Donnerstag, 18. Juni 2015

Nutella, aus Prinzip


Es ist vielleicht besser, wenn ich vorwegschicke, dass ich mir kaum etwas aus Süßigkeiten mache. Wenn ich mal Schokolade da habe, etwa wenn ich welche geschenkt bekomme, dann wird sie regelmäßig schlecht, so ich nicht beizeiten daran denke, sie an Leckermäuler weiterzuverschenken. In letzter Zeit hat sich das ein klein wenig geändert. So habe ich jetzt deutlich öfter nicht nur Eiswürfel, sondern auch Speiseeis im Froster, weil ich manchmal Lust darauf bekomme. Vielleicht ist es das fortschreitende Alter, vielleicht liegt's auch daran, dass ich nicht mehr rauche. Irgendwo las ich, Nikotin griffe irgendwie in den Blutzuckerhaushalt ein. Keine Ahnung.

Das nur, um zu verdeutlichen, wie total egal mir Nutella ist. Früher, als Kind und Opfer des Werbefernsehens sowie derer aus meiner Klasse, denen ich gefallen wollte und die meinten, das sei ganz toll, musste ich natürlich auch Nutella haben. Also gab es infolge entsprechender Nervereien meinerseits auch bei uns zu Hause hin und wieder ein Glas, an dem ich jedoch rasch das Interesse verlor. Meistens dann, wenn auch das im Deckel eingelassene Spielzeug seinen Reiz verloren hatte. Kurz: Wenn der Hersteller morgen bekannt gäbe, er stelle die Produktion sofort ein und ließe umgehend alle Restbestände aus den Supermarktregalen entfernen, um sie dort zu versenken, wo das Meer am tiefsten ist, dann würde mich das völlig kalt lassen.

Das wäre nicht bei allen so. Nicht nur zahllose Kinder, auch Erwachsene lieben die pappsüße, kackbraune Pampe, für viele ein aus der Kindheit herüber gerettetes guilty pleasure. Man weiß, es geht eigentlich nicht, aber ach, na wenn schon. Über der Frage 'Nutella oder Nusspli?' sollen schon Glaubenskriege ausgebrochen sein. Gibt insgesamt aber wohl Schlimmeres. Oder auch nicht. Zumindest wenn es nach der französischen Umweltministerin Ségolène Royal geht. Die verfügte nun angesichts der Tatsache, dass für die Gewinnung des in der Creme enthaltenen Palmöls Regenwald gerodet wird: "Man muss aufhören, Nutella zu essen." Das war der Moment, in dem ich ganz plötzlich den Drang verspürte, ein großes Glas davon in einem Rutsch auszulöffeln. Nicht, weil ich's so mag, sondern aus Prinzip.

Sicher, Palmöl hat sich zum echten Problem entwickelt. Das Zeug ist nicht nur in vielen fett- und schokoladenhaltigen Süßigkeiten enthalten, sondern wird auch Kosmetikprodukten, Reinigungs- und Waschmitteln zugesetzt, wenn nicht gar als Biosprit verfeuert. Es ist durchaus sinnvoll und richtig, die Begleitumstände der weltweiten Palmölerzeugung anzuprangern: Für den Anbau der Ölpalmen geht in der Tat jede Menge Regenwald über die Klinge, die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind meist nicht minder höllisch als in den Sweatshops in Bangladesh, in denen der Großteil unserer Kleidung zusammengetackert wird. Und das genau ist das Stichwort: Palmöl ist so ein Riesengeschäft, dass Nutella bzw. dessen Hersteller da nur ein ganz kleiner Fisch im Teich ist.

So edel und hehr ihr Ziel auch sein mag, ist Royals Aufruf damit ein schönes Beispiel für exakt jene hysterische Verbotsrhetorik, die Bagatellen zu handfesten Bedrohungen der Menschheit aufbläst und vielen inzwischen dementsprechend auf den Wecker geht. Es entsteht einmal mehr der Eindruck, es dünke sich eine privilegierte Mittel- bis Oberschicht im Besitz einer höheren Wahrheit und maße sich daher an, allen anderen Vorschriften  darüber machen zu dürfen, was sie auch im Privaten gefälligst zu tun und zu unterlassen hätten. Wenn hierzulande die Grünen immer noch an den Folgen ihrer Veggie Day-Kampagne knabbern, dann geschieht ihnen völlig recht.

Wer nämlich einmal Google bemüht und nach palmölfreien Alternativen sucht, findet in erster Linie Produkte, die diverse Öko-Siegel tragen und deutlich teurer sind. Sicher ist es teils vernünftig, nur so was zu kaufen. Nur eben nicht für alle leistbar in Zeiten der sich immer weiter öffnenden sozialen Schere. Oder was will man Kleinverdienern sagen, die das Jahr über so billig wie möglich einkaufen, damit sie sich zwei kostbare Urlaubswochen im Sommer leisten können? Urlaub ade und ab in den Bioladen? Pure Vernunft darf niemals siegen, wussten schon Tocotronic.

