Samstag, 23. Mai 2015

Homophobie, Homophobah...


Es eine Binsenweisheit, dass Leute, die besonders aggressiv kundtun, Probleme mit homosexuell orientierten Mitmenschen zu haben, vor allem mit schwulen Männern, dies nicht selten als Kompensation dafür tun, dass sie diesbezüglich selbst was am stecken haben. Es ist in meinem Umfeld mehr als ein mal vorgekommen, dass Männer, die sich auch im reiferen Alter entsprechend geoutet haben, noch Monate zuvor meinten, Homos auf die Fresse geben zu müssen oder jedem Prügel androhten, der aus reinem Interesse fragte, ob es denn nett gewesen sei gestern in dieser einschlägigen Kneipe. Wiewohl Anekdoten keine Beweise sind, ist dieses Phänomen unter dem Namen Homophobie recht gut erforscht und kann weitgehend als etabliert gelten.

Das kam mir in den Sinn weil der Fäkalsturm, mit dem jüngst Barbara Eggert, Kolumnistin und Briefkastentante des in Bielefeld verlegten 'Westfalenblatts' aus dem Job gemobbt wurde, mal wieder offenbart, wie gnadenlos die Empörten in den so genannten 'sozialen' Netzen mit vergleichsweise geringen Verfehlungen umgehen. Hier das Corpus delicti:

(via bildblog.de)
Wer sich der Mühe unterzieht, sich den Fall näher anzuschauen, stellt fest, dass es zwei Versionen der Kolumne gibt: Die oben abgebildete ist die aus Platzgründen redaktionell stark gekürzte. Die ist in der Tat problematisch, weil durch die Kürzungen, auf die Frau Eggert vermutlich keinen Einfluss hatte, tatsächlich der Eindruck entsteht, sie riete Eltern, kleinere Kinder grundsätzlich von gleichgeschlechtlichen Hochzeiten fernzuhalten, um sie nicht zu verunsichern. In der längeren Fassung hingegen wird der Tatsache Rechnung getragen, dass der Fragesteller offenbart, seine Kinder so erzogen zu haben, dass die Ehe eine heilige Angelegenheit zwischen Mann und Frau sei und dass die Hochzeit ihres Onkels mit einem Mann vor diesem Hintergrund eventuell zu Irritationen bei den Kleinen führen könnte.

Sicher, die Kolumne ist kein Glanzstück, noch nicht mal gutes Handwerk. Der besorgte Vater der Kinder stellt klar, dass er rein menschlich keinerlei Probleme mit seinem Bruder und dessen Freund habe, sondern allein mit der Tatsache, dass die beiden heirateten. Frau Eggert wäre vielleicht besser beraten gewesen, dem Fragesteller nahezulegen, sein eigenes Weltbild ein wenig infrage zu stellen und zu erweitern. Ihn zu ermuntern, positiv an die Sache heranzugehen, den Kindern zuzutrauen, dass sie das schon hinbekommen. Sie hat sich entschieden, eher den Fragesteller zu bestätigen. Ein Missgriff, möglicherweise, aber mit Sicherheit alles andere als homophobe Hetze. (Man sollte übrigens bedenken - Blattlinie ahoi! -, dass es in der Ecke Deutschlands, in der das 'Westfalenblatt' seine Leser rekrutiert, ähnlich konservativ zugeht wie in Bayern. Das am Rande.)

Nun sollte man Homophobie gewiss nicht verharmlosen, wohl aber zur Kenntnis nehmen, dass sie durchaus in unterschiedlichen Schweregraden daherkommen kann. Vorsichtig die Befürchtung zu äußern, Kinder könnten seelisch aus der Bahn geraten beim Anblick einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit, ist sicher unzeitgemäß und kritikwürdig, mag insgesamt auch nicht von einem sonderlich progressiven Weltbild zeugen, ist aber immer noch etwas anderes als Schwule pauschal als krank und degeneriert zu denunzieren, respektive, sich andauernd von ihnen verfolgt zu fühlen, wie es unter weit unangenehmeren Zeitgenossen und ihren Fans gerade wieder modern ist.

