Dienstag, 23. Juni 2015

Cherchez la femme!


Die Geschichte ist altbekannt: In Aristophanes' gleichnamiger Komödie schart die Athenerin Lysistrata mitten im Peloponnesischen Krieg (431-404 v.Chr.), in dem die Athener und ihre Verbündeten mit den Spartanern und ihren Verbündeten im Clinch lagen, Frauen aus allen beteiligten Stadtstaaten um sich. Die sollen sich ihren Krieg führenden Männern so lange sexuell verweigern, bis der Hormonstau die Streithähne zur Vernunft bringt. In der Literatur war das ein Erfolg, im wirklichen Leben neigt Gevatter Machtmensch mir doch arg dazu, seine Gespielinnen bei Bedarf auszutauschen.

Wie dem auch sei, glaubt man einschlägigen Berichten, dann erleben wir alle gerade eine Art Lysistrata 2.0. Bei der 'Welt' haben sie nämlich herausgefunden, wer wirklich hin dem unbotmäßigen Betragen von Alexis Tsipras steckt: Seine langjährige Lebensgefährtin Betty Baziana. Die gelernte Elektro- und Computeringenieurin sei nicht nur noch viel, viel linker (buh!) als als der Irre von Athen, heißt es, sondern drohe angeblich mit sexueller Askese, gar mit Trennung, wenn ihr Alexis in der Eurokrise einknicken sollte. Die Äntschie oder ich!

So jedenfalls will es der französische Präsident und Frauenkenner Hollande wissen und soll das auch genüsslich zum Besten gegeben haben. Nun ja, wenn, dann hat da wenigstens ein ausgemachter Experte gesprochen. Außerdem sind Berichte von Leuten, die irgendwo was gehört haben wollen von jemandem, der jemanden kennt, der dabei war, bekanntlich von jeher die seriösesten Quellen.

Davon abgesehen, wenn ich eines hasse, dann sind es diese grob vereinfachenden Weltbilder, egal aus welcher politischen Richtung sie kommen und egal von wem sie verquargelt werden, ob von professionellen Journalisten oder nicht. Diese die menschliche Intelligenz beleidigenden Simpelerklärungen, die alles über einen einzigen Kamm scheren. Die sie vertreten, sind nicht selten konspirationsaffine Superchecker, die so tun als seien sie Besitz des Steines der Weisen. Mindestens. Im Brustton der Überzeugung vorgetragen, würgen diese Trivialitäten jede weitere Diskussion ab und dampfen die Welt auf Playmobilniveau herunter.

Wer allen Ernstes glaubt, Tsipras' politisches Handeln sei allein durch Angst motiviert, seine Partnerin könnte ihn erotisch auf Entzug setzen bzw. ihm gleich ganz den Laufpass geben, führt ein derart schlichtes Menschenbild und Politikverständnis Gassi, dass er auch glaubt, die Tage hätten wieder einmal alle Politiker, pardon, Amerika-Vasallen, nee, Volksverräter erst bei Obama und dann bei den Bilderbergern anzutreten gehabt, um untertänigst ihre Befehle für die nächsten zwölf Monate entgegenzunehmen. Oder dass die Welt im Prinzip direkt aus der Chefetage von Goldman Sachs heraus regiert würde bzw. dass der durchschnittliche deutsche Redakteur seine Instruktionen direkt aus dem Kanzleramt bezieht.

"Man kann Tsipras kritisieren für das, was er tut. Ihn aber als willenloses Wesen, das am Gängelband seiner Frau hängt, zu beschreiben, wird ihm nicht gerecht.", meint Simone Schmollack richtigerweise. Solches Geklatsche ist doppelt fies, denn nicht nur erscheint Tsipras als Pantoffelheld, der daheim von einer hausdrachigen Frau eingeflüstert bekommt, was er zu sagen und zu tun hat. Auch seiner Partnerin wird ohne jeden Beweis unterstellt, sich nicht auf das zu beschränken, was einer First Lady traditionell so zukommt: Nett aussehen, Kuchen backen, Kinder herzen, Charity machen, Klappe halten. Mulier tacet in politica!

Wenn nun bloß der Boulevard derartig in den Betten wühlt, dann ist das sicher lästig, gehört aber irgendwie zum Geschäftsmodell. Bei den Gossenblättern lebt man seit jeher von der Kolportage, war das Private irgendwie schon immer politisch. Eine Presse jedoch, die nicht müde wird, sich selbst das Label 'Qualitätsjournalismus' draufzupappen, nicht zuletzt, damit die Leute endlich mal zahlen für das, was so ins Netz gestellt wird, sollte sich doch für derartige Untergriffe zu schade sein, sollte man meinen.

Da kommen Erinnerungen hoch. Exakt jenes Blatt nämlich, das sich jetzt mit küchenpsychologischem Schlafzimmergeflüster aus dem Hause Tsipras/Baziana besonders hervortut, hat so etwas ganz ähnliches 2012 schon einmal getan. Da hieß es, schuld an der teils tapsigen Amtsführung und dem zuweilen undurchsichtigen Finanzgebaren eines gewissen Christian Wulff seien die extravaganten Ansprüche eines deutlich jüngeren flotten Fegers namens Bettina, den der Mann sich angelacht hatte. Der Rest ist Geschichte.


Kommentare :

  1. Muß ja echt gefährlich sein , der Tsipras , warum sonst soviel Aufwand?

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    1. Ich würde sagen, es handelt sich um einen politischen Gegner, das sind unsere durchregierenden, großkoalitionären Technokraten einfach nicht mehr gewohnt.

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    2. Er kuscht halt nicht. Der Plan war, er wird nach Brüssel zitiert, man teilt ihm mit, wie es laufen wird, er sagt Jawohl, fährt nach Athen und setzt die Vorgaben um. Und dann kommt der Mann mit alternativen Vorschlägen, eigenen Ideen und so, das geht nun wirklich nicht. Und links ist er zu allem Überfluss natürlich auch noch. Das hätte nicht kommen dürfen, und darum sind sie jetzt so aufgeregt.

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