Dienstag, 16. Juni 2015

Alberner Kulissenzauber


"So Meester, der Rohbau is fertich. Wat soll jetzt für nen Stil außen dran?" (Anonymer Polier der Gründerzeit)

Das Land war gerade wiedervereinigt, da machte die konservative Elite sich daran, den Palast der Republik, eines von Erich Honeckers Lieblingsobjekten, aus Berlins Mitte herauszuexorzieren (natürlich war das ein Elitenprojekt, denn das Volk wurde nicht gefragt). Wiewohl die Asbestsanierung ab Beginn der Neunziger nötig gewesen sein mochte, verengte die Debatte darüber, was mit dem in den Rohbauzustand zurückversetzten Torso geschehen sollte, sich dank der beharrlichen Lobbyarbeit des einflussreichen Fördervereins Berliner Schloss e.V. sehr bald bloß noch auf die Frage, ob das 1950 gesprengte Stadtschloss nun wiederaufgebaut werden sollte oder nicht, sondern wie aufwändig sich das gestalten sollte.

'Erichs Lampenladen', so wurde der Republikpalast angeblich genannt, war bei vielen durchaus beliebt, wie man so hört. Ich will da nicht urteilen und niemandem Unrecht tun, so als unbeteiligter Wessi, aber vielleicht war der Palast, ob man den Bau nun mochte oder nicht, das Maximum dessen, was in der DDR an modernem großstädtischem Glamour zu haben war. Auch im Westen gab es solche öffentlichen Projekte in den Siebzigern, wenn auch mehrere Nummern kleiner. Die hießen dann Bürgerhaus, Kulturhaus, städtisches Zentrum oder so ähnlich. Niedrigschwellige  Angebote für jedermann, Stadtbücherei, Volkshochschule, Konzertsaal, bezahlbare Gastronomie - alles unter einem Dach. In einigem lag man gar nicht so weit auseinander in Ost und West.

Das Gerede vom Wiederaufbau des Berliner Schlosses jedenfalls ist Blödsinn, weil es eben keiner ist, sondern bloß alberner Kulissenzauber, ein fauler Kompromiss. Autoritär durchgedrückt und damit dem alten Palast der Republik ähnlicher als seine Bejubler wahrhaben wollen. Ein Betonparkhaus  mit angeklatschen Fassaden eben ("Und hier, meine Untertanen, entsteht gerade Parkdeck B6."). Wieder einmal die Chance vertan auf einen großen Wurf. Alles andere als ein Wunder und erst recht keine große Vision, sondern bloß millionenteure Flucht in einen unkreativen, kleinbürgerlichen, vermuckerten, verzagten Historismus ohne jede Idee, der nur dem Eindruckschinden dient. Wilhelm Zwo ähnlicher als viele wahrhaben wollen. Am Wochenende war Richtfest.

Schlimmer ist eigentlich nur noch das gruselige Braunschweiger Schloss - außen Klassizismus, innen Einkaufszentrum. Und Stadtbücherei. Obwohl, das Teil wird wenigstens ordentlich genutzt. In Berlin wusste man bloß, dass man irgendwie das Schloss wiederhaben wollte und musste dann erst überlegen, was damit eigentlich gemacht werden soll. Außen hui, innen hohl. Na gut, fast. So kann's gehen.


Kommentare :

  1. Wenns nicht so teuer wäre, wäre es ja schon witzig: Architektur mit Skinpack! Da haben sich die Verantwortlichen bestimmt von den personalisierten Hüllen ihrer Smartphones inspirieren lassen.

    Andererseits wäre es unter Umständen lohnend, diesen Gedanken konsequent weiterzuspinnen:
    Vielleicht hätte es z,B. eine größere Akzeptanz für den EZB-Tower gegeben, wenn man ihn mit barocken Rankenmustern und Putten versehen hätte? Und vielleicht sollte man dem Berliner Flughafen einige in Beton gegossene dorische Säulen voranstellen, um seine potentielle Ruinenhaftigkeit besser auszudrücken?

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    1. Hm, barock verkleideter EZB-Tower - warum eigentlich nicht? Eine sehr charmante Idee, wie ich finde, die zudem wirklich gut in die Zeit passt. Hat definitiv Potenzial.

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