So sehr ich gutes Essen aus guten Zutaten schätze, so leid bin ich es, mir andauernd von jedem hergelaufenen, moralinsauren Besseresser anhören zu müssen, allein ich als Konsument sei mit meinem Konsumverhalten schuld am Elend der Welt. Das ist Quatsch. Das Problem ist zuvörderst die Wirtschaftsform, die die Menschheit mehrheitlich praktiziert, nämlich jene armselige Raffgier- und Ausbeutungsveranstaltung namens Kapitalismus und die aus ihr resultierenden Reichtums- und Einkommensverhältnisse. Daran aber lässt sich nur auf politischer Ebene etwas ändern und nicht dadurch, dass eine kleine, wenn auch laute Minderheit ethisch korrekt konsumiert und sich darauf öffentlich einen runterholt. Da reiben sich allenfalls diejenigen die Hände, die ihrerseits vom diesem Wohlfühlkonsum profitieren. Hurra, ein neuer Markt!

Essen kann vieles sein: Nahrungsaufnahme, Genuss, Lust, Begegnung, Geselligkeit, Kommunikation, anderen zu essen geben kann ein Akt der Liebe und Fürsorge sein. Immer aber, und das wird gern übersehen, ist Essen auch ein Statement über soziale Verhältnisse. Man ist insofern, was man isst, als dass man über seine Ernährung mitteilt, wo man sich wie in der Gesellschaft verortet. So war eine hochwertige, proteinreiche, dafür kohlenhydrat- und fettarme Ernährung, wie sie gerade als besonders gesund gilt, ein Attribut jener Wohlhabenden, die sich’s leisten konnten. Die Armen mussten traditionell sehen, wie sie billigstmöglich satt wurden. Also viele Kohlenhydrate und jedes Fett, das zu haben war. Exakt das, was man heute so gern der Unterschicht vorwirft. Zu fettig, zu billig, zu kohlenhydratig, igittigitt.

Daher haben diese inflationären Aufrufe zum ethischen Konsum bzw. Konsumverzicht auch so einen schalen Beigeschmack. Sie beseitigen keinen Missstand und sie helfen niemandem, außer dem Ego derer, die sich’s leisten können und es zwecks Abgrenzung vom Pöbel predigen. Blinder Aktionismus, bloße Symbolpolitik, gratis zu haben. Das hat man mittlerweile wohl auch Mme. Royal mitgeteilt. Sie hat ihren Appell zurückgezogen und sich entschuldigt. Geht doch. Andere hingegen lernen es wohl nie.


Kommentare :

  1. Für dieses Problem habe ich schon vor geraumer Zeit die perfekte Lösung gefunden: Ich spüle morgens mein Nutellabrot einfach mit einem Frühstückskrombacher runter. Die einen zerstören den Regenwald, die anderen retten ihn, und wenn ich aus dem Haus gehe ist meine Ökobilanz ausgeglichen und das Zittern in meinen Händen hat auch nachgelassen…!

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  2. Schöner artikel. Wenn sozialistin Royal etwas gegen die zustände in der palmölproduktion hat, dann soll sie die kapitalistischen produktionsbedingungen unterbinden, aber nicht den leuten vorschreiben, was sie essen sollen. Das geht nun ehrlich niemanden was an.

    In Deutschland hat die GRÜNpartei hat es tatsächlich geschafft, für ihre leute so etwas wie den wohlfühl-kapitalismus zu schaffen, wo man dann eben »ökologisch korrekt« und »fair trade« einkauft, man kann es sich leisten.

    Nein. Die konsumenten mit ihrem geiz (oder anders ausgedrückt: eingeschränktem lohneinkommen) sind keineswegs »schuld« an den herrschenden zuständen. Die sind gezwungen, sich an die gegebenheiten der verhältnisse, die sie vorfinden anzupassen.

    Konsumverzicht ist mit abstand das schäbigste, das gefordert werden kann. An der stelle, wo Du endlich die früchte Deiner arbeit genießen könntest, sollst Du selbstlos drauf verzichten, wofür Du gearbeitet hast. Das ist hier inzwischen quasi akzeptiert. Aber tatsächlich ist das eine unverfrorenheit, die sich gewaschen hat.

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    1. Danke. Gern genommen wird ja auch wohlfeiler Mittelschichts-Antirassismus. Anderen Vorträge über Multikulturelles halten und 'Refugees Welcome' plakatieren, aber wenn im eigenen durchgentrifizierten Kiez eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll, eine Bürgerinitiative dagegen gründen...
      @Thomas: Wenn das kein klimaneutraler Konsum ist, dann weiß ich auch nicht mehr. XD

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  3. Den Placebo-Effekt solcher Frühstücksaktionen sieht man anscheinend auch ähnlich an der Front derer, die dann die sinnvollen Forderungen nachfolgen lassen. Und hierzulande, würde das wohl speziell für Frau Bärbel Höhn unter Homöopathie laufen. Globales Human- und Umweltbewusstsein in Globuliform.

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  4. Zur nutella- Frage möchte ich nur Rüdiger Hoffmann zitieren. Ist zwar schon über 20 Jahre her, aber nach wie vor aktuell:
    https://www.youtube.com/watch?v=2BuINPPj3ys

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