Es hätte tausend Möglichkeiten gegeben, vernünftig und zum Nutzen aller mit der Sache umzugehen. Eine wäre gewesen, der Kolumnistin in einer der nächsten Ausgaben Raum für eine ausführliche Antwort auf ihre Kritiker zu geben. Um eventuelle Missverständnisse auszuräumen oder um missverständliche Formulierungen zu präzisieren. Um sich eventuell zu entschuldigen bei denen, die sie mit ihren Worten verletzt haben sollte. Oder vielleicht auch, um darauf hinzuweisen, dass  tatsächlich Studien existieren, die das von ihr empfohlene Vorgehen nahelegen würden (was ich nicht weiß, aber für unwahrscheinlich halte). Das hätte vielleicht sogar ganz interessant werden können.

Man hätte ferner die übrigen Kolumnen der Dame lesen und einmal nachschauen können, ob die inkriminierten Äußerungen typisch für sie sind und tatsächlich auf ein eher reaktionäres Weltbild schließen lassen, was dann natürlich diskutabel wäre, oder eher nicht. Wie gesagt, der Möglichkeiten wären viele gewesen, doch entschied man sich beim 'Westfalenpost' für die denkbar schlechteste: Man machte artig Kotau vor den twitternden Rumpelstilzchen und feuerte die Lady.

Echt, das soll es jetzt sein? Eine enthemmte Meute aus ein paar Dutzend maßlos empörten, selbstgerechten Berufscholerikern mit First World Problems, die sich willkürlich und völlig wahllos ein vergleichsweise schwaches Opfer herauspicken, bekommt einfach so ihren Willen, weil sie ein paar Tage lang herumkrakeelt? Wenn es unerträglich ist, dass Rechte und ihnen Nahestehende inzwischen jedem, dessen Nase ihnen nicht passt, Morddrohungen zukommen lassen, dann ist diese Bande definitiv die andere Seite derselben Medaille. Bei allem Respekt vor Volker Beck, aber dafür ist Oscar Wilde nicht gestorben.

Es geht doch ums Prinzip. Wer sich nämlich jetzt selbstzufrieden über den Lachs streicht und es total in Ordnung findet, dass eine Barbara Eggert mit solchen Mitteln um ihren Job gebracht wurde, müsste das dann auch in Fällen akzeptieren, die ihm weniger gut in den Kram passen. Etwa im Fall Claus Weselskys. Rosinen picken gilt nicht! Überhaupt ist 'homophob' längst zu einem so inflationär, beliebig und undifferenziert benutzten und damit völlig nichtssagend gewordenen Gratisanwurf degeneriert wie 'faschistisch' oder 'sexistisch'. Man nenne mich meinethalben einen reaktionären alten Sack, aber in einer Welt, aus der alles verbannt wurde, das etwa gewisse Leute voll sexistisch finden, mag ich nicht leben müssen.

Völlig unabhängig davon, ob ihre Ziele nun im einzelnen edel und gut sind oder nicht, will ich nicht, dass solche Leute gewinnen. Aus Prinzip nicht. Nie. Ich hasse den Gedanken, unentspannte Schreihälse mit Herdentrieb, die des sinnerfassenden Lesens nicht mächtig sind, könnten einmal das Sagen haben. Daher kann es nur eine vernünftige Konsequenz geben: Das 'Westfalenblatt' lässt Frau Eggert wieder schreiben, und zwar zum doppelten Honorar. Allein schon, um diesen aufgeblasenen, moralinsauren Salonstalinisten in die Suppe zu spucken, die glauben, die Welt habe gefälligst immer und überall so zu funktionieren, wie sie sich das so vorstellen. Und weil ich überzeugt bin, dass jeder Mensch das Recht auf einen Fehltritt und auf Lernprozesse hat. Leider sieht es danach nicht aus.

Nebenbei nämlich wirft die ganze Sache noch ein bezeichnendes Licht darauf, wie viel an Wertschätzung man beim 'Westfalenblatt' Mitarbeitern so entgegenbringt. Abgesehen davon, dass sie ihre Kolumnistin beim kleinstem Gegenwind sofort fallen lassen, scheinen sie noch nicht einmal zu wissen, wer sie eigentlich ist. Sah die Redaktion sich doch genötigt, in dieser erbärmlichen, windelweichen Stellungnahme eigens darauf hinzuweisen, dass Frau Eggert nicht etwa Diplom-Psychologin, sondern Diplom-Soziologin sei. Aha. Agieren so neuerdings erwachsene, souveräne Menschen, Medienprofis zumal, die einen Standpunkt haben und wissen, was sie tun?

Sollte das zudem bloß ein willkommener Anlass gewesen sein, Frau Eggert loszuwerden, dann wäre das nicht nur die Herumhudelei eier- und rückgratloser Schluffis, sondern auch noch maßlos feige. Auch wenn es sich nicht schickt, ungefragt Ratschläge zu erteilen, möchte man der Dame zurufen: Sei froh, dass du die Bande los bist, Mädchen, auch wenn jetzt vielleicht das Geld fehlt. Was Besseres find'st du allemal.

Sicher ein Einzelfall. Oder ein weiterer Beleg dafür, dass es vielleicht doch kein Zufall ist, dass Journalist heute kein Traumberuf mehr ist und sich das Sozialprestige der Branche in immer größerem Tempo dem von Schweinehirten und Gebrauchtwagenhändlern annähert.

Übrigens hat auch Hartmut Finkeldey Lesenswertes dazu geschrieben. Don Alphonso sowieso.



Kommentare :

  1. Naja, - also ich mag besonders die Variante, die auf ihrem Auto "Pädophile an die Wand" aufkleben und dann neben dir in der Kneipe stehen, einer 15jährigen auf den Arsch schauen, - und den Satz los lassen, "Mit der würd ich auch gerne mal". Gibt's unbedingt, - leider. Das wäre die hässliche Variante. Die andere wäre die der vollkommenen Harmosigkeit von Menschen die ihren Schwanz nicht in Vaginas sondern Ärsche stecken. Diese Binsenweisheit ist keine Binsenweisheit, sondern eines der verkniffendsten Themen überhaupt. Weil, wenn dem nicht so wäre, würde sich die Zahl der Guten drastisch reduzieren, die ihr Gutsein von was der Teufel auch her rekrutieren. Also versucht man natürlich moderat drum herum zu reden und schwafelt selbst dort noch von Krankheiten, die es gar nicht gibt, aber die moderate Selbststilisierung am Leben halten können. Beim Umgang mit Homophilen ist das überhaupt nicht anders, - und dient allen Diskutanten (von allen Seiten), - lediglich zur Selbststiliserung an auch jedem Betroffenen der sich ob seiner Normalität gar nicht betroffen fühlt vorbei. Natürlich muss das Alte-Oma-Geschwätz dieser Westfälin nicht gleich zum Shitstorm führen, aber das muss auch überhaupt nicht dazu führen, sich auf das Niveau von Don Alphonso runter zu bringen. Es sprach eine Hete, die sich nichts darauf einbildet.

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    1. Ist ja alles völlig richtig, eb, inhaltlich widerspreche ich da überhaupt nicht. Es ging mir auch nicht darum, die Äußerungen der Schreibe-Tante irgendwie zu legitimieren. Ich nehme sie lediglich gegen völlig maßlose Angriffe in Schutz, die in anderen Fällen bestimmt nicht beklatscht, sondern eher als Hexenjagd bezeichnet würden. Weiterhin erlaube ich mir, die Dame gegen die Reaktion ihrer Zeitung zu verteidigen.
      Wenn der Zinnober wenigstens jemanden weiterbringen würde. Also, wird nach dieser Geschichte auch nur ein Homophober seine Ansichten kritisch prüfen? Eher nicht. Darum geht es auch gar nicht, sondern darum, dass da ein selbstgerechter Pöbel sich gewaltig einen auf seine eigene Großartigkeit und richtige Meinung runterholt und damit auch noch durchkommt. Bei solchen Leuten bin ich dagegen, egal wie edel ihre Ziele sein mögen.
      Es ist ein Missverständnis, dass man Toleranz herbeierpressen könnte. Die Absetzung einer weitestgehend einflusslosen Provinzkolumnistin mit, sagen wir, eher konservativen Ansichten, dürfte der weiteren Akzeptanz der Homoehe jedenfalls absolut keinen Dienst erweisen, eher im Gegenteil.
      Und bei Don Alphonso ist zwar Schatten zu finden, manchmal aber auch Licht. Auch wenn er im selben Organ publiziert wie Jasper von Altenbockum...

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  2. @Stefan. Da sind wir einer Meinung. Anscheinend etabliert sich da eine generelle Mentalität der Hexenjagt auf allen Kanälen. Schlimme Geschichte, und alle lassen sich auch mit ziehen. Aber das mit der Selbststilisierung, ist ein wundes Thema welches auch immer aufs Neue alle ins gleiche Grab jodelt. Ich will nur nicht, dass du oder Hartmut da rein rutschen. Eure blogs bedeuten mir dafür zu viel. Dieser Don, kann von mir aus darin untergehen und mächtig Leser darüber gewinnen. Mehr ist da auch nicht zu erwarten.

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