass gerade der Punk von heute der Banker von morgen sein kann. Die meisten der reichsten Menschen und erfolgreichsten Unternehmer der Welt sind das nicht, weil sie immer brav alles gemacht haben, was ihnen gesagt wurde, sondern weil sie Freaks und Spinner waren, teilweise Versager, äußerlich betrachtet, die gegen das Establishment rebellierten. Einem jungen Bill Gates oder Steve Jobs würde heute niemand einen Job geben, erst recht nicht in der von ihnen groß und mächtig gemachten IT-Branche.

Bis dahin kann ich Asl unumwunden zustimmen. Dann aber hört der Spaß auf. Denn die Konsequenzen, die er für sich und jene Generation, für die zu sprechen er vermutlich beansprucht, propagiert, sind eine intellektuelle Bankrotterklärung und ein Aufruf, das Denken im Sinne der Aufklärung weitestgehend einzustellen. Wie anders sollte man Worte wie diese sonst begreifen?

"Wir scheuen uns nicht davor, Gedanken verschiedener Denkansätze zusammenzudenken. Wir lieben die 'win hoch n situations'. Ein Banker, der Yoga macht, abends persisch isst und Brecht doch nicht so übel findet. Ja! Warum nicht? … Wir lassen uns auf Vielfalt ein, selbst wenn Merkel und Sarrazin sie für gescheitert erklären. Althergebrachte Grenzen öden uns an."

Ja und? Yoga zu machen sagt erst mal überhaupt nichts und althergebrachte Grenzen bloß öde zu finden ist genau so wenig ein Wert an sich oder eine intellektuelle Leistung wie Vielfalt per se toll zu finden. Nicht falsch verstehen, auch ich finde althergebrachte Grenzen, die nur existieren, weil sie althergebracht sind, normalerweise lästig bis überflüssig und Vielfalt fast immer eine Bereicherung. Aber Gründe sollte ich schon auch nennen können dafür, die Fürs und Widers abwägen, sonst werde ich nie jemanden, der da anders denkt, davon überzeugen können, es mir gleichzutun.

"Ja! Warum nicht?", fragt Asl. Darum nicht: Weil Leute wie der Banker eben nicht die Lösung sind, sondern genau das Problem, der Grund, wegen dem wir in diesem Schlamassel stecken. Abgesehen davon, dass Gedanken verschiedener Denkansätze zusammenzudenken ein alter Hut, Yoga machen so wenig ein politisches Statement ist wie persisch zu essen, dass Brecht auch Unpolitisches geschrieben hat und dass die Zuschreibung, ein Banker könne Brecht per se nichts abgewinnen, gequirlter Quark ist: Was würde jemand wie der genannte Banker bei so einer windelweichen Grundeinstellung denn noch alles okay finden und wo wäre für ihn mal eine Grenze? Was ginge für ihn nicht? Tagsüber den Reichtum der Bank zu mehren, in der er arbeitet und am Wochenende bei Blockupy gegen Ungerechtigkeit zu demonstrieren? Mittags beim Türken zu essen und abends bei Pegida oder Artverwandten mitzulatschen? Möglich, dass ein Kuschelkopf wie Asl das alles 'win hoch n' finden würde, für mich wäre dazu ein Geisteszustand erforderlich, der einer schizoiden Persönlichkeitsstörung schon recht nahe kommt.

Nebenbei ist selbstredend niemand frei von so was. Ich kann diesen freien Tag auch nur genießen, wenn ich Fragen ausblende wie die, unter welchen Bedingungen das T-Shirt, das ich trage, zusammengenadelt oder der Eisbergsalat aus Spanien, der im Kühlschrank liegt, geerntet wurde. In Ordnung ist das nicht, aber mir fällt kein Grund ein, solche Ignoranz auch noch zu etwas Erstrebenswertem zu erklären.


Das Problem ist ja nicht, dass Offenheit, Abgeklärtheit, Toleranz, Zweifel und Skepsis gegenüber Schwarz-Weiß-Denken nicht grundsätzlich gut und erstrebenswert wären. Das ist aber etwas anderes als jedem, der nicht einem totalen 'Anything goes'-Ansatz anhängt und ein Hirn wie Quecksilber hat, gleich ein geschlossenes, wenn nicht hermetisches Weltbild und damit Verbohrtheit zu unterstellen. Mit Leuten, die argumentativ begründbare Positionen vertreten, fast gleich, welche, und auch mal Grenzen setzen, kann man eventuell streiten, sich an ihnen abarbeiten und so weiterkommen.Versucht man das mit Leuten, die so wenig Rückgrat haben, dass sie prinzipiell erst mal alles irgendwie supi finden, artet das in den Versuch aus, den sprichwörtlichen Pudding an die Wand zu nageln. Eine Haltung wie die genannte hieß einmal aalglatt oder scheißliberal, weil sie keine Unterschiede macht. Die Fähigkeit, Unterschiede zu machen aber braucht es dringender denn je. Asl pickt lieber Rosinen:

"Geschlossene Weltbilder haben ausgedient. Wir sind im Begriff, den Ismen die Allgemeingültigkeit abzusprechen. Ismus ist für uns kein Ist-Muss, sondern ein -Kann. Kapitalismus, Marxismus, Anarchismus, Liberalismus sind nur Teile eines theoretischen Kuchens. Wir picken uns die Rosinen aus."

Gedanken wie diese sind ein schönes Beispiel dafür, dass man den Kopf durchaus voll mit Wissen haben und trotzdem strunzdumm sein kann. Ein Beleg dafür, dass jene Kräfte, die jede ihnen gegen den Strich gehende oder ihre Privilegien infrage stellende Theorie als bloßen Ismus denunzieren, fürs erste gewonnen haben. Eine intellektuelle Bankrotterkläung, wie gesagt. Mit Bildung nämlich hat so etwas überhaupt nichts zu tun, sondern zeugt lediglich von Denkfaulheit. Bildung bedeutet eben nicht, einfach nur Wissen anzuhäufen, sondern urteilen und gewichten zu können.

Wer das und halbwegs trennscharf zu denken, einen Standpunkt zu entwickeln und ihn notfalls auch zu behaupten nie gelernt hat bzw. das überflüssig findet, landet im Diffusen und läuft am Ende jedem Rattenfänger hinterher. Findet dann, Darwins Evolutionstheorie sei eben nur eine Theorie unter vielen und daher problemlos mit kreationistischen Spinnereien gleichsetzbar, die sich religiös Verstrahlte mithilfe der wörtlich genommenen Bibel so zusammenkaspern und sieht auch kein Problem darin. Findet auch Homöopathie total wirksam, weil sie das aus zahllosen Anekdoten gehört haben und findet auch, Big Pharma wolle uns alle umbringen ein Stück weit, weil er das irgendwo bei facebook gelesen hat. Weil die so genannte Schwarmintelligenz schließlich nicht weniger wert ist als jahrelanges Expertentum.

Aus bereits genannten Gründen ist es sicher richtig festzustellen, dass hergebrachte Formen des Protestes uns unter denen gegebenen Umständen nicht wirklich weiterbringen werden. Kann auch sein, dass rechts und links längst nicht mehr ausreichen, politische Haltungen einzuordnen. Daraus aber die Konsequenz zu ziehen, sich im Zweifel auf alles einzulassen und Liebsein zur obersten Maxime zu erklären, ist verheerend. Denn nach wie vor gilt, dass everybody's Darling schnell zu everybody's Depp wird. Das lässt sich unter anderem an dem studieren, was von SPD und Grünen noch übrig ist.

Immerhin kann ein Denken, wie es Asl propagiert, ein echtes Erfolgsmodell sein. Sitzt dessen prominenteste Vertreterin doch im Kanzleramt und hört auf den Namen Angela Merkel. Postdemokratie als Fluch der Postmoderne.


Übrigens: Diese in Teilen recht kritisch geratene Auseinandersetzung bezieht sich allein auf Asls verlinkten Beitrag für die taz. Sein Blog hingegen ist alles andere als eine intellektuelle Bankrotterklärung - sehr lesens- und empfehlenswerte Sachen dabei.

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