Montag, 29. Juni 2015

Netter Versuch subtilen Sponsorings


Das Westmünsterland ist eine echt schöne Ecke. Fahren Sie mal hin, wenn Sie in der Nähe sind. Kann man kaum verfehlen. Alles, was westlich von Münster, östlich der niederländischen Grenze, nördlich der Lippe und noch in Nordrhein-Westfalen liegt, ist Westmünsterland. Viel Gegend, viel Grün, jede Menge Schlösser, viel Himmel, nette kleine Städtchen. Doch, nett.

Und die Kombination aus Sandstein und Klinker, überall. Fällt Auswärtigen meist sofort auf. Fassaden mit Münsterländer Kohlebrand verblendet, Tür- und Fensterstürze sowie eventuelle Zierelemente aus Baumberger Sandstein, so baut man seit Jahrhunderten hier, das ist der heilige Zweiklang, vom Bauernkotten bis zum Residenzschloss. Auch bei Neubauten kommt es übrigens vor, dass traditionsbewusste Bauherren wenigstens ein bisschen Sandstein an ihre nach Möglichkeit verklinkerten Reihenhäuser basteln, so sie sich's eben leisten können.

Für diesbezüglich sensible Menschen kann es eventuell zum Problem werden, dass die Gegend im Sommer eine Bikerhochburg ist. Dem kann man aus dem Wege gehen, indem man eine Radtour macht. Etwa von einem Schloss zum anderen und wieder zurück, die liegen hier nie weit auseinander. Am besten nutzt man dazu die alten, auto- und mopedfreien, meist asphaltierten Wirtschaftswege, die hier 'Pättkes' heißen. Aus dem Radfahren muss auf diesem weitgehend platten Land keinen Leistungssport machen, wer einfach nur gemütlich von A nach B kommen und die Landschaft genießen will. Die brave alte Gazelle aus Holland, die in der Stadt so gute Dienste leistet, ist auch hier völlig ausreichend. Wer abends irgendwo einkehrt, sollte Dicke Bohnen probieren, so noch nicht geschehen. Dazu empfiehlt sich übrigens ein Gebräu aus der Biobrauerei Pinkus.

In meiner örtlichen, hier schon mehrfach lobend erwähnten Stadtbibliothek fand ich die Tage einen Bildband über dieses schöne Fleckchen Erde und griff zu. Ein gewichtiges, großformatiges Coffee Table Book von Hans-Peter Boer und Andreas Lechtape. Vielleicht ganz nützlich, jetzt, da bald der sommerliche Urlaub ansteht. Ein paar Tage werde ich verreist sein, für die restliche Zeit sind ein paar Tipps, was man sich in der näheren Umgebung so Nettes, bis dato Unbekanntes ansehen kann, hoch willkommen.

Interessant, wie solche Bücher sich gewandelt haben mit der Zeit. Oder war mir das nur noch nicht so aufgefallen? Früher gab es neben den vielen Bildern, den Erklärungen dazu und historischen Ausführungen allenfalls noch etwas zu lesen über Traditionen oder über alte Sagen und Legenden. Wo einmal ein armes Bäuerlein verhext worden war, woran noch heute ein rätselhafter, 'Hexenstuhl' genannter Findling erinnert. Wie ein braver Kirchbaumeister, der mit der Baustelle nicht zu Potte kam, seine Seele dem Satanas überantwortete, damit er zu Potte käme und so weiter. Inzwischen aber scheinen zahlreiche Firmen solche Bücher als Chance entdeckt zu haben, eine gehörige Ladung PR abzusondern.

(Aschendorff Verlag)
Jenseits der wirklich schönen Bilder und der üblichen, durchaus informativen Begleittexte hat man bei Boer/Lechtape streckenweise das Gefühl, die Broschüre eines örtlichen Wirtschaftsförderungsverbandes in der Hand zu haben oder der Rede eines örtlichen IHK-Funktionärs zuhören zu müssen. Klappentext: "Das Westmünsterland, so das Fazit, ist bestens für die vielen Zukunftsfragen und Herausforderungen der Zeit aufgestellt." Hust hust! McKinseymarketingsprech, man entkommt ihm offenbar nirgends mehr, nicht mal mehr in Reiseführern. Zukunftsfragen. Aufgestellt sein für was. Leistung abrufen fehlte noch. Im Kapitel 'Wirtschaft, Wissen & Arbeit' wird Namedropping betrieben, dass es eine Art ist. Weltmarktführer! Hidden Champions! Junge, dynamische, bildungsbereite Menschen! Tradition und Zukunft! Bullshit Bingo, tschackaaaa!

