Freitag, 29. Mai 2015

Fairness für Blatter!


Natürlich war die Vergabe der WM 2022 an das Emirat Katar eine (vermutlich hervorragend vergütete) Schnapsidee, ihre Umsetzung in die Praxis ist bislang eine einzige Katastrophe, keine Frage. Natürlich liegt man wohl nicht ganz falsch, wenn man vermutet, dass der Verein komplett verfilzt ist. Selbstverständlich ist es richtig, dass jetzt Staatsanwaltschaften ermitteln, wenn der Verdacht auf Straftaten besteht. Allerdings, und da ist Jens Berger nur zuzustimmen, ist es höchst fraglich, ob eine Abwahl Blatters, vielleicht sogar eine Auflösung der FIFA irgendetwas an den herrschenden Zuständen im Weltfußball verbessern würde. Die nämlich sind das Problem, das Gebaren der FIFA ist bloß Symptom.

Auch Sepp Blatter, an dem viele Kritiker sich besonders abarbeiten, ist allenfalls das Gesicht der Krise, nicht seine Ursache. Eine Charaktermaske eben. Vermutlich kann Blatter die ganze Aufregung, die um ihn gerade im Gange ist, auch nicht wirklich verstehen. Auf irgendwelche Informationen  muss er sich ja verlassen. Verlässt er sich auf die, die ihm so offiziell zugetragen werden, dann wird er darin sicher viele Gründe finden, mit seiner Arbeit insgesamt ganz zufrieden zu sein. Hat er nicht alles richtig gemacht?

Die von der FIFA veranstaltete Fußball-Weltmeisterschaft ist die größte, erfolgreichste und attraktivste Veranstaltung in einer Einzelsportart. Gegen das Endspiel der Fußball-WM können die Amis mit ihrem Super Bowl einpacken, mögen sie auch noch so einen Wirbel darum machen. Außer bei den Olympischen Spielen fließen nirgends solche Sponsorengelder, wird so viel Gewinn generiert. Sicher, es gibt immer Mauscheleien, faule Äpfel, aber gibt es die nicht überall?

Ohne Blatter und Konsorten zu Unschuldsengeln stilisieren zu wollen, ist einiges von der Kritik, die auf die FIFA einprasselt, in der Tat sehr wohlfeil. Etwa der latente Chauvinismus, der aus den Äußerungen von europäischen Verbänden, unter anderem vom DFB und der englischen FA, immer wieder herauszuhören ist. Man geriert sich als Hüter des wahren, reinen Fußballs, der gegen die grauen Herren aus Zürich, die korrupten Diktatoren und Oligarchen Osteuropas bzw. Afrikas und des Nahen Ostens sowie gegen den Zugriff des großen Geldes verteidigt werden müsse. Ob das zu recht geschieht, ist die Frage. In der Premier League werden die höchsten Summen von allen gedreht, und wie genau Deutschland an die WM 2006 gekommen ist, darüber bittet man sich noch heute Stillschweigen aus.

Das Problem liegt, wie gesagt, im System. Die FIFA ist keine Firma, sondern ein Verband, der auftritt wie eine Firma. Sie ist aber keine, sondern hütet monopolistisch mehrere Sportveranstaltungen, die sie wie Produkte vermarktet. Zumindest eines wird weltweit von Staaten und Sponsoren nachgefragt wie geschnitten Brot: Die Fußball-WM der Männer und die dazugehörigen Übertragungsrechte. Da liegt der Knackpunkt und er ist historisch gewachsen, seitdem hat man immer irgendwie weitergewurstelt. Weil es noch immer gut gegangen ist, weil man bislang keinen Handlungsbedarf gesehen hat und natürlich, weil mögliche Alternativen Pfründe und Privilegien angreifen könnten.

Die FIFA ist, wie viele andere große Sportverbände, Kind einer anderen Zeit, wie David Goldblatt zu recht anmerkt. Der Wandel wurde lange vor Blatter von dessen Vorgänger João Havelange eingeleitet, 1974 war das. Bis dahin war die FIFA ein diskreter Gentlemen's Club aus meist Ehrenamtlichen mit bloß einer Handvoll bezahlter Jobs. Fußball-Weltmeisterschaften waren noch keine medialen Superereignisse wie heute, sondern wurden größtenteils von Freiwilligen gewuppt.

Das kann man natürlich romantisch finden. Wie das ungefähr aussah, lässt sich anhand von dokumentarischem Material über die WM 1974 studieren. Die wird dank des (west-)deutschen Finalsieges zwar im Nachhinein glorifiziert, war ansonsten aber eine reichlich triste Veranstaltung. Der Sommer war verregnet, der Kartenverkauf verlief schleppend, die Stadien waren oft schlecht besucht, weil sie nur zum Teil überdacht waren und die Fans im Regen standen. Havelange wollte das alles auf professionellere Füße stellen, dafür aber brauchte er Geld. Er bekam es, indem er adidas und Coca Cola als Hauptsponsoren mit an Bord holte. Seitdem ist alles immer nur noch größer, teurer und bunter geworden, wobei die Kommerzialisierung des Fußballs bloß parallel verlaufen ist zu der der übrigen Welt.

Wegen des Alleinvertretungsanspruchs der FIFA stehen viele Fußballfans, die einfach nur ein gutes Spiel sehen möchten, alle vier Jahre vor einem Dilemma: Eigentlich geht ihnen die Gigantomanie, der ganze Kommerzkram, das Kolonialherren-Gehabe der Granden aus Zürich gewaltig auf die Nerven. Aufmerksameren waren die sozialen Unruhen in Brasilien alles andere als egal, sie leiden darunter, dass auf den Baustellen in Katar massenweise Fremdarbeiter verunfallen und zu Tode kommen. Weil aber kaum jemand bereit ist, der Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen, das Event letztlich zu boykottieren, nimmt man das alles am Ende hin wie einen Regenschauer. Wie aber könnte es anders gehen?

Gehen wir einmal davon aus, dass es sich beim weit überwiegenden Teil der Blatter- und FIFA-Kritiker um Menschen handelt, die sich wirklich etwas aus Fußball machen und weiterhin Turniere auf hohem internationalen Niveau sehen wollen. (Allen anderen kann’s ja egal sein.) Wenn das der Fall ist, dann ist es leider auch so, dass das System FIFA zur Zeit sicher nicht alternativlosTM, so doch wohl immer noch das kleinste Übel ist. Was wären denn denkbare Alternativen, gesetzt den Fall, wir möchten weiterhin alle vier Jahre eine Fußball-WM der Profis sehen?

Klar, man könnte die FIFA auflösen und Fußball-Weltturniere in Zukunft als Gemeinschaftsveranstaltung der Kontinentalverbände laufen lassen. Könnte man versuchen, das Know-how wäre da. Aber glaubt irgendjemand wirklich, es gäbe dann weniger Korruption, weniger Bürokratie? Was ginge noch? Die FIFA entmachten, indem man Gegenveranstaltungen zulässt, sodass mehrere konkurrierende Weltverbände in freier Konkurrenz um die Gunst von Verbänden, Sponsoren und Veranstaltern buhlen? Führt im Sport in der Regel dazu, dass ein Titel letztlich nichts mehr wert ist und hat Geschiebe und Mauschelei immer erst so richtig Tür und Tor geöffnet. Wer das nicht glaubt, möge sich im Profiboxen umschauen oder in amerikanischen Rennserien.

Weil die Strukturen so sind wie sie sind, nämlich so, dass mächtige Geldgeber symbiotisch verbunden sind mit einem monopolistisch aufgestellten Verband, ist die Hoffnung, man könne die Korruption in der FIFA und anderen milliardenschweren internationalen Sportverbänden wirksam eindämmen, so naiv wie die, dass man Doping wirksam bekämpfen könne in Sportarten, mit denen riesige Gewinne gemacht werden. Erst wenn das große Geld wieder verschwände aus dem Sport, dann gäbe es eine Chance für echte Reformen. Ein jeder möge für sich abwägen, wie wahrscheinlich das ist.

Bis dahin gilt, wie für Olympische Spiele und andere Großveranstaltungen: Schaut halt weg, boykottiert, protestiert. Wer das nicht will oder nicht über sich bringt, soll wenigstens nicht so romantisch glotzen. Alle vier Jahre vier Wochen lang Party machen und sich danach bis zum nächsten Mal über die schlimme FIFA ereifern, dünkt mir jedenfalls reichlich verlogen. Etwa so wie drei Jahre, 51 Wochen und und sechs Tage lang kein gutes Haar an der Regierung lassen und sie am siebten Tag dann wählen.

Apropos romantisch: Wer sagt, beim Fußball ginge es ihm wirklich um das Spiel, das Beautiful Game, das Joga Bonito, hat in diesem Sommer vielleicht zum letzten Mal die Chance, sich anzuschauen, wie Fußball einmal gewesen sein muss, bevor Big Money Einzug gehalten hat: Bei der Fußball-WM der Frauen in Kanada.



Kommentare :

  1. Ich würde mal ganz undifferenziert behaupten, dass überall wo Millionen und Milliarden im "Spiel" (hehe) sind, gibt es immer Korruption, Klüngel, Vetternwirtschaft, Geldwäsche und Bestechung. Oder anders gefragt: nenne mir jemand eine Branche, ein Unternehmen/Konzern oder einen Millionär, bei dem das nicht zutrifft? ;-)

    P:S: Die Bild-Captchas nerven. Habe da ständig eine Fehlermeldung.

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    1. Klar, systemimmanent. Deshalb finde ich es auch so verlogen, dermaßen auf die FIFA einzuprügeln. Die Leute wollen's doch so.
      Die Captchas nerven in der Tat, aber deaktivieren geht leider nicht, Spamaufkommen sonst zu stark. Hast du vielleicht einen Scriptblocker laufen wie NoScript? Kann sein, dass der Ärger macht.

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  2. Mit entweder-oder kann man alles bleibenlassen , was Spaß macht , irgendein echtes Problem findet sich immer.
    Es gibt schon lange eine breiter werdende Minderheit unter Fußballfans , die die Kommerzialisierung scharf kritisieren - Retortenvereine wie RB Leipzig erfreuen sich dort höchster Unbeliebtheit - und sich trotzdem nicht die Freude daran vermiesen lassen wollen , und sie haben Recht damit.
    Warum müssen ausgerechnet die kritikbereiten Leute immer in Sack und Asche gehen?

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