Dienstag, 5. Mai 2015

Weltuntergänge und andere Bedrohungen


Es hilft nichts, man sollte sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, den ich immer seltener loswerde: Die Linke wird den Kapitalismus vielleicht nicht abschaffen, aber es werden paradoxerweise wohl Linke sein, die ihn einmal retten werden. Weil seine eigentlichen Protagonisten zu gierig, zu egoistisch und asozial, schlicht zu blöd dazu sind - mögen sie sich auch noch so sehr als Masters Of The Universe aufspielen. Weil sie nichts anderes können und nie etwas anderes gelernt haben als Ichichich. Linke werden es sein, nein, sie werden es sein müssen, die den Kapitalisten und ihren Stiefelspannern beibringen, dass es besser ist, ein wenig abzugeben als den ganzen Laden an die Wand zu fahren und alles zu verlieren.

Bei konservativen Elitenmenschen und neoliberalen Raffkes geht ja eh im Minutentakt die Welt wegen irgendwas unter. Da wird ein sechstägiger Streik von Teilen der Lokführer zum 'Rekordstreik', der nicht nur Abermillionen Pendler in Not, Elend und Verzweiflung stürzt, sondern auch Der Deutschen WirtschaftTM das Rückgrat brechen wird wie schon der verheerende Mindestlohn. Wehe, wehe! Echt jetzt? Die Deutsche WirtschaftTM, die, glaubt man diversen Verlautbarungen, vor Kraft nicht gehen kann, die nicht müde wird, sich mit einer Rekordmeldung nach der anderen dicke zu tun, kollabiert, weil ein paar Tage lang einige Züge ausfallen? Zumal der Güterverkehr inzwischen zum guten Teil von privaten Anbietern abgewickelt wird?

Ja, der Streik, der schändliche! Eigentlich ist dazu längst alles gesagt worden, was gesagt werden muss. Zuletzt noch von Onkel Berger und von Onkel Grimm. Für all jene aber, die die Streikerei voll unzumutbar finden, die meinen, die Lokführer sollten mal lieber schön bescheiden sein, der blöde Weselsky missbrauche aus egoistischen Motiven das Streikrecht und ihn am liebsten einsperren würden, denen es aber zu viel Mühe macht, die genannten Beiträge zu lesen, hier nun, als kostenloser Service Ihres freundlichen Bloggers, eine Kurzfassung zum Mitschreiben:

Der Bahnstreik ist nicht etwa der Egotrip einer Handvoll verwöhnter Überversorgter und ihres so publicity- wie machtgeilen Vorsitzenden. Es handelt sich vielmehr um eine von der Bahn und ihrem Besitzer, dem Bund, bewusst herbeigeführte und betriebene Eskalation mit dem Ziel, Streikrecht und Tarifautonomie zu unterhöhlen, wenn nicht gar auf lange Sicht abzuschaffen. Das wird am Ende vielen Nachteile und nur wenigen Vorteile bringen. Kleiner Tipp noch: Zu den Wenigen wirst nicht du gehören, kleiner Angestellter, der sich schließlich auch mit wenig zufrieden gibt. Und auch du nicht, prekärer Beschäftigter, der auf einen unbefristeten Vertrag hofft.

(Bevor man mich der unnötigen Zugabe überflüssigen Senfs bezichtigt: Ich mache das nur zur Sicherheit. Damit später einmal, wenn der letzte Rest an Arbeitnehmerrechten geschleift worden ist, niemand sagen kann, das hätte man nun wirklich nicht ahnen können, hach, wenn man das bloß gewusst hätte und das seien eh alles nur die da oben ganz alleine in schuld, man selbst sei immer nur durchregiert worden und habe gar nichts machen können als Einzelner, schluchzbuhu, ich bin ein Opfer. Das scheint mir nämlich eine hierzulande nicht ganz unbeliebte Reaktion zu sein, wenn das Kind mal wieder in den Brunnen gefallen ist.)

Und nein, verehrte Maria Marquart von 'Der Morgen@SPIEGEL ONLINE': Es ist, anders als von Ihnen behauptet, eben absolut kein "eindeutiges Ergebnis", wenn bei einer so wenig transparenten wie repräsentativen online-Umfrage die Zustimmung zu der Forderung, die GDL zu einer Zwangsschlichtung  zu verdonnern (warum eigentlich immer nur die GDL und nicht die Bahn?), in kürzester Zeit von 50:50 auf 60 Prozent klettert, wie Sie es unsaubererweise zu formulieren belieben. Das ist vielleicht so einiges, bestimmt aber alles andere als seriöse Demographie, mit der sich so schwerwiegende Entscheidungen rechtfertigen ließen wie die, das zentrale Grundrecht der Koalitionsfreiheit zu schwächen.

Ach, wo wir gerade so schön dabei sind: Ist es nicht eine unangemessene, miese und pietätlose Verhöhnung aller, die Opfer von Terroranschlägen geworden sind und ein Schlag ins Gesicht der trauernden Hinterbliebenen, wenn ausgerechnet ein offensiv mit seinem Christsein hausierender Christenherrenmensch und bigotter Stammtischbruder wie Peter Hahne allen Ernstes verquargelt, beim - verfassungskonformen - Ausstand der Lokführer handele es sich um "Streikterror"? Klar, ist schon älter, der Burner, aber dennoch treibt diese Frage mich ein Stück weit um.

Zurück zum Weltuntergang: Die 'Siegestour' genannte Gedenkausfahrt eines zwar branchentypisch geräuschvollen und damit sicher lästigen, ansonsten aber eher unmaßgeblichen russischen Zweiradvereins soll ja bekanntlich eine ausgewachsene und handfeste Bedrohung der nationalen Sicherheit sein. So handfest, dass man den nervigen, lumbal wie genital gründlichst durchgerüttelten Moped-Rübezahls die Einreise verwehrt. Weil sie offen bekennen, Putin nahezustehen.

Ja und? Dann stehen sie halt Putin nahe und finden dessen Ukraine-Politik richtig. Tun viele andere vor den Schrank Gelaufene in diesem Land auch und verbreiten entsprechenden Schwachsinn, ohne dass man sie deswegen ausweisen bzw. am Reisen hindern könnte und ohne dass deswegen der Ausnahmezustand ausgerufen oder so getan würde, als rückten wieder die wilden Horden aus dem Osten an. Die Kranzniederlegung zu Ehren der Gefallenen der Roten Armee am Schwarzenbergplatz in Wien sei dennoch, man höre und staune, ohne Zwischenfälle verlaufen, ist zu hören. Ja Potzdonner, die können sich benehmen?

Die einzig vernünftige Reaktion wäre, die patriotischen Zausel mit dem schrägen Weltbild ein paar Tage lang hier rumbrettern und ihren Spaß haben zu lassen, sich selbst vielleicht so weit zu entspannen, dass man den Toten der Roten Armee, die schließlich auch uns befreit hat, gewissen Respekt erweist. Ansonsten, das achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen, solange niemand straffällig wird und seiner Wege zu gehen. Easy Rider und so. That’s democracy. Muss man nicht gut finden, lässt sich aber aushalten. Sollte gehen in einer halbwegs gefestigten Gesellschaft, die auch solche Komiker verkraftet. Allein schon, um zu demonstrieren, was die viel beschworenen westlichen Werte, die man westlicherseits in Putins Groß-Nordkorea so lautstark vermisst, im Alltag bedeuten.

Von einer Gesellschaft, die nicht sofort in schallendes Gelächter ausgebrochen ist, als Sicherheit zum Supergrundrecht ausgerufen wurde, scheint dies, glaubt man ihren Eliten und Medien, wohl zu viel verlangt.

Apropos Gelächter: Warum fallen eigentlich mir solche Wortspiele nicht ein? Voll unfair!





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