Besonders gründlich, nämlich auf vollen eineinhalb Seiten, wird die Familie Ernsting aus Coesfeld beschleimt, deren Werdegang und Meriten hymnisch besungen, dass es nur so glitscht. Die übliche Erfolgsmenschenlyrik: Wie man mit einem einzelnen kleinen Stoffladen anfing, irgendwann dann eine zündende Idee hatte und unter dem Namen 'Ernsting's Family' gewaltig expandierte. Und wie dann, zu Reichtum gekommen, zurück gegeben, sich mäzenatisch gegeben, der Heimatstadt ein Konzertsaal spendiert wird ("ein Juwel für die Stadt und die Region.").

Nun will ich die Verdienste der Ernstings für ihre Heimatregion gewiss nicht kleinreden oder gar schlechtmachen. Wenn sie damit Menschen Freude bereiten, bitte schön, nichts dagegen. Was nur so ungeheuer nervt, ist diese undeklarierte, selten blöde Form des Sponsorings. Und dass da höchstwahrscheinlich Geld geflossen ist, bezweifelt wohl nur, wer noch an den Weihnachtsmann glaubt.

Man verstehe mich nicht falsch, ich habe kein grundsätzliches Problem mit Sponsoring. Ist eines dieser Phänomene, mit denen ich mich halt arrangiert habe, weil dagegen anzukämpfen unter den herrschenden Verhältnissen etwa so sinnvoll wäre wie gegen Regenwetter zu kämpfen. Es sollte halt nur einigermaßen ehrlich und transparent passieren. Wenn es zum Beispiel bei irgendeinem kulturellen Event heißt, es finde unter anderem wegen der freundlichen Unterstützung der Firma Dingsbums statt, dann geht das in Ordnung für mich, solange Firma Dingsbums nicht meint, sie habe das Recht, für ihre Spende auch inhaltlich mitreden zu dürfen. Firma Dingsbums bekommt gegen Cash eine Plattform, sich und ihren Namen in entsprechendem Umfeld zu präsentieren und sich als Förderin der Kultur auszugeben, dafür bleiben die Karten bezahlbar und gewisse Standards können eingehalten werden. So geht der Deal.

Ganz ähnlich verhielte es sich mit einem aufwändigen und entsprechend teuer zu produzierenden Bildband. Hieße es da, gefördert von Stiftung/Firma Hastunichtgesehen - ja Gott, okay, Büchermachen ist halt auch Privatwirtschaft und die Kasse muss stimmen. Es gibt ja seit langem diese Bücher, die keinen Zweifel lassen, in wessen Auftrag oder mit wessen Unterstützung sie zustande gekommen sind. Kommen Auftraggeber bzw. Unterstützer dann im Buch auffallend gut weg, dann ist das eine straighte Sache und geht selbstverständlich auch in Ordnung.

Aber den Eindruck zu erwecken, da stimmten Autoren aus eigenem Antrieb solche Lobgesänge an, ist schlicht lachhaft. Man merkt die Absicht und ist verstimmt, wundert sich zwar nicht groß, kommt sich aber insgesamt gefoppt vor. Womit dann genau das Gegenteil von dem erreicht wäre, was vermutlich beabsichtigt war. Die Firma Ernsting steht, zumindest bei mir, eben nicht als großer Wohltäter da, sondern als ein Laden, der es irgendwie gewaltig nötig hat.

Immerhin, man lernt nie aus. Wieder eine Form des Marketings kennen gelernt, die mir neu war. Ist doch auch was. Vielleicht war ich auch nur so überrascht, weil ich einfach zu wenig von solchen Bildbänden lese. Obwohl: Gab es da nicht mal dieses seltsame, nicht als solches deklarierte Auftragswerk von Rafael Seligmann? Stimmt, da war mal was.


-----
Hans-Peter Boer/Andreas Lechtape: Westmünsterland. Münster: Aschendorff 2015, 172 S., 26,80 €.


Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen